Licht am Horizont: Wie ein Schausteller dazu kommt, vor dem Liebertwolkwitzer Rathaus Softeis zu verkaufen

Von Anke Brod

Leipzig- Existenzsicherung und Eis für alle. So präsentiert sich im Leipziger Ortsteil Liebertwolkwitz das wahre Doppelglück. Weil der Markkleeberger Schausteller Erik Kramer (45) coronabedingt um sein "täglich Brot" bangen musste, bugsierte ihn der "Wolkser" Ortsvorsteher Roland Geistert (70) mitsamt Eiswagen kurzerhand vors schmucke Rathaus.

Der Schausteller Erik Kramer (45) darf nun auf dem Marktplatz von Liebertwolkwitz im Sommer Eis verkaufen.
Der Schausteller Erik Kramer (45) darf nun auf dem Marktplatz von Liebertwolkwitz im Sommer Eis verkaufen.  © Anke Brod

Erik Kramer stammt aus einer generationsübergreifenden Schaustellerfamilie und hat die Sache seit 25 Jahren im Blut. So pilgerte er mit seiner rollenden Eisbude stetig zu Volksfesten, Märkten, Stadtfesten oder anderen publikumsträchtigen Events. 

Das war VOR Corona - in diesem Jahr ging die Winterpause für den Familienvater nahtlos in bundesweites Ausharren über. 

"Wir hatten für die Tattoomesse und den Flohmarkt auf dem Agra-Gelände schon Verträge, dann kam die Absage", schilderte er TAG24 beim gemeinsamen Softeisschlecken auf dem Liebertwolkwitzer Marktplatz. 

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Dies sei bereits vor dem offiziellen Shutdown passiert. "Die Veranstalter wollten von sich aus drei bis vier Wochen aussetzen, weil viele Leute Angst vor dem Coronavirus bekamen", sagte Kramer. 

Hernach sollte es normal weitergehen...

Plötzlich stand die Welt still

Ortsvorsteher Roland Geistert (70, links) freut sich mit Schausteller Erik Kramer (45) über den Eiswagen am Rathaus.
Ortsvorsteher Roland Geistert (70, links) freut sich mit Schausteller Erik Kramer (45) über den Eiswagen am Rathaus.  © Anke Brod

Plötzlich aber stand die Welt für alle still, auch Kramers Eiswagenräder ruhten. 

"Wir hielten uns in Leipzig mit einem Lieferdienst für Langos und Kräppelchen über Wasser", berichtete der passionierte Schausteller. Danach verkaufte er seine Leckereien mit Sohn Leon (22), sonst Steuerberater-Student, unter Schutzauflagen an der Händelstraße in Holzhausen.

Genau hier kam Ortsvorsteher Roland Geistert (Wählervereinigung Liebertwolkwitz Unabhängige Vertreter, LUV) ins Spiel. 

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"Wir haben bei uns im Ort keine Eisdiele, und so fragte ich Herrn Kramer", beschrieb er seine zündende Idee. 

Er half dem Schausteller, beim Leipziger Stadtmarktamt die Genehmigung zur Sondernutzung für so genannte "Fliegende Bauten" zu erhalten. Dieser Fachjargon steht für Wandergeschäfte. 

"Es war Licht am Horizont!", gibt sich der passionierte Eisverkäufer gut einen Monat nach der rettenden Aktion immer noch erleichtert. 

Ergreifende Schaustellerdemo in Berlin

Die Kunden strömen. Hier verkauft gerade Eriks Sohn Leon (22) leckeres Eis .
Die Kunden strömen. Hier verkauft gerade Eriks Sohn Leon (22) leckeres Eis .  © Anke Brod

Am zweiten Juli hatte er in Berlin an einer Demo mit Schaustellern aus dem gesamten Bundesgebiet teilgenommen. 

Denn während andere Branchen weitestgehend wieder ihrer Arbeit nachgehen können, sind Volksfeste noch stets tabu. Zur Kundgebung am Brandenburger Tor erschienen rund 1800 Teilnehmer.

"Es war überwältigend", schilderte Kramer das ergreifende Gemeinschaftsgefühl unter Kollegen.

Das neue Eisvergnügen in Liebertwolkwitz ist die klassische Win-Win-Situation schlechthin: Nicht nur, dass der 45jährige jetzt wieder Rechnungen begleichen kann, auch die Anwohner freuen sich. 

So kommen die Kunden inzwischen auch aus der Umgebung auf einen großen Eisbecher in den Ort. Kinder und Jugendliche schlürfen ihrerseits gerne den erfrischenden "Slush", also Wassereis auf Sirupbasis. 

"Gerade in dieser schweren Zeit will ich der Bevölkerung als Schausteller zeigen, dass es noch schöne Seiten im Leben gibt", sagt Kramer tief überzeugt.

Titelfoto: Anke Brod

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