Jahrestag am OEZ: Angehörige der Todesopfer greifen Politik-Vertreter an
Von Sabine Dobel
München - Lieder, die Freunde und Angehörige für die Toten ausgesucht haben. Blumen und Kränze. Hinterbliebene, die mit schmerzlichen Worten an ihre Liebsten erinnern - und zugleich vehement ihre Enttäuschung über die damaligen Ermittlungen ausdrücken.
Viel Politprominenz, mit der Aufforderung zum Kampf gegen Rassismus und Hass: Mit einer bewegenden Feier hat München der neun Opfer des rassistischen Anschlags am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) vor zehn Jahren gedacht.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (70) ist angereist, er traf sich auch mit Hinterbliebenen.
Im ganzen Freistaat hat Ministerpräsident Markus Söder (59, CSU), wie Innenminister Joachim Herrmann (69, CSU) unter den Gästen, Trauerbeflaggung angeordnet.
Um 17.51 Uhr standen in ganz München eine Minute lang Busse und Bahnen still. Um diese Zeit am 22. Juli 2016 hatte ein 18-Jähriger die ersten Schüsse abgegeben – auf Menschen, die seinem rassistischen Feindbild entsprachen.
Acht junge Menschen, die das Leben vor sich hatten, eine Frau, die Ehemann und Söhne hinterließ. Weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter erschoss sich selbst.
Mutter kritisiert Politiker-Wegducken: "Wie viele Menschen müssen noch sterben?"
Der Bundespräsident nutzte seine Rede auch für einen Appell: "Begreifen wir es endlich: Zuwanderungsgeschichte haben nicht nur einzelne Menschen – unser ganzes Land hat sie. Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund", so Steinmeier.
"Ich stehe heute vor Ihnen als Mutter und als Anklägerin", sagte Yasemin Kılıç, deren 15-jähriger Sohn Selçuk starb.
"Wenn wir auf die Landkarte der Bundesrepublik Deutschland blicken, sehen wir eine blutige Spur des strukturellen Rassismus, insbesondere in Bayerns Landeshauptstadt München", sagte sie und wendete sich an den Bundespräsidenten: "Uns reichen staatstragende Worte und feierliche Gesten vor den Kameras nicht. Ein Staat, der seine Bürger nicht schützt, die Taten nicht beim Namen nennt und die Aufklärung behindert, beschädigt sein eigenes Fundament."
"Wir hätten eure Unterstützung schon früher gebraucht", rief die Großmutter des getöteten Guiliano, Gisela Kollmann, den Vertretern der Politik zu. "Wir mussten für alles kämpfen und hatten keinen Beistand. Wo wart Ihr zu diesem Zeitpunkt?"
Sibel Leyla, Mutter des getöteten Can, sprach von dem Schmerz, der sie jeden Tag begleitet. "Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis die Politik Verantwortung übernimmt?"
Titelfoto: Montage: Sven Hoppe/dpa (2)

