Heute vor 102 Jahren: Wie ein Serienmörder der Polizei ins Netz ging
Heute vor 102 Jahren, am 23. Juni 1924, nahm einer der bekanntesten Kriminalfälle Deutschlands eine entscheidende Wendung: Die Festnahme von Fritz Haarmann in Hannover beendete eine jahrelange Mordserie.
Andere Ereignisse, die Geschichte schrieben, gibt es hier: heute vor ... Jahren.
Im Frühjahr 1924 fanden Anwohner am Fluss Leine in Hannover mehrere menschliche Überreste. Gleichzeitig häuften sich (seit 1918) ungeklärte Vermisstenfälle, vor allem unter jungen Männern und Jugendlichen. Zeugenaussagen brachten schließlich den Namen Haarmann zunehmend in den Fokus der Ermittler.
Fritz Haarmann, geboren 1879, war den Behörden keineswegs unbekannt. Etwa in seinen 20er Jahren begann seine Laufbahn als Kleinkrimineller - darunter auch sexueller Missbrauch von Kindern -, wofür er mehrmals verurteilt wurde.
Außerdem unterhielt Haarmann homosexuelle Kontakte, die er vorrangig im Umfeld des Hauptbahnhofs knüpfte. Immerhin suchten dort viele Obdachlose, Waisen, Prostituierte und Ausreißer Zuflucht - relativ leichte "Beute" also zur damaligen Nachkriegszeit, die von Hunger und Armut geprägt war.
Da Haarmann jedoch zeitweise als Informant gearbeitet hatte, machte ihn genau diese Nähe zu polizeilichen Strukturen zunächst unauffällig.
Festnahme Haarmanns nach wachsendem Druck
Die entscheidende Phase der Überführung von Fritz Haarmann begann, als sich Zeugenaussagen und materielle Beweise gegenseitig bestätigten. Mehrere Personen berichteten unabhängig voneinander, dass die vermissten jungen Männer zuletzt in Begleitung Haarmanns gesehen worden waren.
Dabei wiederholten sich bestimmte Muster: Haarmann sprach gezielt Männer im Bereich des Bahnhofs an, bot ihnen gegen sexuelle Dienste einen Unterschlupf oder kostenloses Essen und nahm sie anschließend mit in seine Wohnung.
Die übereinstimmenden Aussagen verdichteten den Verdacht so weit, dass er nicht länger nur als auffällige Person galt, sondern konkret in den Fokus der Ermittlungen rückte und überwacht wurde.
Nach seiner Festnahme am 23. Juni 1924 wegen Bedrohung eines Jugendlichen folgte die Durchsuchung seiner Wohnräume. Dabei fanden die Ermittler neben Blutspuren auch Gegenstände, die später einzelnen Vermissten zugeordnet werden konnten. Darunter befanden sich zahlreiche zum Teil blutbefleckte Kleidungsstücke sowie persönliche Besitztümer, die er nach eigenen Angaben stets verkaufte.
Später gestand Haarmann mehrere Morde, die er wie im Rausch durchgeführt haben will. Seine Opfer sollen zwischen zehn und 22 Jahren alt gewesen sein und kamen oft aus instabilen sozialen Verhältnissen.
Hintergrundwissen: Bei den Vernehmungen von Fritz Haarmann kam es späteren Berichten zufolge zu unzulässigen Druck- und Einschüchterungsmethoden. So wurde er in einer speziell präparierten Zelle mit drastischen Inszenierungen konfrontiert, um ein Geständnis zu erzwingen. Unter diesem psychischen Druck legte er schließlich ein Geständnis ab. Hinweise auf mögliche körperliche Gewalt durch einzelne Beamte wurden erst Jahrzehnte später bekannt.
Vor Gericht wurde Fritz Haarmann schließlich wegen 24 Morden verurteilt, weitere Taten räumte er ein. Der Prozess sorgte für großes öffentliches Interesse. Das Urteil: Todesstrafe durch das Fallbeil. Die Hinrichtung erfolgte am 15. April 1925. Sein Kopf wurde Forschungszwecken zur Verfügung gestellt und fast 90 Jahre aufbewahrt, bevor er 2014 eingeäschert und anonym beigesetzt wurde.
Titelfoto: Fotomontage: Bundesarchiv Bild 102-00881/Georg Pahl/CC-BY-SA 3.0/CC BY-SA 3.0 DE/Wikimedia Commons, Unbekannter Autor/Gemeinfreiheit/Wikimedia Commons

