Leipzig - Auf dem Leipziger Strommarkt wird seit Wochen mit harten Bandagen gekämpft. Aktuell versucht der Chemnitzer Energieanbieter enviaM, den hiesigen Stadtwerken massiv Kunden abzujagen. Mit Methoden, die zumindest fragwürdig sind.
In der Leipziger "Residenz am Zoo" wohnen überwiegend Senioren jenseits der 75 Jahre. In den vergangenen Wochen klingelte es hier öfter an den Wohnungstüren - auch bei Christine B. (88). "Da stand ein Herr vor der Tür, der mir einen Ausweis von enviaM zeigte und meinen Stromvertrag überprüfen wollte", erzählt die Rentnerin.
Sie ließ ihn ein - und noch ehe sie einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte sie auf dem Tablet des Vertreters einen neuen Stromvertrag vor der Nase.
Weil der angebliche enviaM-Mann erklärte, dass die Seniorin fortan 15 Euro weniger im Monat berappen müsse, kündigte die langjährige Stadtwerke-Kundin ihren Altvertrag und schloss bei den Chemnitzern ab. Alles nur auf dem Tablet - als der Vertreter die Wohnung wieder verließ, hinterließ er weder eine Vertragskopie noch Informationsmaterial.
Dass die 15 Euro weniger im Monat nur die Kürzung der Vorauszahlung ist und nichts über die tatsächlichen Tarifkonditionen aussagt, erfuhr die hochbetagte Seniorin erst von ihrem Sohn.
Ihm fiel mit Blick auf das Kleingedruckte auf der hinterlassenen Visitenkarte mit groß aufgedrucktem enviaM-Logo auch auf, dass es seine Mutter nicht mit einem enviaM-Mitarbeiter zu tun hatte, sondern mit einem Beschäftigten einer Potsdamer Firma, die für ihre Drücker-Methoden bekannt ist und vor der bereits die Städtischen Werke Borna warnen.
Auf TAG24-Anfrage bestätigte enviaM, dass die umstrittene Firma "Exklusivpartner für enviaM/MITGAS" sei, im Auftrag des Chemnitzer Energieanbieters derlei Haustürgeschäfte vornimmt und auf ihren Ausweisen dabei auch die bekannten Logos nutzen dürfe.
Keine Vertragsunterlagen - alles über Drücker-Tablet
Auch an der Vorgehensweise wie im Fall der "Residenz am Zoo" kann das Chemnitzer Unternehmen nichts Verwerfliches feststellen. "Es trifft zu, dass beim Abschluss eines neuen Vertrages Laptops und Tablets zum Einsatz kommen. Das ist auch in unseren Servicefilialen der Fall. Kurz darauf erhalten die Kunden Post mit den schriftlichen Vertragsunterlagen, aus denen alle Details hervorgehen. Die Kunden haben in jedem Fall ein 14-tägiges Rücktrittsrecht", erklärte enviaM-Sprecherin Cornelia Sommerfeld auf TAG24-Anfrage.
Überrumplung betagter Menschen als Geschäftsmodell, um Marktanteile zu gewinnen? Bei Sachsens Verbraucherzentrale (VZS) schüttelt man den Kopf. Für den Vertragsabschluss sei zwar nur die Geschäftsfähigkeit des Vertragspartners maßgeblich, sagt Stefanie Siegert.
"Verbraucherschutzpolitisch ist es jedoch hochproblematisch, wenn Unternehmen gezielt Einrichtungen mit vulnerablen Bewohnern aufsuchen. Hier stellt sich eine moralische Verantwortung der Anbieter über die bloße Rechtmäßigkeit hinaus", erklärt die Energie-Expertin der VZS. Und warnt vor den Fallstricken solcher Haustürgeschäfte.
So fehle es in solchen Überrumpelungssituationen in der eigenen Wohnung an Vergleichs- und Bedenkzeit. "Besonders bei älteren Menschen erschweren Gesundheitszustand, Seh- oder Hörprobleme die Prüfung", so Siegert. Die 14-tägige Widerrufsfrist sei zudem in der Praxis oft abgelaufen, bevor Angehörige oder Berater eingeschaltet werden. Auch im Fall Christine B., die am 6. Februar von den enviaM-Drückern behelligt wurde, traf bis heute kein schriftliches Vertragswerk samt Widerrufsbelehrung ein.
Gesetzlich gewollter Überrumpelungsschutz wird ausgehöhlt
Anders als enviaM hält Sachsens Verbraucherzentrale die Kombination aus Haustürgeschäften, vulnerabler Zielgruppe und Tablet-Unterschrift ohne sofortige Papierunterlagen für besonders problematisch. "Weil sie den gesetzlich gewollten Überrumpelungsschutz faktisch aushöhlt", erklärt Siegert.
Bei Leipzigs Stadtwerken (SWL) hat man das Vorgehen der Konkurrenz auch registriert, will sich aber "aus wettbewerbs- und datenschutzrechtlichen Gründen" dazu nicht äußern, wie das kommunale Unternehmen auf TAG24-Anfrage erklärte.
Eine Spitze gibt's dann aber doch in Richtung Chemnitz: "Wir legen großen Wert auf eine seriöse und transparente Kundenansprache und distanzieren uns ausdrücklich von unprofessionellen oder irreführenden Vorgehensweisen", so SWL-Sprecher Peter Krutsch.
Weniger zurückhaltend gaben sich dagegen die Städtischen Werke Borna, die bereits im vergangenen Jahr eine offizielle Warnung vor den Drücker-Methoden von enviaM und deren Potsdamer "Exklusivpartner" veröffentlichten und dazu auf Facebook ein Kurzvideo posteten. In dem witzigen Clip über dubiose Haustürgeschäfte wird der fiese Deal von einem Engel gestoppt und der Drücker am Ende von der Seniorin verprügelt ...