Wilke-Wurst-Skandal mit elf Toten und vielen Erkrankten: Angeklagte stehen vor Gericht - und schweigen vorerst

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Von Nicole Schippers

Kassel - Fast sieben Jahre nach einem Skandal um keimverseuchte Fleischwaren der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren im Twistetal hat der Prozess gegen drei Ex-Mitarbeiter des Betriebs vor dem Landgericht Kassel begonnen.

Die drei angeklagten Ex-Mitarbeiter der Firma Wilke müssen sich endlich vor Gericht verantworten.
Die drei angeklagten Ex-Mitarbeiter der Firma Wilke müssen sich endlich vor Gericht verantworten.  © Swen Pförtner/dpa

Mit Skibrille und Gesichtsmaske vermummt betritt eine der Angeklagten den Gerichtssaal, um sich vor den zahlreichen Kameras der anwesenden Presse zu schützen. Die 55-Jährige sitzt zusammen mit zwei 57- und 58-jährigen Männern nach einem der schwersten deutschen Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre seit heute auf der Anklagebank. 

Die drei ehemaligen leitenden Mitarbeiter der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren sollen verantwortlich sein, dass mit Listerien verseuchte Fleisch- und Wurstwaren über Jahre in den Handel gebracht wurden, die den Tod von elf Menschen zumindest mitverursacht haben sollen.

Listerien sind eine Bakterienfamilie, die sich auch in kühler Umgebung entsprechend stark vermehrt.

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Der Vorwurf gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Fabrik, seine Stellvertreterin sowie den damaligen Produktionsleiter lautet unter anderem fahrlässige Tötung in elf Fällen sowie fahrlässige Körperverletzung in sieben Fällen. Zum Prozessauftakt vor der 2. (Wirtschafts-)Strafkammer äußerten sich die Beschuldigten nicht. Ein Versuch der Verständigung, die dem Gericht erlaubt hätte, den Angeklagten im Gegenzug für ein Geständnis eine bestimmte Strafe in Aussicht zu stellen, scheiterte somit. 

Die zuständige Staatsanwaltschaft warf den Angeklagten am ersten Verhandlungstag vor, sie hätten von 2015 bis 2019 "unter katastrophalen hygienischen Bedingungen" keimbelastete Wurst produzieren lassen - mit verheerenden Folgen.

Bereits durch die gesamte bauliche Situation des Betriebs, den die Staatsanwaltschaft nicht namentlich nennt, durch Feuchtigkeit und eine fehlende Schwarz-Weiß-Trennung, also die fehlende Trennung reiner und unreiner Bereiche der Produktion, hätten sich Listerien ansiedeln und verbreiten können. Auch habe es gravierende Reinigungsmissstände gegeben. Zu wenig und zu schlecht ausgerüstete Mitarbeiter seien demnach für die Reinigung abgestellt worden.

Waren Infektionen mitursächlich am Tod von elf Menschen?

Der Lebensmittelskandal um die Firma Wilke ist einer der schlimmsten Fälle der vergangenen Jahre.
Der Lebensmittelskandal um die Firma Wilke ist einer der schlimmsten Fälle der vergangenen Jahre.  © Uwe Zucchi/dpa

Überdies sollen die Beschuldigten der Anklage zufolge teilweise verdorbene Ware aufbereitet beziehungsweise überlagerte Ware mit einem gefälschten Mindesthaltbarkeitsdatum versehen und in den Handel gebracht haben, um dem finanziell angeschlagenen Unternehmen die so dringend notwendigen Einnahmen zu sichern. 

Den Angeklagten sei klar demnach gewesen, dass die in dem Betrieb produzierten Lebensmittel gesundheitsschädlich gewesen seien, erklärte die Staatsanwaltschaft. Sie hätten es dennoch unterlassen, die Behörden zu informieren und die Waren zurückzurufen. Mit ihrem Handeln hätten sie Gesundheitsschäden und die Gefährdung einer Großzahl an Personen billigend in Kauf genommen.

Die Firma Wilke in Twistetal (Landkreis Waldeck-Frankenberg) war im Oktober 2019 geschlossen worden, nachdem in ihrer Wurst Listerienkeime nachgewiesen worden waren. 37 Menschen sollen nach dem Verzehr der verunreinigten Produkte des Betriebs eine Listeriose entwickelt haben.

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Bei elf von ihnen soll die Infektion zumindest mitursächlich für deren Tod gewesen sein. Die Keime können bei geschwächtem Immunsystem lebensgefährlich sein. Sieben Menschen sollen erhebliche Krankheitssymptome entwickelt haben. 

Die elf Toten im Alter zwischen 47 und 86 Jahren stammten nach Angaben der Staatsanwaltschaft aus Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen, Berlin und dem Saarland. Viele der Gestorbenen hatten sich zuvor in Pflegeeinrichtungen oder Kliniken aufgehalten, die von Wilke beliefert wurden. 

Prozess in Kassel: Vielzahl an Vorwürfen stehen zur Verhandlung

In Kassel stehen eine Vielzahl an Vorwürfen zur Verhandlung.
In Kassel stehen eine Vielzahl an Vorwürfen zur Verhandlung.  © Swen Pförtner/dpa

Neben den angeklagten fahrlässigen Tötungen und Körperverletzungen legt die Staatsanwaltschaft den drei Beschuldigten darüber hinaus die Beibringung gesundheitsgefährdender Stoffe in vier, Betrug in 17 und gesundheitsgefährdendes Inverkehrbringen von Lebensmitteln in insgesamt 18 Fällen zur Last. 

Der Ex-Geschäftsführer und seine Stellvertreterin müssen sich überdies wegen vierfacher versuchter Körperverletzung durch Unterlassen verantworten.

In drei Fällen sollen sie trotz eines positiven Salmonellenbefunds aus einer Eigenbeprobung keinen Warenrückrückruf veranlasst haben.

In einem weiteren Fall sollen die beiden durch die Lebensmittelaufsicht eines anderen Bundeslandes über einen positiven Listerienbefund informiert worden sein, aber nicht alles Erforderliche getan haben, um den vollständigen Rückruf der Ware zu gewährleisten. Das wäre aber nötig gewesen.

Am Mittwoch soll der Prozess mit der Aussage von zwei Sachverständigen fortgesetzt werden.

Prozess zum Wilke-Wurst-Skandal: Urteil ist nach derzeitiger Planung für Mitte August angesetzt

Sie sollen laut dem Vorsitzenden Richter Mirko Schulte Auskunft dazu geben, "wie die gesundheitliche Seite bei den Patientinnen und Patienten zu beurteilen ist, die gestorben sind".  Insgesamt sind derzeit mehr als ein Dutzend weitere Verhandlungstage vor dem Landgericht geplant. Der Prozessstoff sei sehr umfangreich, sagte Schulte.

Bedeutet: Er umfasst rund 160 Ordner mit Beweismitteln und eine 200 Seiten lange Anklageschrift.

Mit einem Urteil ist nach derzeitiger Planung Mitte August zu rechnen.

Erstmeldung: 13.13 Uhr, zuletzt aktualisiert: 15.20 Uhr

Titelfoto: Swen Pförtner/dpa

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