Von Andreas Tappert
Leipzig - Wäre heute OB-Wahl, würde Dirk Thärichen (56) den Urnengang wahrscheinlich knapp gewinnen. Denn nach einer TAG24-Umfrage unter Polit-Profis und Entscheidern liegt der parteilose Manager momentan dicht vor seinen Mitbewerbern Skadi Jennicke (49, Linke) und Michael Weickert (36, CDU). Aber wie tickt der gebürtige Leipziger, der mit Politik bislang nichts zu tun hatte und auch kein Politiker wie die anderen sein will? TAG24 fühlte ihm sieben Monate vor der Wahl zum ersten Mal auf den Zahn.
Dirk Thärichen ist entspannt, als er das TAG24-Team empfängt. Er sitzt im Obergeschoss des Event-Lofts des nagelneuen Leipziger Stadthafens. Den Hafen hat er als Gesellschafter der Stadthafen Leipzig GmbH mitgeschaffen und heute führt er die über 50 Mitarbeiter gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Jan Benzien.
Der Manager lässt sich auch nicht von der Frage aus der Ruhe bringen, warum er sich mit seinen 56 Jahren noch in den Kampf um Leipzigs Oberbürgermeistersessel stürzt. "Ich habe gespürt, dass meine Zeit im Konsum abgelaufen war", erzählt er. "Und da habe ich mir gesagt: Wenn du es jetzt nicht machst, dann bist du noch zehn Jahre beim Konsum und machst es nie mehr."
Im Konsum war Thärichen zwölf Jahre lang Vorstand. Er hat den Posten zu einer Zeit übernommen, als die großen bundesdeutschen Lebensmittelketten die Stadt unter sich aufteilten - und er in der Leipziger Konsum-Genossenschaft über 1000 Jobs gerettet hat. "Ich wurde damals als Krisenmanager geholt und habe gemeinsam mit einem tollen Team den Konsum saniert", meint er.
Wie viele in der Stadt ist auch der gebürtige Leipziger Thärichen von der Politik frustriert. "Mich macht es wütend, dass die Stadt verkommt", sagt er. "Da waren wir schon einmal deutlich weiter."
Verantwortlich für die Entwicklung macht er Berufspolitiker, die nur sich selbst dienen. Ihnen sei eine schöne Rede und ein gelungener Auftritt wichtiger, als Leipzig wirklich nach vorn zu bringen. Zudem habe sich im Leipziger Rathaus "eine Angstkultur" etabliert, die die Stadtverwaltung "lähmt". Thärichen: "Die letzten fünf Jahre nach der Pandemie waren verlorene Jahre."
OB-Bewerber Dirk Thärichen will an Leipzigs frühere Erfolge anknüpfen
Der Manager sieht sich als "einen völlig anderen Typ". "Ich bin ein Macher, der Entscheidungen trifft", skizziert er, "der Zeitpläne macht und sie dann auch umsetzt. Das möchte ich ins Rathaus tragen. Wir müssen wieder mutiger und handlungsfähig werden."
Dafür brauche die Stadt vor allem wieder eine prosperierende Wirtschaft. "Mit ihr können wir uns all die Dinge leisten, die wir wollen. Da müssen wir wieder hinkommen."
Leipzig müsse "wieder sauberer werden, die Graffiti verschwinden, die vielen Baustellen besser koordiniert und die Stadtverwaltung deutlich schneller werden", listet er auf.
Und vor allem: "Ich liebe Leipzig, aber zurzeit macht es keinen Spaß, sich hier zu engagieren. Es gibt zu viele Hürden und Hindernisse", kritisiert er. "Ich glaube fest daran, dass sich der Spirit der erfolgreichen Jahre von 2006 bis 2019 wiederbeleben lässt."
Thärichen sieht in Leipzig "eine bürgerliche Mehrheit in der Mitte", die mit dem Zustand der Stadt unzufrieden ist. "Die wollen etwas ändern und haben Ideen dafür. Es gibt viele Leute, die Bock haben, dabei mitzumachen." Und er sei ihr Mann.
Den Slogan für seine Wahlkampagne hat er schon festgelegt. "Meine Partei ist Leipzig", lautet er. Auch "Leipzig zuerst und die Parteien danach" war im Gespräch, wurde aber wieder verworfen. "Ich stehe für keine Partei, ich stehe nur für diese Stadt", sagt Thärichen und blickt stolz über "seinen" Stadthafen.
Wahlprogramm und YouTube-Podcast ab September
Sein Wahlprogramm will er erst im September präsentieren. Doch wenn man ihn auf wunde Punkte anspricht, wird er deutlich.
Soll es die Fahrradspuren auf dem Ring weiterhin geben? "In Leipzig ist Platz für alle Verkehrsarten", glaubt er. "Aber diese Fahrradspuren auf dem Ring, die kaum jemand nutzt, sind reine Symbolpolitik, die ideologisch geprägt ist. Davon haben die Leipziger die Nase voll. Wo ein paar Meter entfernt eine Fahrradstraße verläuft, müssen keine teuren Radspuren entstehen."
Und was ist mit dem Wald am RB-Gelände am Cottaweg? Soll er weg, damit RB sich besser entfalten kann? "Wir können den Wald lassen, wo er ist", sagt Thärichen. "Ich verstehe nicht, warum die Kleinmesse nicht umziehen kann."
Seine Vorstellungen will er den Leipzigern ab September mit einem Podcast auf YouTube erläutern. Auch Wahlkampfmaterial wird vorbereitet. "Natürlich ist das auch eine Frage unseres Wahlkampfbudgets", betont der Manager. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten aus den etablierten Parteien sei er ausschließlich auf Spenden angewiesen. "Ich setze auf die Leipziger Wirtschaft", betont der Marketingprofi und Diplom-Kaufmann.
Wie viel Geld er bereits eingesammelt hat, will er nicht verraten. Aber wie seine Mitbewerber glaubt auch er, dass rund 450.000 Euro für einen auskömmlichen OB-Wahlkampf in Leipzig nötig sind. "In diese Größenordnung werden wir kommen müssen", sagt er. "Auch dafür ist die Leipziger Wirtschaft der Schlüssel."