Leben komplett umgekrempelt: Für das Glück ihrer Kühe scheut diese Oschatzerin keine Mühe

Leipzig - Ein Blick aus großen, traurigen Augen kann Wunder bewirken. Manchmal gar ein Leben auf den Kopf stellen. So passiert bei der Oschatzerin Denise Horn (35). Ungewöhnlich nur, dass die Augen in ihrem Fall einer "Gehörnten" gehörten. Milchkuh Brigitte (heute 5) trauerte damals herzzerreißend um ihr Kalb - und löste bei der Vermögensberaterin emotional einiges aus. Inzwischen hat die junge Frau ihr Leben radikal geändert, sie nennt mittlerweile vier Rindviecher ihr Eigen. Eine ganz und gar ungewöhnliche Geschichte über Abschied, Umdenken und Neuanfang ...

Auch wenn beide sich vegetarisch ernähren: Kuh Brigitte (5) und Denise Horn (35) haben sich zum Fressen gern.
Auch wenn beide sich vegetarisch ernähren: Kuh Brigitte (5) und Denise Horn (35) haben sich zum Fressen gern.  © Norbert Neumann

Im Oschatzer Ortsteil Thalheim wuchs Denise behütet auf einem Dreiseitenhof auf. Viehwirtschaft gab es dort keine mehr.

Denise, seit Kindertagen leicht gehbehindert, stieg ins Versicherungsgeschäft ein - und dort ziemlich schnell auf. Überholspur. Stress. Aber kein schlechtes Leben. Etwas unerfüllt vielleicht, aber wem geht das schon anders!? Dann kam Corona.

Denise hatte jetzt weniger zu tun. War mehr draußen. Ihr Lieblingsplatz: eine Weide hinterm Haus. "Ein Bauer hatte vorher gefragt, ob er dort ein paar Kühe grasen lassen dürfte", erinnert sich die 35-Jährige. Er durfte. Und sie? Saß gern und oft am Zaun, schaute den gemächlichen Tieren beim Fressen zu. Dachte nach.

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Zu Kuh Brigitte, einer Schwarz-Weißen, entspann sich ein besonderer Kontakt. Brigitte war gleich zutraulich und verlor bei Denise ihre angeborene Scheu. Dann wurde sie von ihrem Kalb getrennt - und Denise sah ihre Tränen.

"Tagelang hat sie richtig geweint", erinnert sich die zupackende Blondine, die sich dem Tier nun umso näher fühlte. Unbedingt wollte sie verhindern, dass auch Brigitte zum Schlachter muss. Also kaufte sie dem Bauern die Kuh einfach ab. Später noch eine. Und noch eine. Kalb Bruno, mittlerweile Jungbulle, brachte sie anschließend mit auf die Welt. Das machte vier.

Doch was tun mit diesen Tieren, die nur ihr Leben genießen sollen und deshalb keinerlei Ertrag abwerfen? Jetzt musste Denise Horn erfinderisch werden.

Bislang ging es immer bergauf

Heu ist in den kalten Monaten die Leibspeise der Wiederkäuer. Und ihr Appetit ist gesegnet.
Heu ist in den kalten Monaten die Leibspeise der Wiederkäuer. Und ihr Appetit ist gesegnet.  © Norbert Neumann

Den ersten Winter verbrachten die Tiere noch draußen. "Der Boden auf der Weide war nicht befestigt, wir mussten Unmengen Stroh dort hinwerfen. Und als der Schnee kniehoch stand, habe ich mit meiner Mutter zusammen Wege freigeschaufelt, damit die Tiere Auslauf hatten."

Aufgeben? Keine Option. Inzwischen hat Denise Horn auf Instagram eine treue Fangemeinde von etwa 1500 Leuten, die ihre Kuhgeschichten verfolgen. Manche spenden. Auch helfende Hände haben sich gefunden, dazu Flächen, die ihr angeboten werden, um ihre vier glücklichen Rindviecher grasen zu lassen.

Etwa 150 bis 200 Euro pro Kuh (bzw. Bulle) und Monat braucht Denise für Futter, Tierarzt-Rechnungen und so weiter. Für nächsten Winter haben die Kühe nun ein Zelt.

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Und überhaupt: Bislang ging es immer weiter. Denise hofft und glaubt, dass das so bleibt.

"Die Kuh hat mich total entschleunigt"

Die Tiere haben längst Vertrauen zu der Oschatzerin gefasst.
Die Tiere haben längst Vertrauen zu der Oschatzerin gefasst.  © Norbert Neumann

Offenbar hat ihr die Beschäftigung mit den Tieren, deren Ruhe und Dankbarkeit, aber auch die Hilfe von außen ganz viel Zuversicht geschenkt.

"Früher", erzählt Denise, "hatte ich immer eine Anti-Haltung. Ich dachte, das Leben schuldet mir was." Oft habe sie vielleicht zu viel gewollt. Aber: "Die Kuh hat mich total entschleunigt. Ohne sie wäre ich sicher ins Burnout gerasselt."

Zwar betreut Denise als Vermögens-/Versicherungsberaterin noch ein paar Altkunden, doch in Zukunft möchte sie lieber als Lebensberaterin arbeiten. Erste Kurse hierzu hat sie schon besucht. Ihr Optimismus, da ist sich Denise sicher, sorgt für den Rest.

Und was ihren "Gnadenhof" angeht, ist sie ebenfalls mit sich im Reinen. Sie wisse jetzt, dass es ihre Aufgabe sei, ihre "Liebe zu den Tieren in die Welt zu tragen". Die Resonanz über die sozialen Medien darauf sei durchweg positiv.

Realistin bleibt die junge Oschatzerin aber auch. "Ich weiß, dass ich nicht jedes Kuhleben retten kann", sagt Denise Horn und lässt den Blick über ihre träge wiederkäuenden Rinder schweifen. "Und dass jetzt nicht jeder Veganer wird, das weiß ich natürlich auch."

Fakten zur Rinder- und Milchwirtschaft

Jungbulle Bruno (2) ist in der Gruppe der Hahn im Korb. Bei seiner Geburt war Denise dabei.
Jungbulle Bruno (2) ist in der Gruppe der Hahn im Korb. Bei seiner Geburt war Denise dabei.  © Norbert Neumann
  • Laut der Webseite des Sächsischen Landesamts für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie wird sachsenweit aktuell in knapp 1200 Milchviehbetrieben mit etwa 179.000 Milchkühen Milch produziert.
  • Insgesamt waren im November 2021 in Sachsen 443.700 Rinder erfasst, Milchkühe inklusive.
  • In den allermeisten Milchviehbetrieben wird das Kalb nach der Geburt schnell von der Mutter getrennt.
  • Rinder haben eine theoretische Lebenserwartung von etwa 25 Jahren. Laut dem "Bundesinformationszentrum Landwirtschaft" sieht die Realität in Deutschland aber anders aus. Demnach werden Milchkühe "in der landwirtschaftlichen Praxis im Durchschnitt etwa fünf bis sechs Jahre alt, Mastbullen sind im Alter von etwa 18 bis 20 Monaten schlachtreif".

Mehr von Denise und ihren Kühen seht Ihr auf Instagram unter nisels_muhviehworld_. Wollt Ihr Kontakt zu ihr aufnehmen, schreibt einfach eine Mail an: nisels.muhviehworld@gmail.com.

Titelfoto: Norbert Neumann

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