Bevölkerungsforscher blickt in die Zukunft: Sachsen muss gegen Konkurrenz bestehen

Leipzig - Sachsen im Rückwärtsgang: Die Wohnungswirtschaft warnt vor Leerstand, das Kultusministerium vor einem Schülerknick und der Wirtschaft fehlen schon lange Arbeits- und Fachkräfte. Über die Bevölkerungsentwicklung sprach TAG24 mit Tim Leibert. Der 49-Jährige ist Bevölkerungsgeograf am Leibniz Institut für Länderkunde in Leipzig.

MOPO-Redakteur Thomas Staudt (59) in der Bibliothek des ifl im Gespräch mit Tim Leibert (r.).  © Ralf Seegers

TAG24: Herr Leibert, Sachsens Bevölkerung schrumpft. Wie viele Einwohner wird der Freistaat 2040 noch haben, und wo stehen wir jetzt?

Tim Leibert: Das Statistische Landesamt hat für die Prognose drei verschiedene Varianten berechnet. Demnach dürften in Sachsen 2040 zwischen 3,57 und 3,78 Millionen Menschen leben. Aktuell liegt die Bevölkerungszahl bei etwas mehr als vier Millionen.

TAG24: Wie präzise sind solche Prognosen?

Leipzig So viele Wohnungen will die LWB bis 2035 in Leipzig bauen

Leibert: Sie sind selten Volltreffer. Geburten- und Sterbefälle können Sie einigermaßen berechnen. Wie ein Blick in die Glaskugel ist die Migration, also die Wanderungsbewegungen innerhalb Deutschlands, in Europa und darüber hinaus. Was wir sicher sagen können: Die deutsche Bevölkerung wird mindestens stagnieren. Und sie wird immer älter.

TAG24: Warum macht man dann solche Prognosen überhaupt?

Leibert: Insbesondere für die Planung. Wo werden neue Wohngebiete gebraucht, wie soll sich das Verkehrs- und Schulnetz entwickeln? Dazu braucht es verlässliche Zahlen. Für die ersten Jahre sind die Prognosen ja einigermaßen treffsicher, deswegen sind regelmäßige Aktualisierungen so wichtig.

Anzeige
Zugeklebte Schaufenster, leerstehende Wohnungen: In manchen Regionen des Freistaats könnte sich diese Realität in den nächsten 20 Jahren deutlich verschärfen.  © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Leipzig fällt bei der Bevölkerungsentwicklung aus dem Rahmen

Der Geburtenknick, der in den 90ern zu beobachten war, hat Auswirkungen bis heute.  © IMAGO/Funke Foto Services

TAG24: Könnten Bevölkerungsverluste durch Zuzug aus dem Ausland ausgeglichen werden?

Leibert: Eine Erhöhung der Erwerbsbevölkerung ist seit Jahren nur durch Zuwanderung aus dem Ausland möglich. Wenn es um spezialisierte Fachkräfte geht - die lassen sich nicht "bestellen". Da muss Sachsen gegen die internationale Konkurrenz bestehen. Oder eben nicht.

TAG24: Schon jetzt ist von einem "Schülerknick" die Rede. Woher kommt der?

Leipzig Jugendliche Räuber überfallen 14-Jährigen in Gohlis-Süd

Leibert: Das sind die Folgen des Geburtenknicks nach der Wende. Aktuell und schon seit einigen Jahren ist die Geburtenrate in Deutschland wieder niedrig und der Rückgang in Sachsen besonders groß. 2025 verzeichneten die Statistikämter die niedrigste Geburtenrate in Deutschland seit 1946.

TAG24: Leipzig fällt bei der Bevölkerungsentwicklung aus dem Rahmen. Die Messestadt gilt als die am schnellsten wachsende Großstadt Deutschlands. Ist da ein Ende in Sicht?

Leibert: Nein. Die Verwaltung arbeitet aktuell an einer neuen Prognose. Die ist noch nicht öffentlich. Doch bisher deutet einiges darauf hin, dass die Stadt noch mindestens zehn Jahre weiter wachsen wird.

TAG24: Würde der Ministerpräsident Sie um einen Rat bitten, was für die kommenden Jahre wichtig wird, was würden Sie sagen?

Leibert: Da weiß Herr Kretschmer sicher mehr als ich. Nur so viel: In Deutschland wird viel Geld in Modellprojekte gesteckt, die zeigen sollen, wie Infrastruktur trotz sinkender Bevölkerung aufrechterhalten werden kann. Aber auch wenn die Projekte erfolgreich laufen, werden sie oft nicht weiterverfolgt. Das halte ich für problematisch.

Mehr zum Thema Leipzig: