Debatte um neue Isemarkt-Regelung sorgt für Spaltung: "Wir sind überfordert!"

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Hamburg - Seit vergangenem Freitag gilt auf dem traditionsreichen "Isemarkt" eine neue Regelung. Ab sofort bevorzugt das Bezirksamt Eimsbüttel bei der Vergabe freier Tagesplätze klassische Wochenmarkthändler für den Alltagsbedarf – wobei darunter auch Non-Food-Angebote wie Blumen oder Handwerk fallen. Vor allem über soziale Medien gehypte Foodtrucks geraten dadurch auf die Abschussliste und müssen nun täglich aufs Neue um einen Standplatz kämpfen. TAG24 hat sich vor Ort nach der Stimmung unter den Händlerinnen und Händlern umgehört.

Der Isemarkt in Hamburg befindet sich seit seiner Gründung im Jahr 1949 unter der U-Bahn-Trasse zwischen den Haltestellen Hoheluftbrücke und Eppendorfer Baum. Und ist inzwischen weit über die Stadtgrenzen bekannt.
Der Isemarkt in Hamburg befindet sich seit seiner Gründung im Jahr 1949 unter der U-Bahn-Trasse zwischen den Haltestellen Hoheluftbrücke und Eppendorfer Baum. Und ist inzwischen weit über die Stadtgrenzen bekannt.  © Tag24/Madita Eggers

"Hintergrund ist, dass wir seit einiger Zeit beobachten, dass sich viele Imbissstände als Tagesbewerber auf dem Isemarkt bewerben", erklärt Kay Becker, Sprecher des Bezirksamts Eimsbüttel, gegenüber TAG24.

"Dazu haben wir auch Beschwerden von Besuchern und Marktbeschickern erhalten, die befürchten, dass der Charakter des Wochenmarktes verloren gehen könnte."

Die aktuelle Entwicklung überrasche das Amt nicht, da sich der 1949 mit rund 40 Ständen gestartete Markt in den vergangenen Jahren zunehmend zu einem touristischen Ziel und Treffpunkt entwickelt habe.

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Wichtig sei bei der neuen Regelung, dass es ausschließlich um Tagesbewerber und nicht um Dauernutzer gehe. Zudem werde es auch weiter Imbisse geben, eben nur weniger, betont Becker.

"Unsere Aufgabe ist es, den Markt dahingehend zu steuern, dass der Charakter als Wochenmarkt mit dem Handel von frischen und besonderen Produkten erhalten bleibt und es daneben auch Stände zur Erfrischung für Getränke und Imbiss und zum nachbarschaftlichen Klönschnack gibt."

Fine von "True Soul Matcha": "Die Zeiten haben sich verändert"

Tjaya und Fine (r.) von "True Soul Matcha" stehen aktuell nur noch mit ihrem Schmuckstand "True Soul Jewelry" auf dem Isemarkt: "Aktuell orientieren wir uns ein bisschen um, weil Schmuck gegenüber Foodständen bevorzugt wird. Auch um die Situation besser einschätzen zu können."
Tjaya und Fine (r.) von "True Soul Matcha" stehen aktuell nur noch mit ihrem Schmuckstand "True Soul Jewelry" auf dem Isemarkt: "Aktuell orientieren wir uns ein bisschen um, weil Schmuck gegenüber Foodständen bevorzugt wird. Auch um die Situation besser einschätzen zu können."  © Tag24/Madita Eggers

Bekannt gemacht hatte die Änderung – zumindest online – Linda Franziska Guhr via Instagram, die seit rund einem Jahr mit ihrem Matcha-Stand "True Soul Matcha" auf dem Isemarkt verkauft. Sie selbst hat keinen festen Platz und hofft an den Markttagen, jeweils dienstags und freitags, einen der begehrten Tagesplätze zu ergattern.

TAG24 traf am Dienstag ihre Mitarbeiterinnen Fine und Tjaya, die noch mit dem Schmuckstand "True Soul Jewellery" vertreten sind. Die neue Regelung sei "sehr plötzlich und überraschend" gekommen und sorge für eine angespannte Situation.

Zwar sei es schon immer schwierig gewesen, einen Platz zu bekommen, "aber dass man gar keinen bekommt und teilweise 30 Händler weggeschickt werden, ist neu".

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Entsprechend groß ist die Verunsicherung: "Im Moment sind wir ehrlich gesagt etwas überfordert und würden uns einfach wünschen, hier weiterhin unseren Matcha verkaufen zu können." Gleichzeitig zeigen die Händlerinnen Verständnis für die Kritik aus der Nachbarschaft: "Hinter Kritik steckt ja immer auch eine Emotion, und wenn man hier wohnt, hat man eine lange Beziehung zu dem Markt."

