Beim Schornsteinfeger sehen sie rot: Zwillinge (66) lösen filmreifen Polizeieinsatz aus

Leipzig - Für die meisten Menschen ist der Schornsteinfeger ein Glückssymbol. Für Annerose und Birgit ist der schwarze Mann hingegen ein rotes Tuch. Weil die 66 Jahre alten Zwillingsschwestern aus der Bornaer Provinz den Kaminkehrer nicht in ihr Haus lassen wollten, kam es zu einem filmreifen Polizeieinsatz, der jetzt ein juristisches Nachspiel erlebte.

Die renitenten Zwillingsschwestern Annerose (l.) und Birgit vor ihrem verbarrikadierten Grundstück. Gestern wurden sie wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu Geldstrafen verurteilt.  © Bildmontage: Ralf Seegers

Annerose und Birgit teilen von Geburt an alles. Ihr Leben als ledige Damen, ihren beruflichen Werdegang als Wirtschaftskauffrauen im DDR-Außenhandel, ihre Frisur, ihr Temperament. Wenn die eine vor Gericht spricht, formt die andere zu jedem Wort der Schwester ihre Lippen.

Für viele in dem kleinen Dorf bei Borna gelten die Zwillinge als skurrile Eigenbrötler.

Auch weil sie ihr Elternhaus, einen alten Dreiseitenhof, regelrecht verbarrikadiert und mit selbstgeschriebenen Warnzetteln versehen haben. Offenbar mögen sie keinen Besuch - und schon gar nicht von einem Schornsteinfeger. Das führte im Frühsommer 2024 zu einer Eskalation.

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Weil die Schwestern immer wieder eine seit 2023 fällige Feuerstättenschau verweigert hatten, rückte der Schornsteinfeger am 26. Juni mit Polizei-Eskorte und zwei Damen vom Landratsamt an.

Eine Dreiviertelstunde habe man auf die Zwillinge eingeredet und ihnen die Notwendigkeit des Schornsteinfeger-Besuchs zu erklären versucht, berichtete Polizeihauptmeister Ronny I. (51) im Zeugenstand. Doch Annerose und Birgit schimpften nur wie die Rohrspatzen und hielten das Tor zu.

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Behielt in diesem bizarren Fall den Überblick und sprach die Zwillingsschwestern am Ende schuldig: Richterin Karen Aust.  © Ralf Seegers

Polizist geschlagen und ins Knie gebissen

Ohne Polizeieskorte hatte der Schornsteinfeger (Symbolfoto) bei den Schwestern keine Chance. Doch der Einsatz eskalierte.  © Bildmontage: Ralf Seegers; IMAGO

Als eine Schwester einen daumendicken Strick über das Tor warf und mit Selbstmord drohte, war es den vier Polizisten zu bunt.

Das Tor flog aus den Angeln, die Zwillinge wurden getrennt und fixiert. Was den Zeugenaussagen zufolge nicht nur ohrenbetäubendes Dauergeschrei zur Folge hatte. Laut gerichtlicher Feststellung schlug Annerose einem Polizisten ins Gesicht und biss ihm dann auch noch ins Knie.

Im Prozess hatten dies die Zwillinge bestritten. "Ich habe den Polizisten nicht gebissen, nur nach Luft geschnappt", erklärte Annerose. Das Landgericht hielt die Zeugenaussagen der beteiligten Beamten jedoch für glaubwürdiger.

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Auch Schornsteinfeger Holger G. (59) erinnerte sich gestern mit Grauen an den Einsatz: "Als ich mit meiner Arbeit fertig war, hatte die eine Frau weißen Schaum vor dem Mund und sagte zu mir: Ich hasse dich".

Am Ende wurden die Schwestern, die ohne Anwalt vor dem Berufungsgericht um einen Freispruch kämpften, wie schon zuvor am Amtsgericht Borna wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verurteilt - die beißende Annerose zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen zu 8 Euro (560 Euro) und die schäumende Birgit zu 240 Euro (30 Tagessätze). Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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