Kinderbande klaute sich durch Leipzig: "Waren stolz drauf und haben uns gut gefühlt"

Leipzig - Von 2012 bis 2013 klaute sich eine Leipziger Kinderbande durch die hiesigen Geschäfte. Die Anführer-Zwillinge Paul und Philipp S. waren damals gerade einmal 13 Jahre alt und somit strafunmündig. Der Polizei waren die Hände gebunden - und das Jugendamt schaltete sich viel zu spät ein.

Paul S. war einer der Anführer der gefürchteten Leipziger Kinderbande, die 2012 und 2013 viele Händler in der Stadt beklaute.
Paul S. war einer der Anführer der gefürchteten Leipziger Kinderbande, die 2012 und 2013 viele Händler in der Stadt beklaute.  © MDR Mediathek

Der Fall der Leipziger Kindesbande war vor ein paar Jahren DAS Gesprächsthema in der Messestadt. Die Gang war vor allem bei den Einzelhändlern gefürchtet, über 220 aufgenommene Diebstähle gingen auf ihre Kappe. Die Dunkelziffer liegt sicher noch weit höher. Doch wie konnte es dazu kommen?

Paul und Philipp wachsen bei ihrer Mutter in der Plattenbausiedlung Grünau auf. Nach der Trennung vom Vater der Kinder im Jahr 2008 verliert sie die Kontrolle über ihre Zwillinge, die immer tiefer in kriminelle Machenschaften rutschen.

Im Frühjahr 2012 beginnt eine zum damaligen Zeitpunkt in Mitteldeutschland einmalige Diebestour mit den beiden 13-Jährigen an der Spitze. Vom Allee-Center in Grünau arbeiten sie sich in der Stadt vor, werden auch in der Karl-Liebknecht-Straße, Eisenbahnstraße, in Lindenau und im Paunsdorf-Center auffällig. Überall dort, wie es viele Läden und viele Passanten gibt, zwischen denen man schnell untertauchen kann.

Heute ist Paul 20 Jahre alt, sagt über damals: "Man wollte sich einen Ruf als Gangster erarbeiten. Es war Spaß, Freizeitvertreib und nebenbei Geld verdienen", so der in der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen bei Leipzig inhaftierte junge Mann in der MDR-Sendung "Die Spur der Täter".

"Ich konnte am Tag bis zu 300 Euro ausgeben"

200 bis 300 Euro pro Tag konnte der damals 13-Jährige ausgeben. "Das war dann auch immer die Verlockung, am nächsten Tag wieder loszuziehen."
200 bis 300 Euro pro Tag konnte der damals 13-Jährige ausgeben. "Das war dann auch immer die Verlockung, am nächsten Tag wieder loszuziehen."  © MDR Mediathek

Das Verhältnis zu seiner Mutter beschreibt Paul heute als ganz normal. Die Eltern hätten ihn und seinen Bruder zum Fußballtraining gefahren, gemeinsam half man im Haushalt. Als die Zwillinge acht Jahre alt sind, trennen sich die Eltern.

"Das war der schlimmste Moment", sagt Paul. "Das hat mich ziemlich mitgenommen, aus der Bahn geworfen und in eine andere Richtung gelenkt." Mit Bruder Philipp und meistens bis zu vier anderen Freunden zogen sie fortan durch die Läden, klauten Elektrogeräte, Parfum, Kosmetik und Tabak. Alles, was schnell zu Geld gemacht werden konnte.

Und das war für die damals 13-Jährigen mehr als lukrativ. "Ich konnte am Tag meine 200 bis 300 Euro ausgeben", erzählt Paul stolz. "Das war dann auch immer die Verlockung, am nächsten Tag wieder loszuziehen." Und so kam es auch. Immer wieder traf man sich in der Gruppe, immer wieder ging man auf Beutezug. Auf Schule hatte keiner von ihnen Bock.

Im Speck's Hof im Leipziger Zentrum reiht sich ein hochwertiges Geschäft ans nächste. Auch dort war die Bande gefürchtet. Eine Inhaberin erinnert sich. "Die haben es immer geschafft, einen Überraschungseffekt hervorzurufen, wenn ich nicht damit gerechnet habe", berichtet Ines Beckert in der MDR-Sendung. "Die haben sich bedrohlich aufgebaut. Mit einer hohen Geschwindigkeit und Geschicklichkeit haben die sich hier durchs Geschäft gestohlen."

Oftmals wurden die Kids erwischt und von Beamten zurück zu ihrer Mutter gebracht. Bis zu sechs Mal pro Tag (!) geschah das. "Immer, wenn uns die Polizei nach Hause gefahren hat, haben wir nur darauf gewartet, bis die Polizei wieder losgegangen ist. Und dann sind wir auch wieder rausgegangen", sagt Paul S.

"Mir war klar, dass irgendwann der Punkt kommt, wo es vorbei ist"

"Der Arrest als solches bringt keine Wirkung", weiß Karin Würden, die Leiterin der Jugendgerichtshilfe Leipzig.
"Der Arrest als solches bringt keine Wirkung", weiß Karin Würden, die Leiterin der Jugendgerichtshilfe Leipzig.  © MDR Mediathek

Im Mai 2013 feiern Paul und Philipp S. ihren 14. Geburtstag. Es dauert nicht lang, bis die Zwillinge erstmals vor Gericht stehen und verurteilt werden. "Mir war klar, dass irgendwann der Punkt kommt, wo es vorbei ist", sagt der aktuell inhaftierte Paul heute.

Die Richter verzichten jedoch zunächst auf Haftstrafen, wollen mit Bewährungen und Sozialstunden versuchen, die Kinder zur Vernunft zu bringen. Doch das ist bei den Jugendlichen aussichtslos. Die Straftaten gehen weiter, die Teenager beginnen Drogen zu nehmen, Crystal steht hoch im Kurs. Paul kommt in ein Erziehungscamp. Doch beim dritten Heimaturlaub gerät er wieder an seine alte Grünauer Clique und wird rückfällig.

"Der Arrest als solches bringt keine Wirkung, das ist bewiesen", weiß Karin Würden, die Leiterin der Jugendgerichtshilfe Leipzig. "Und umso länger die Strafhaft ist, umso schwieriger ist die Integration zurück ins gesellschaftliche Leben. Die werden unselbstständig, wenn sie rauskommen." Paul gewöhnte sich nach eigenen Aussagen schnell daran, regelmäßig vor Gericht zu stehen. Man sei sogar stolz darauf gewesen, die Titelblätter von Tageszeitungen zu zieren: "Wir haben uns gut gefühlt."

Im Gefängnis machte der heute 20-Jährige einen Hauptschulabschluss, begann eine Lehre und will als Hochbaufacharbeiter Geld verdienen. Das ist frühestens Ende 2020 der Fall. Denn dann wird Paul wahrscheinlich entlassen.

Die ganze aktuelle Folge "Die Spur der Täter" könnt Ihr Euch in der MDR-Mediathek >>>hier noch einmal ansehen.

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