Heute vor 143 Jahren: Ein verschwundenes Mädchen, ein Dorf voller Gerüchte und ein Urteil mit Folgen

❤️
😂
😱
🔥
😥
👏

Heute vor 143 Jahren, am 3. August 1883, fiel das Urteil in einem Prozess um ein verschwundenes Mädchen. Die sogenannte Affäre von Tiszaeszlár bewegte ganz Europa.

Viele spannende Geschichten aus aller Welt gibt's hier: heute vor ... Jahren.

Bericht in der damaligen Wochenzeitung.
Bericht in der damaligen Wochenzeitung.  © Vasárnapi Ujság, Ábrányi Lajos/Public Domain/Wikimedia Commons

Ausgangspunkt war das Verschwinden des 14-jährigen christlichen Bauernmädchens Eszter Solymosi am 1. April 1882 im Dorf Tiszaeszlár (Ungarn).

Schnell gerieten Mitglieder der jüdischen Gemeinde unter Verdacht. Ihnen wurde ein angeblicher Ritualmord vorgeworfen - eine seit dem Mittelalter verbreitete antisemitische Ritualmordlegende, für die es keinerlei historische Belege gibt. Demnach sei das Mädchen anlässlich des bevorstehenden Pessachfestes von der jüdischen Bevölkerung geopfert worden.

Aufgrund dieser Gerüchte soll die Mutter schließlich Anzeige erstattet haben, nicht zuletzt auch deswegen, weil sie angeblich von dem Mord geträumt habe.

Heute vor 22 Jahren: Dieses Feuer hat tiefe Wunden in Paraguay hinterlassen
Heute vor ... Jahren Heute vor 22 Jahren: Dieses Feuer hat tiefe Wunden in Paraguay hinterlassen

Am 18. Juni 1882, also rund zweieinhalb Monate nach ihrem Verschwinden, wurde in der Theiß, einem Nebenfluss der Donau, die Leiche eines jungen Mädchens gefunden. Nach Einschätzung der Behörden handelte es sich um Eszter Solymosi.

Die Todesursache sei mit großer Wahrscheinlichkeit Ertrinken. Ob das jedoch unter Fremdeinwirkung passierte oder ein Unfall war, konnte nie zweifelsfrei geklärt werden.

Warum das Gericht die Angeklagten freisprach

Im Verlauf des Prozesses waren zahlreiche Mitglieder der örtlichen jüdischen Gemeinde in Haft genommen worden. Gegen 15 von ihnen wurde schließlich Anklage wegen Mordes an dem Mädchen erhoben.

Mit der Zeit zeigte sich jedoch, dass die Vorwürfe nicht durch belastbare Beweise gestützt werden konnten. Mehrere Zeugenaussagen erwiesen sich als widersprüchlich und reichten nach Auffassung des Gerichts nicht aus, um die Schuld der Angeklagten nachzuweisen.

Nach monatelanger Verhandlung sprach das Gericht am 3. August 1883 alle Angeklagten frei.

Obwohl das Verfahren mit einem Freispruch endete, blieb die Affäre von Tiszaeszlár noch lange Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Historiker und Historikerinnen sehen in ihr einen der bekanntesten antisemitischen Justizfälle des 19. Jahrhunderts.

Zugleich zeigt der Prozess, welche Bedeutung eine unabhängige Rechtssprechung und Entscheidungen auf Grundlage überprüfbarer Beweise für den Rechtsstaat haben.

Titelfoto: Vasárnapi Ujság, Ábrányi Lajos/Public Domain/Wikimedia Commons

Mehr zum Thema Heute vor ... Jahren: