Prozess zum Magdeburg-Anschlag: Taleb A. beschimpft Sachverständigen

Magdeburg - Weiter geht's im Prozess um den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt: Am Montag sollen weitere Zeugen zur Tat angehört werden.

Am Montag geht der Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt, Taleb A. (51, l.), weiter.
Am Montag geht der Prozess gegen den Todesfahrer vom Magdeburger Weihnachtsmarkt, Taleb A. (51, l.), weiter.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Der 51-jährige Angeklagte Taleb A. steht wegen sechsfachem Mord und über 300-fachem versuchten Mord vor Gericht. Ihm droht lebenslange Haft mit Sicherheitsverwahrung.

Grundlegende Informationen zu dem Attentat und dem langwierigen Gerichtsverfahren findet Ihr im Artikel "Eigenes Gerichtsgebäude gebaut: Mega-Prozess gegen Magdeburger Amokfahrer startet".

TAG24 ist wieder für Euch vor Ort und berichtet live.

15.05 Uhr: Sachverständiger bescheinigt Taleb A. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung

Der Sachverständige Dr. Langer spricht in seiner fast einstündigen Ausführung zur Persönlichkeitsstörung des Angeklagten auch von fehlender Empathie und Einsicht, was einer potenziellen psychiatrischen Therapie im Weg stünde.

Es sei demnach unklar, ob sich Taleb A.'s Verhalten und sein Drang zur Gewalt jemals bessern würde.

Bis zum Schluss hat der Angeklagte immer wieder angefangen zu schreien und zu gestikulieren, wenn der Sachverständige das Wort ergriff.

Taleb A. beschimpfte am Montag einen Sachverständigen.
Taleb A. beschimpfte am Montag einen Sachverständigen.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

14.15 Uhr: Taleb A. beschimpft Sachverständigen als "dumm"

Der Sachverständige Dr. Langer trägt zum Abschluss des Prozesstages vor, dass er bei dem Angeklagten Taleb A. eine narzisstische Persönlichkeitsstörung feststellen würde.

Er kritisiert unter anderem, dass der 51-Jährige Zeugen und Sachverständige als "dumm" oder "Lügner" bezeichnet hat.

Da platzt Taleb A. der Kragen: "Sie sind auch dumm und sie waren alkoholisiert!" schreit der Angeklagte prompt, bevor Richter Sternberg sein Mikrofron abstellt. Doch der Angeklagte wütet weiter, selbst, nachdem sich die bewaffneten Polizisten hinter ihn gestellt und den Sicherheitskasten abgeschlossen haben.

Langer nennt Taleb A. einen Narzissten, der keine negativen Meinungen über sich selbst ertragen kann. Auch kann er paranoide Tendenzen und ein übersteigertes Selbstwertgefühl feststellen.

Während der minutenlangen Ausführung des Sachverständigen redet und gestikuliert Taleb A. wild weiter, zu hören ist er aber nicht. Sein Rechtsanwalt verlässt daraufhin den Sicherheitsraum.

13.57 Uhr: Magdeburger klagt über "unerträgliche Schmerzen"

In den Folgetagen wurde der 48-Jährige mehrfach am Becken operiert und kam anschließend in ein Betreutes Wohnen, da er keine Treppen steigen konnte.

Bis heute ist der Magdeburger in physiotherapeutischer Behandlung und krankgeschrieben. In wenigen Tagen will er zudem eine psychiatrische Betreuung in Anspruch nehmen.

Seine Verletzungen zehren noch immer an ihm - Fahrrad fahren ist nicht möglich, Spazieren oder die Wohnung putzen nur bedingt. "Höchstens zehn Minuten, dann bin ich außer Gefecht gesetzt, weil dann die Schmerzen einsetzen, die unerträglich sind", erklärt der Betroffene.

Ein Bekannter des Zeugen soll geschildert haben, dass der 48-Jährige frontal vom Anschlagsauto erwischt und durch die Luft geschleudert wurde.

Zeugen schildern Schlimmes vom Anschlagsabend.
Zeugen schildern Schlimmes vom Anschlagsabend.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

13.49 Uhr: Mann wurde beim Anschlag vom Auto erfasst

Als letzter Zeuge des Tages sagt ein 48-jähriger Magdeburger aus, der mit einer Freundesgruppe am Anschlagsabend auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt war.

