Wurst-Skandal hat elf Menschenleben gekostet: Das sagt der Ex-Wilke-Chef zu schweren Vorwürfen
Von Nicole Schippers
Kassel - Im mit Spannung erwarteten Prozess um den Wilke-Wurst-Skandal hat der ehemalige Geschäftsführer des Betriebs "Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren" vor Gericht in Kassel sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen.
Während die Mitangeklagten sich auch am zweiten Prozesstag nicht zu den Vorwürfen äußerten, wies der 57 Jahre alte Angeklagte diese gänzlich zurück.
Sein Verteidiger verlas eine Erklärung, da sein Mandant selbst zu belastet und aufgeregt sei.
Darin betonte der Mann, seine Verbindung zur Firma Wilke gehe weit über ein wirtschaftliches Interesse hinaus. Das Unternehmen sei sein Lebenswerk gewesen, das er geprägt habe. Für ihn habe immer allerhöchste Priorität gehabt, dass alle gesetzlichen Vorgaben in dem Betrieb von ihm eingehalten wurden, um somit die Sicherheit von Verbrauchern und Produkten zu gewährleisten.
Die Zuständig- und Verantwortlichkeiten in dem Betrieb seien zwischen ihm, seiner Stellvertreterin und dem Produktionsleiter klar geregelt gewesen, sagte der 57-Jährige.
Als Geschäftsführer habe er die Gesamtverantwortung getragen. Seine zentrale Aufgabe sei aber die strategische Verantwortung des Unternehmens gewesen. Die Steuerung der täglichen Produktionshygiene und Kontrollprozesse sei bewusst an die genannten Fach- und Führungsebenen delegiert gewesen, führte der Angeklagte weiter aus.
Wurde Wurst im Wilke-Betrieb unter "katastrophalen hygienischen Bedingungen" produziert?
Er habe regelmäßig Berichte und Auswertungen aus den jeweiligen Verantwortungsbereichen erhalten. "Hinweise auf konkrete Gefahrenlagen, erhebliche Pflichtverstöße oder ein strukturelles Versagen der eingerichteten Systeme lagen mir zu keinem Zeitpunkt vor", ließ der Mann verlesen.
Zuvor hatte der Verteidiger der Staatsanwaltschaft bei der Verlesung der Anklage eine Vorverurteilung seines Mandanten vorgeworfen. Die Verteidigung halte die Anklage in jeder Hinsicht für unbegründet.
Der 57-Jährige sowie seine 55-jährige damalige Stellvertreterin und der 58 Jahre alte einstige Produktionsleiter der Firma stehen derzeit unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in elf Fällen sowie fahrlässiger Körperverletzung in sieben Fällen in Hessen vor dem Landgericht Kassel.
Sie werden von der Staatsanwaltschaft beschuldigt, dafür verantwortlich zu sein, dass mit Listerien verseuchte Fleisch- sowie Wurstwaren der Firma über Jahre hinweg in den Handel gelangt sind - mit schlimmen Folgen. Die Anklage wirft ihnen vor, sie hätten von 2015 bis 2019 "unter katastrophalen hygienischen Bedingungen" keimbelastete Wurst produzieren lassen.
Dabei sei ihnen klar gewesen, dass die Lebensmittel gesundheitsschädlich gewesen seien. Sie hätten es dennoch unterlassen, die Behörden zu informieren und die Waren zurückzurufen. Sie hätten Gesundheitsschäden billigend in Kauf genommen. Der Betrieb im nordhessischen Twistetal war im Oktober 2019 letztendlich geschlossen worden.
Titelfoto: Swen Pförtner/dpa

