Missbrauchs-Fall Wermelskirchen: Prozess gegen Online-Babysitter beginnt in Köln

Köln/Wermelskirchen - Wenn Eltern nach einem Babysitter für ihre Kinder suchen, wünschen sie sich Geborgenheit - das Kind soll in guten Händen sein. Was sich in Köln und anderen Orten über Jahre hinweg ereignet haben soll, gleicht vor diesem Hintergrund einem Alptraum.

Die Liste der Vorwürfe ist gewaltig. Insgesamt geht die Anklage nach Angaben eines Gerichtssprechers von 124 Taten aus.
Die Liste der Vorwürfe ist gewaltig. Insgesamt geht die Anklage nach Angaben eines Gerichtssprechers von 124 Taten aus.  © Thomas Banneyer/dpa

Ein Mann, heute 45 Jahre alt, aus dem Ort Wermelskirchen soll sich online als Babysitter angeboten haben - und Kinder sexuell missbraucht haben. Am Dienstag (6. Dezember) beginnt am Landgericht Köln der Prozess gegen ihn. Sein Anwalt kündigte ein Geständnis an.

Die Liste der Vorwürfe ist dabei gewaltig. Insgesamt geht die Anklage nach Angaben eines Gerichtssprechers von 124 Taten aus. Sie erstrecken sich auf fast 15 Jahre, von 2005 bis 2019. In 99 Fällen handle es sich dabei um sexuellen Missbrauch von Kindern.

15 Fälle drehten sich um "Beihilfevorwürfe zu erheblichen Missbrauchstaten" anderer Personen. In zehn weiteren Fällen gehe es ebenfalls um Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung - auch gegenüber Jugendlichen - oder kinderpornografische Schriften.

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Allein an 13 Kindern im Alter von 11 Monaten bis 13 Jahren soll der Angeklagte selbst Taten begangen haben.

Der 45-Jährige empfahl sich als Betreuer und Aufpasser

Der Angeklagte hat über Babysitter-Online-Plattformen gezielt den Kontakt zu den Familien der Geschädigten gesucht. (Symbolbild)
Der Angeklagte hat über Babysitter-Online-Plattformen gezielt den Kontakt zu den Familien der Geschädigten gesucht. (Symbolbild)  © Jan Woitas/dpa

Eine zentrale Masche soll dabei gewesen sein, dass sich der 45-Jährige als Betreuer und Aufpasser empfahl. "Der Angeklagte soll Kontakt zu den Familien der Geschädigten auch gezielt durch Babysitter-Online-Plattformen bekommen haben", erläuterte der Gerichtssprecher. Die Eltern hätten dort mutmaßlich recherchiert - und der Mann soll sich angeboten haben.

Spezialkräfte nahmen den Deutschen im vergangenen Dezember fest, nachdem Ermittler durch eine Verbindung zu einem Chat-Partner aufmerksam geworden waren. Nach früheren Angaben erfolgte der Zugriff in einer spektakulären Aktion.

Um unverschlüsselten Zugriff auf seine Daten zu bekommen, sollen sie ihn am eingeschalteten Rechner während einer Videokonferenz mit Arbeitskollegen überwältigt haben. Die Kollegen glaubten offenbar zunächst, Zeugen eines Überfalls geworden zu sein und wählten den Notruf.

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Die Daten sind auch ein Grund, warum der Fall in der öffentlichen Wahrnehmung in einer Reihe mit anderen großen Missbrauchsfällen der vergangenen Jahre steht - mit Lügde, Bergisch Gladbach und Münster.

Millionen Bilder und Videos auf Rechnern gefunden

Blick in ein Kindervernehmungszimmer mit Spielzeug: Um die Fälle aufzuklären, werden oftmals die Aussagen der Opfer benötigt.
Blick in ein Kindervernehmungszimmer mit Spielzeug: Um die Fälle aufzuklären, werden oftmals die Aussagen der Opfer benötigt.  © Friso Gentsch/dpa

Mit etlichen weiteren Männern soll der Mann kinderpornografische Darstellungen ausgetauscht haben. Ermittler fanden nach eigenen Angaben millionenfach Bilder und Videos, die Missbrauch zeigten. Daraus ergab sich der Blick auf ein noch größeres Tat-Geflecht.

Mittlerweile wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft Ermittlungsverfahren gegen 133 Beschuldigte eingeleitet. Spuren reichen demnach bis nach Großbritannien und Kanada.

Als der Komplex im Sommer 2022 publik wurde, löste er große Fassungslosigkeit aus. "Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber kleinen Kindern, ihren Schmerzen und ihren Schreien ist mir noch nicht begegnet", erklärte Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel damals.

Der Anwalt des nun Angeklagten hat angekündigt, dass sein Mandant ein Geständnis ablegen werde - auch in der Hauptverhandlung. Er habe sich bereits während der Ermittlungen der Polizei kooperativ gezeigt.

Dabei sei es auch darum gegangen, bei der Aufklärung anderer Fälle zu helfen. "Wir haben von Anfang an gesagt: Wir machen reinen Tisch und helfen der Polizei, wo es geht", sagte der Verteidiger.

Titelfoto: Thomas Banneyer/dpa

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