Er ringt mit der Fassung und muss zahlreiche Pausen einlegen, als er von seinen Beobachtungen erzählt: "Ich hab nur eine schwarze Wand auf mich zukommen sehen, habe noch den Einschlag gemerkt aber dann weiß ich nix." Er kam erst auf dem Boden liegend wieder zu sich und erinnert sich an Schmerzen in seiner Hüfte. "Es war für eine Weile Totenstille, dann fingen die Schreie an."

Ersthelfer und seine Freunde kümmerten sich um ihn, bevor er eine Infusion gelegt bekam und anschließend ins Krankenhaus nach Brandenburg gebracht wurde. Er wurde als "rot" eingestuft - also besonders gefährdet.

13.35 Uhr: Mutter und Tochter lagen wochenlang im Krankenhaus

Die Zeugin selbst wurde vor Ort erstversorgt und dann ebenfalls ins Krankenhaus gebracht. Am Folgetag wurde sie wegen den Brüchen an Beinen und am Becken operiert.

"Das Schlimmste für mich als Mama war, dass ich nicht für meine Tochter da sein konnte." Während des Klinikaufenthalts sah sie ihr Kind nur selten. Das zwölfjährige Mädchen lag auf der Intensivstation und musste mehrfach am Kopf operiert werden.

Anfang Januar durften die beiden zurück nach Hause. Im Frühjahr folgte die letzte OP für das Mädchen und Reha für die 50-Jährige. "Es gab viele Nächte, wo wir zusammen im Bett lagen und einfach nur gekämpft haben", erinnert sich die Zeugin unter Tränen.

Glücklicherweise ist die Tochter der Zeugin vollends geheilt und steht inzwischen wieder mitten im Leben. Die 50-Jährige selbst hat in beiden Beinen und im Becken bis heute Schmerzen. Hocken, hinknien oder Treppe steigen klappt kaum. Bis heute haben die beiden mit psychischen Problemen und Albträumen zu kämpfen.

Es ist der 18. Verhandlungstag im Mordprozess.
Es ist der 18. Verhandlungstag im Mordprozess.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

13.27 Uhr: Betroffene erinnert sich an Anschlagsabend

Nach der Mittagspause wird der Prozess fortgesetzt. Für den Nachmittag werden noch zwei Zeugen erwartet.

Eine 50-jährige Physiotherapeutin, die am 20. Dezember 2024 mit ihrer Tochter und einer befreundeten Familie auf dem Weihnachtsmarkt war, ringt gleich zu Beginn ihrer Aussage um Fassung. Sie schildert, dass die Gruppe an einer Imbissbude stand, als der Wagen auf sie zukam.

"Dann kam für mich das schwarze Loch und es ist nichts mehr da", erklärt die 50-Jährige unter Tränen. Sie erinnert sich an Schreie und dass sie wegen eines gebrochenen Beins nicht vom Boden aufstehen konnte. Auch konnte sie ihre Tochter nicht mehr sehen. "Das ist ein Gefühl, das wird man nicht mehr los, diese Todesangst", erklärt sie.

Es stellte sich heraus, dass ihre Tochter bereits ins Krankenhaus gebracht worden war.

12.22 Uhr: Prozess pausiert

Der Verhandlungstag wird unterbrochen und die Mittagspause angekündigt.

Der Prozess soll gegen 13.15 Uhr fortgesetzt werden.

12.15 Uhr: Mutter von Geschädigter widerlegt deren Aussagen

Jetzt steht die Mutter der 51-jährigen Geschädigten vor Gericht. Die 80 Jahre alte Magdeburgerin erläutert, dass sie sich nicht an den Anschlag erinnern kann. Das Reden fällt der Rentnerin schwer.

Die 80-Jährige widerlegt prompt, mit ihrer Tochter auf dem Weihnachtsmarkt gewesen zu sein. Sie war beim Anschlagsabend nicht dabei und habe erst im Nachgang von dem Vorfall erfahren. Sie sei erst am 23. Dezember mit ihrer Tochter am Alten Markt gewesen, um sich die Kerzen und Blumensträuße anzusehen.

