Vorzeigestadt Offenbach? Viele dürften extrem überrascht sein - und zugleich auch wieder nicht

Offenbach am Main - "Eine der sichersten Städte Deutschlands" dürfte den meisten beim Gedanken an Offenbach wohl eher nicht in den Sinn kommen. Nur bei wenigen Städten scheint der Widerspruch beim Blick von außen so greifbar.

Vorzeigestadt für Deutschland? So weit ist Offenbach noch nicht.
Vorzeigestadt für Deutschland? So weit ist Offenbach noch nicht.  © Boris Roessler/dpa

"Offenbach ist eine schlimme Stadt", hatte Rapper Haftbefehl (40), der auf den bürgerlichen Namen Aykut Anhan hört, in einem "Spiegel"-Interview im Jahr 2014 erklärt und von "Aggressivität", "auf die Fresse hauen" sowie Waffengewalt gesprochen.

In den vergangenen Jahren hat sich zumindest mit Blick auf die Gewaltstatistik offenbar einiges getan.

Inzwischen gilt Offenbach als eine der sichersten Städte des Landes, liegt hinter Erlangen, Fürth und Bergisch Gladbach auf dem vierten Rang. Einem plötzlichen Reichtum kann die Entwicklung nicht zugeschrieben werden, verfügen die Bewohner doch über die geringste Kaufkraft Deutschlands.

Erschreckende Zahlen: Angriffe auf Zugpersonal in Hessen steigen
Hessen Erschreckende Zahlen: Angriffe auf Zugpersonal in Hessen steigen

Mit der Frage, wie das mit der Alltagsrealität zusammenpassen kann oder ob die entsprechenden Statistiken vielleicht trügen, hat sich die Sendung "stern TV" auf RTL beschäftigt. Viele der Zahlen, die in dem am Mittwochabend ausgestrahlten Bericht angeführt werden, haben es in sich. 39,8 Prozent der Menschen, die in Offenbach leben, sind Ausländer, 66,5 Prozent haben Migrationshintergrund.

So nah und doch so fern: Frankfurt als anscheinend ganz andere Welt

Die Kaufkraft in Frankfurt ist um ein Vielfaches höher.
Die Kaufkraft in Frankfurt ist um ein Vielfaches höher.  © Boris Roessler/dpa

Reporterin Carolin von der Groeben hat sich vor Ort für den Beitrag "Offenbach: Vom Brennpunkt zur Vorzeigestadt" umgeschaut. Ihr erstes Fazit? "Ich muss sagen, ich war schon in vielen Brennpunkten - und auf den ersten Blick ist eigentlich alles wie immer." Die wirtschaftlichen Verhältnisse sind der Stadt am Main vielerorts deutlich anzusehen.

Dass sich das Stadtbild im Vergleich zu früher stark verändert hat, findet auch Liliane Pfaff. "Wir hatten früher ganz tolle Läden hier", schildert die Seniorin im Gespräch mit von der Groeben. Das sei jetzt nicht mehr der Fall und schlichtweg deprimierend.

Die vielen unterschiedlichen Kulturen und Sprachen erschweren in ihren Augen das Zusammenleben spürbar. Man lebe nun aneinander vorbei statt miteinander. "Ich höre auch meine Sprache nicht mehr", erklärt Pfaff. "Ich fühle mich fremd." Mehr als 160 Nationalitäten sind in Offenbach vertreten.

Toiletten in Schule angezündet: Fünf Personen im Krankenhaus
Hessen Toiletten in Schule angezündet: Fünf Personen im Krankenhaus

Für Moreno ist die Stadt "einfach Heimat". Woandershin würde er nicht wollen, auch wenn es leider nichts "wirklich Geiles" in der Stadt gebe, wie er auf Rückfrage einräumt. "Vorzüge und Nachteile" habe jeder Ort. Wie ihm geht es anscheinend vielen.

Von außen betrachtet muss man bei der Suche nach Vorteilen aber wohl schon sehr genau hinschauen. Vor allem, da Frankfurt nur 13 S-Bahn-Minuten entfernt als reichste Stadt des Bundeslandes eine ganz andere Welt zu sein scheint.

Perspektiven als Katalysatoren für positive Entwicklung - aber noch extrem viel Luft nach oben

Die Lebensrealität vieler Menschen in Offenbach ist weiterhin erschreckend. Die Kaufkraft ist die geringste in ganz Deutschland.
Die Lebensrealität vieler Menschen in Offenbach ist weiterhin erschreckend. Die Kaufkraft ist die geringste in ganz Deutschland.  © Boris Roessler/dpa

Der Blick auf die Statistik des Polizeipräsidiums Südosthessen dürfte deshalb viele überraschen. Waren es 2023 noch 9871 Straftaten, sank die Zahl 2024 auf 6046 Fälle - ein Rückgang von 17,82 Prozent. 5267 Fällen mit Beteiligung Jugendlicher stehen 4622 (12,2 Prozent weniger) gegenüber.

Und das, obwohl Armut ein gesicherter Treiber für Kriminalität ist. Ein Aspekt dürfte die 2024 ins Leben gerufene "Innenstadtoffensive" sein, im Rahmen derer die Polizeipräsenz deutlich erhöht wurde.

"Die Polizei ist jeden Tag da. Wir haben eine gute Polizei hier", befindet Abbas. Die Beamten seien "wachsam und freundlich". Was dem gebürtigen Iraner, der inzwischen seit 45 Jahren in Offenbach lebt, zufolge jedoch klar sein müsse: Sicherheit entspreche nicht auch unbedingt Lebensqualität.

Dass diese für alle Menschen, vor allem aber für Jugendliche, mit Perspektiven einhergeht, weiß die SPD-Stadtverordnete Hibba Kauser, die selbst in einem Flüchtlingsheim geboren wurde, nachdem ihre Eltern zuvor aus Pakistan geflüchtet waren.

"Eine gute Politik muss darauf ausgerichtet sein, auch den schwächsten Mitgliedern einer Gesellschaft Perspektiven zu bieten, durch die sie auch den Aufstieg schaffen können", erklärt sie gegenüber von der Groeben. Im Gespräch mit Moderator Steffen Hallaschka führt sie im Studio aus: "Wenn man eine Stadt sicherer machen will, muss man Perspektiven bieten. Das heißt, man darf nicht nach unten treten, sondern muss schauen, wie man Menschen bestmöglich in die Gesellschaft einbringen kann."

Das geschehe in Offenbach. Seit 2022 seien mehr als 300 Millionen Euro aus kommunalen Kassen in Bildung und Kitas gesteckt worden. "Weil Bildung Zukunftsperspektiven schafft." Außerdem existiere eine engagierte Zivilgesellschaft, die Projekte antreibe. Trostlosigkeit, Unsicherheit, Angst sind weiter wahrnehmbar, aber eben auch mehr Hoffnung.

Titelfoto: Montage: Boris Roessler/dpa (2)

Mehr zum Thema Hessen: