Prozess gegen Magdeburger Amokfahrer: Zeuge verliert Job durch Trauma

Magdeburg - Der Gerichtsprozess gegen den Amokfahrer auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt geht am Dienstag weiter. Erwartet werden weitere Zeugen und Nebenkläger, die jedoch nicht direkt bei dem Anschlag verletzt worden sind.

Attentäter Taleb A. (51) hat die Tat vor dem Richter gestanden.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Der 51-jährige Angeklagte Taleb A. steht wegen sechsfachem Mord und über 300-fachem versuchten Mord vor Gericht. Ihm droht lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung.

Zuletzt wurde eine Beschränkung des Verfahrens abgelehnt.

Grundlegende Informationen zu dem Attentat und dem langwierigen Gerichtsverfahren findet Ihr in folgendem Artikel: "Eigenes Gerichtsgebäude gebaut: Mega-Prozess gegen Magdeburger Amokfahrer startet".

Gerichtsprozesse Magdeburg Prozess zum Magdeburg-Anschlag: Sachverständiger bescheinigt Taleb A. Persönlichkeitsstörung

TAG24 ist vor Ort und berichtet in einem Liveblog direkt aus dem Gerichtsgebäude.


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14.19 Uhr: Zeuge berichtet von leblosen Kindern auf dem Boden

Ein weiterer Zeuge schildert seine Beobachtungen am Anschlagsabend. Der 27-jährige Sozialarbeiter berichtet von einem Treffen mit Freunden.

Plötzlich habe er dumpfe Aufschläge wahrgenommen, ehe er das Amok-Auto erblicken konnte. "Menschen sind wie Bowling-Pins umgeworfen worden", sagt er.

Nachdem er sich selbst zunächst in Sicherheit gebracht hatte, wollte er den Opfern auf dem Weihnachtsmarkt helfen. Besonders betroffen gemacht hat ihn der Anblick zweier augenscheinlich lebloser Kinder.

Auch er hat bis heute mit den Folgen zu kämpfen. Besonders brisant: Er selbst arbeitet in der JVA Burg, wo Attentäter Taleb A. schon einmal untergebracht wurde und derzeit für die Dauer der Gerichtsverhandlungen erneut untergebracht ist.

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13.22 Uhr: Zeugin dachte zunächst an einen Unfall

Auch eine 48-jährige Heilerziehungspflegerin wurde am heutigen Verhandlungstag als Zeugin geladen. Sie war zur Tatzeit mit alten Abitur-Freunden Glühwein trinken und erlebte das Attentat hautnah.

Zunächst habe sie Vibrationen im Boden gespürt, schildert sie. Anschließend hörte sie Geräusche von aufschlagenden Menschen auf der Motorhaube und auf dem Boden. Der Täter sei mit dem Wagen nur knapp an ihr vorbeigefahren.

Während der Anhörung erinnert sie sich an einen Mann, der direkt nach dem Angriff geistesgegenwärtig gewarnt hat: "Vielleicht ist es noch nicht vorbei, vielleicht passiert noch irgendwas."

Sie selbst sei zunächst nur von einem Unfall ausgegangen. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass jemand in Kauf nimmt, über so viele Menschen zu fahren."

Im Prozess gegen den Amokfahrer von Magdeburg wurden am Dienstag mehrere Zeugen angehört. (Archivbild)  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

12.15 Uhr: Betroffene Kinder müssen nicht persönlich aussagen

Damit die betroffenen Kinder nicht persönlich in dem großen Gerichtsgebäude vor dem Richter und der Vielzahl an Anwälten und Nebenklägern aussagen müssen, wurden ihre Schilderungen verlesen.

Ebenfalls wie bei den Erwachsenen haben sie bis heute mit Folgen des Anschlags zu kämpfen. Sie selbst blieben unversehrt, aber mussten die schlimme Tat mit ansehen.

Unter anderem leiden sie nach wie vor an schlaflose Nächte, zucken bei unangenehmen Geräuschen sofort zusammen oder verspüren keine Lust mehr auf das Weihnachtsfest.

Anschließend wurde die Verhandlung für eine Mittagspause bis 13 Uhr unterbrochen.

11.23 Uhr: Verkäuferin ruft zu Kunden: "Hauen Sie ab!"

Auch eine 58-jährige Postzustellerin war am Tatabend mit ihrer damals 10 Jahre alten Enkeltochter auf dem Weihnachtsmarkt.

Sie berichtet dem Vorsitzenden von scheppernden Geräuschen und Schreien. Außerdem habe sie gesehen, wie Menschen vor dem Auto weggesprungen seien, um ihr Leben zu retten, teilt sie mit. "Es war total unheimlich", erinnert sie sich.

Während der Tat befanden sie sich an einem Schmalz-Verkaufsstand. Dort habe die Verkäuferin gerufen: "Hauen Sie ab!"

Zusammen seien sie zum nahegelegenen Karstadt geflüchtet. "Da liegen die Verletzten wie die Fliegen", soll dort ein weiterer Zeuge kommentiert haben. Erst als sie zu Hause die Nachrichten eingeschaltet hatten, soll die Familie verstanden haben, was vorgefallen war.

Wegen einer Beratung zwischen der Zeugin und ihrer Anwältin, ob die Enkeltochter einem der Psychologen vorgestellt werden soll, wird das Verfahren bis etwa 11.35 Uhr kurzfristig unterbrochen.

10.54 Uhr: Zeugin berichtet unter Tränen von anhaltenden Beeinträchtigungen

Die zweite Person im Zeugenstand ist eine 26-jährige Ingenieurin. Auch sie befand sich am Tatabend nur wenige Meter neben dem vorbeifahrenden Amok-Auto.

Bis heute soll sie durch laute Knallgeräusche, zum Beispiel durch Autotüren, zusammenzucken. Es erinnere sie an die Aufschläge von Menschen gegen die Front des Attentäter-Wagens. Zudem leide sie unter Flashbacks und Schlafstörungen. Bis heute sei sie deshalb in Behandlung.

Noch viele Wochen nach dem Anschlag war sie nicht in der Lage allein Auto zu fahren, schildert sie. Ihr Partner habe sie deshalb regelmäßig zur Therapie und zur Arbeit gefahren.

10.14 Uhr: Zeuge verliert Job durch Trauma

Der erste Zeuge des heutigen Prozesstages ist ein 45-Jähriger angestellter Geschäftsführer. Er schildert dem Richter das Erlebte am Anschlagstag auf dem Weihnachtsmarkt.

Seiner Aussage zufolge war er jedoch nicht selbst körperlich verletzt worden. Das Gesehene habe ihn aber nachträglich beeinträchtigt. "Ich habe gesehen, wie ein Kind über das Auto geflogen ist", teilt er mit.

Derzeit befindet er sich noch immer in einer Therapie. Zuvor habe er mehrere Panikattacken erlitten. Auch seine Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sei seitdem eingeschränkt.

Weil er als Geschäftsführer "nicht mehr funktionierte", habe er Monate nach dem Anschlag eine Kündigung erhalten. Dafür zeigt er sogar Verständnis.

9.48 Uhr: Zeugen werden nach Anhörung mit Psychiatern sprechen

Gleich zu Beginn des Prozesstages werden vier Sachverständige vorgestellt, die sich später um die heutigen Zeugen kümmern werden. Es handelt sich dabei um Personen, die erst nach dem Prozessauftakt in das Verfahren zugelassen wurden.

Darunter zählen sieben Kinder, um die sich ein Kinderpsychiater vom städtischen Klinikum Olvenstedt kümmern soll. Dieser ermahnt sofort alle Anwesenden, dass es sich dabei nicht um "kleine Erwachsene" handelt.

Kinder können das Geschehene nicht richtig einordnen oder weitere Details dazudichten. Um die Situation der Kinder angenehmer zu machen, sollen auch die Eltern während des Gutachtens involviert werden.

8.54 Uhr: Polizeieskorte bringt Angeklagten zum Gerichtsgebäude

Wie an jedem Verhandlungstag gilt für die Justiz- und Polizeibeamten höchste Aufmerksamkeit bei hohen Sicherheitsvorkehrungen.

Eine Stunde vor offiziellem Prozessbeginn wurde auch der angeklagte Attentäter mit einer Polizeieskorte zum Gerichtsgebäude gebracht.

Die B1 musste dafür kurzfristig gesperrt werden.

Mit einem großen Polizeiaufgebot wurde der Angeklagte zum Gerichtsgebäude begleitet.  © Robert Lilge/TAG24

7 Uhr: Prozess wird fortgesetzt

Am mittlerweile 21. Verhandlungstag werden mehrere Zeugen und Nebenkläger gehört - auch solche, die beim Anschlag nicht verletzt wurden.

Wie Gerichtssprecher Christian Löffler mitteilte, sollen die Geladenen gleich nach ihrer Aussage mit einem Sachverständigen sprechen, damit ein Gutachten erstellt werden kann.

Der Prozess beginnt regulär um 9.30 Uhr.

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