"Nein, sie wurde nicht verletzt, sie ist doch ganz gesund", meint die Rentnerin und kann sich auch nicht erinnern, mit der 51-Jährigen jemals in einem Krankenhaus gewesen zu sein. Dass sie aufgrund ihrer Demenz einige Dinge vergisst, kann sie bestätigen. Aber: "Solche Hauptsachen vergesse ich nicht", beteuert sie.

Sie könne sich nicht erklären, warum ihre Tochter Unwahrheiten erzählt.

Der Angeklagte hält sich am Montag mit Rückfragen und Erklärungen zurück.
Der Angeklagte hält sich am Montag mit Rückfragen und Erklärungen zurück.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

12 Uhr: Unterlagen über Verletzungen der Geschädigten fehlen

Die 51-Jährige erläutert weiter, dass sie am Anschlagsabend im Krankenhaus untersucht, abgetastet und geröntgt wurde, sie dann aber etwas unterzeichnet habe, um nach Hause zu gehen. Ihre Begleitung - die Mutter - wollte nicht untersucht werden.

Ihre Hausärztin habe ihr anschließend Schmerzmittel verschrieben. Der Grund, warum die Polizei keine Unterlagen bei der Ärztin finden konnte, sei, weil die 51-Jährige keine Datenschutzerklärung unterschrieben hätte.

Auf die Nachfrage, weshalb sie ihre Ärztin nicht von der Schweigepflicht entbunden habe, verweigert sie die Aussage. Daraufhin wird sie von Sternberg darauf hingewiesen, dass sie vor Gericht die Wahrheit sagen muss. Noch heute möchte sie ihre Ärztin nicht von der Schweigepflicht entbinden.

Sie schildert abschließend, dass sich ihre Mutter nicht an den Anschlagsabend erinnern könne.

11.40 Uhr: Hat eine Geschädigte über ihre Verletzungen gelogen?

Richter Dirk Sternberg konfrontiert die 51-Jährige jetzt, dass ihre Äußerungen nicht passen können, da die Polizeibeamtin aussagte, keine Krankenhausunterlagen zu ihr finden zu können. Auch Unterlagen für eine Behandlung bei ihrer Hausärztin habe es nicht gegeben.

"Das ist unmöglich, dann hat man das unter den Tisch gekehrt", behauptet die Geschädigte jetzt. "Nur weil man behindert ist, wird man abgeschrieben."

Ihrem Lebensgefährten hätte sie bis heute nichts über die Verletzungen erzählt, lediglich ihrer Anwältin.

Richter Dirk Sternberg konfrontiert eine Zeugin mit ungenauen Aussagen.
Richter Dirk Sternberg konfrontiert eine Zeugin mit ungenauen Aussagen.  © Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

11.30 Uhr: Schilderungen der Zeugin sind ungenau

Da die Zeugin Probleme mit der Wortfindung hat, stellt Richter Dirk Sternberg ihr viele Fragen zum Abend.

Die Schilderungen der Zeugin sind ungenau. Einerseits erklärt die 51-Jährige, dass sie schon "im Hellen" mit ihrer Mutter auf dem Weihnachtsmarkt war, aber "dann ist [der Anschlag] passiert, da ist Dämmerung eingetreten". Die Todesfahrt vom Angeklagten Taleb A. war aber gegen 19 Uhr.

Die Frau schätzt ein, dass sie mit ihrer Mutter etwa sieben Stunden auf dem Markt verbracht habe, "weil es macht Spaß". Zudem erläutert sie, dass sie durch den Anschlag an der Rippe verletzt wurde und seitdem Probleme beim urinieren habe. Auch leide sie unter psychischen Störungen.

Auf die Frage von Sternberg, ob die 51-Jährige im Krankenhaus untergebracht wurde, erläutert sie, dass sie nicht im Klinikum bleiben wollte, dort aber ihre Krankenkassenkarte vorgezeigt hätte und bei ihrer Hausärztin behandelt wurde. Zuvor habe sie ihrer Rechtsanwältin aber gesagt, dass sie zwei Tage im Krankenhaus war.

Titelfoto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

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