Lebensgefährlicher Dienstgewehr-Test: Vertuscht Sachsens Polizei einen Schieß-Skandal?

Leipzig - Lebensgefährlicher Leichtsinn bei der sächsischen Polizei! Beim sogenannten Anschießen des neuen Dienstgewehrs Haenel CR223 soll es zu massiven Verstößen gegen die Sicherheitsbestimmungen gekommen sein. Videoaufzeichnungen vom Schießstand dokumentieren, dass sich selbst leitende Schießausbilder der Polizei nicht an die eigenen Regeln halten. Trotz einer dienstlichen Anzeige sollte der Vorfall offenbar vertuscht werden.

Der Leipziger Schützenhof - vorne Gastwirtschaft, hinten der Schießstand der Schützengesellschaft. Sachsens Polizisten trainieren hier regelmäßig.
Der Leipziger Schützenhof - vorne Gastwirtschaft, hinten der Schießstand der Schützengesellschaft. Sachsens Polizisten trainieren hier regelmäßig.  © Ralf Seegers

Es sind zwei heimlich aufgenommene Videos, die die Polizeiführung gerne unter Verschluss gehalten hätte. Zeugen zufolge dokumentieren sie eine Fortbildung von Schießtrainern der Polizei, die auf dem 25-Meter-Multi-Task-Stand in Leipzig die neuen Sturmgewehre CR223 "anschießen". Dabei handelt es sich um ein Kontrollschießen zur Überprüfung der Visiereinrichtung.

Zu sehen ist, wie sich dabei der Schießleiter entgegen sämtlicher Sicherheitsvorschriften vor der Feuerlinie im Bereich der Schießbahn in der Nähe der Zielscheiben aufhält, während Beamte ihre Waffen abfeuern. Mutmaßlich macht er das aus Bequemlichkeit, um schneller an den Scheiben zu sein.

"Das ist ein absolutes No-Go und lebensgefährlich", urteilt ein ehemaliger Polizei-Ausbilder, dem TAG24 die Videos vorlegte. "Wenn der Schütze die Waffe verreißt oder es zur unbeabsichtigten Schussauslösung kommt, dann ist der Mann da vorne Geschichte."

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Bemerkenswert: Bei dem Mann vor der Feuerlinie handelt es sich nicht um einen unerfahrenen Beamten, sondern um den Chef-Schießtrainer der sächsischen Bereitschaftspolizei in Leipzig. Wie TAG24 aus Polizeikreisen erfuhr, sollen die Sicherheitsverstöße kein Einzelfall gewesen und der bei der Polizeihochschule Bautzen liegenden Fachaufsicht seit Längerem bekannt sein.

Dieses Video vom Schießstand sollte geheim bleiben

War nach Bekunden seines Sprechers bis Donnerstag nicht über die sicherheitsrelevanten Vorgänge informiert: Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar (61).
War nach Bekunden seines Sprechers bis Donnerstag nicht über die sicherheitsrelevanten Vorgänge informiert: Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar (61).  © Marko Förster
Wollte die Sicherheitsverstöße offenbar unter der Decke halten: Dirk Lichtenberger (50), Chef der sächsischen Bereitschaftspolizei.
Wollte die Sicherheitsverstöße offenbar unter der Decke halten: Dirk Lichtenberger (50), Chef der sächsischen Bereitschaftspolizei.  © Steffen Füssel
Die Haenel CR223 ist das neue Sturmgewehr der sächsischen Polizei.
Die Haenel CR223 ist das neue Sturmgewehr der sächsischen Polizei.  © Polizei Sachsen

Innenministerium war angeblich nicht informiert

Lebensgefährlicher Leichtsinn: Während die Polizistin schießt, hält sich der Chef-Schießtrainer verbotenerweise vor der Feuerlinie im Bereich der Zielscheiben auf.
Lebensgefährlicher Leichtsinn: Während die Polizistin schießt, hält sich der Chef-Schießtrainer verbotenerweise vor der Feuerlinie im Bereich der Zielscheiben auf.  © Video-Screenshot

Konsequenzen gab es bislang keine. Im Gegenteil: Jenen Beamten, die mit dem Video den sächsischen Bereitschaftspolizei-Präsidenten Dirk Lichtenberger (50) und dessen für die Fortbildung verantwortlichen Referatsleiter auf die Sicherheitsprobleme aufmerksam machten, sollen disziplinarische Konsequenzen angedroht worden sein. Wegen des illegalen Filmens auf dem Schießstand!

Auf Anfrage von TAG24 erklärte das Landespolizeipräsidium am gestrigen Donnerstag, dass bisher weder Innenminister Roland Wöller (50, CDU) noch Landespolizeipräsident Horst Kretzschmar (61) von dem Vorfall informiert waren. Beide erlangten offenbar erst durch die Presseanfrage Kenntnis über die sicherheitsrelevanten Vorgänge bei der Bereitschaftspolizei.

Merkwürdig ebenfalls: Obwohl deren Präsident Lichtenberger bereits am 12. März Kenntnis von dem Sachverhalt erlangte, wurde gegen die Verantwortlichen bis heute kein Disziplinarverfahren eingeleitet.

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Nach Angaben des Landespolizeipräsidiums laufen seither lediglich "Prüfungshandlungen". Soll heißen: Auch dreieinhalb Monate nach dem Betrachten der Videos ist es Lichtenberger noch immer nicht gelungen, zu beurteilen, ob hier ein Verstoß gegen Sicherheitsvorschriften und die Regularien des Schießhandbuchs der sächsischen Polizei vorliegt.

Titelfoto: Montage: Polizei Sachsen; Video-Screenshot

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