Aber: "Es wird oft mit dem Gesetz argumentiert, dass der Markt ursprünglich vor allem zur Versorgung der Anwohner gedacht ist. [...] Man muss aber auch sehen, dass sich die Zeiten verändert haben. Ich finde es eigentlich schön zu sehen, wie sich hier unterschiedliche Menschen begegnen und wie vielfältige Ess- und Trinkkulturen zusammenkommen. Wichtig ist dabei aus meiner Sicht vor allem, dass die Chancengleichheit gewahrt bleibt."

Peter Quast: "Früher war das ein Markt für den täglichen Bedarf. Heute ist das eine Veranstaltung"

Fischhändler Peter Quast (73) steht seit 20 Jahren auf dem Isemarkt. Im Juni geht er in Rente und kehrt Hamburg den Rücken. "Wir wohnen in Schleswig-Holstein. Da haben wir in Barmstedt einen sehr kleinen, schönen Wochenmarkt, da werde ich dann hingehen."
Fischhändler Peter Quast (73) steht seit 20 Jahren auf dem Isemarkt. Im Juni geht er in Rente und kehrt Hamburg den Rücken. "Wir wohnen in Schleswig-Holstein. Da haben wir in Barmstedt einen sehr kleinen, schönen Wochenmarkt, da werde ich dann hingehen."  © Tag24/Madita Eggers

Ein langjähriger Händler sieht die Entwicklung deutlich kritischer. Fischhändler Peter Quast (73) aus Schleswig-Holstein ist seit rund 20 Jahren mit seinem "frischen Matjes" auf dem Isemarkt vertreten: "Früher war das ein Markt für den täglichen Bedarf an Lebensmitteln. Heute ist das eine Veranstaltung."

Die Veränderungen hätten bereits vor fünf bis sechs Jahren begonnen. Quast reagierte darauf und passte sein Angebot an: "Ich bin rechtzeitig auf Fischbrötchen umgestiegen. Früher war es viel Frischfisch, viele Salate. Heute ist es schnell was essen. Die Leute gehen her, um vor Ort etwas zu verzehren."

Diese Entwicklung beobachtet er aber nicht nur auf dem Isemarkt: "Ich stehe zum Beispiel auch schon seit über 50 Jahren auf dem Goldbekmarkt, und da ist es ähnlich", so der baldige Rentner gegenüber TAG24.

Für ihn sind Foodtrucks aber vor allem ein "Großstadtphänomen": In seiner norddeutschen Heimat gebe es hingegen noch "ganz normale" Wochenmärkte.

Die Länge des Isemarkt lädt zum Schlendern ein.
Die Länge des Isemarkt lädt zum Schlendern ein.  © Tag24/Madita Eggers

Händlerin über neue Isemarkt-Regelung: "Man wird angefeindet!"

Franziska Miller (35, r.) steht seit sieben Jahren mit "Sissis kaiserlicher Schmarrn" auf dem Isemarkt.
Franziska Miller (35, r.) steht seit sieben Jahren mit "Sissis kaiserlicher Schmarrn" auf dem Isemarkt.  © Tag24/Madita Eggers

Beide Seiten nachvollziehen kann Franziska Miller. Die 35-Jährige verkauft seit sieben Jahren mit "Sissis kaiserlicher Schmarrn" regelmäßig Kaiserschmarrn auf dem Isemarkt und ist ebenfalls betroffen.

"Natürlich ist das doof für die Betroffenen. Es ist einfach schwer, eine Regelung zu finden, mit der alle glücklich werden", so die gebürtige Allgäuerin gegenüber TAG24.

Auch für sie selbst werde es schwieriger, ihren Platz zu behaupten: "Es war schon immer ein bisschen ein Kampf, aber jetzt wird es noch schwieriger."

Sie selbst steht dem steigenden Andrang auf dem Isemarkt positiv gegenüber: "Für mich macht die Vielfalt den Isemarkt einzigartig – gerade dass es hier so touristisch ist, ist für uns Händler natürlich gut."

Eine weitere (nicht betroffene) Verkäuferin, die anonym bleiben möchte, sieht durch die neue Regelung vor allem wachsende Spannungen.

Gegenüber TAG24 sagte sie: "Ich glaube, das eigentliche Problem ist, dass dadurch eher Hass oder eine gewisse Spaltung entsteht und man angefeindet wird. Und das ist schade, denn wir können uns hoffentlich alle darauf einigen, dass ein voller Wochenmarkt besser ist als ein leerer."

Titelfoto: Tag24/Madita Eggers

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