Ehrenmord! "Nur eine Frau": Türkin von eigener Familie erschossen!

Berlin - Heftig! Das deutsche Drama "Nur eine Frau" von Regisseurin Sherry Hormann ("Wüstenblume", "3096 Tage", "Anleitung zum Unglücklichsein") behandelt die wahre Geschichte von Hatun Aynur Sürücü, einer türkischstämmigen Deutschen mit kurdischer Herkunft, die am 7. Februar 2005 einem Ehrenmord ihrer Familie in Berlin zum Opfer fiel.
Hatun Aynur Sürücü (Almila Bagriacik) wird von ihrer Familie bedroht, weil sie so lebt, wie sie es für richtig hält.
Hatun Aynur Sürücü (Almila Bagriacik) wird von ihrer Familie bedroht, weil sie so lebt, wie sie es für richtig hält.  © PR/Mathias Bothor

Diese schockierende Ausgangslage setzt Hormann im Verbund mit Produzentin Sandra Maischberger und Drehbuchautor Florian Oeller ("Tatort: Treibjagd", "Tatort: Zeit der Frösche", "Helen Dorn – Prager Botschaft") ganz bewusst an den Anfang des Filmes und nimmt damit die Auflösung vorweg - was sich als kluger Schachzug herausstellt.

Denn sie zeigt im restlichen Verlauf auf vielschichtige Art und Weise, wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass Aynur (Almila Bagriacik) von ihrem jüngeren Bruder Nuri (Rauand Taleb) an einer Bushaltestelle an der Oberlandstraße in Berlin-Tempelhof mit drei Kopfschüssen hingerichtet wurde.

Jahre vorher war diese furchtbare Eskalation noch nicht abzusehen. Damals ging Aynur in die 8.Klasse des Robert-Koch-Gymnasiums in Kreuzberg.

Da sie sich in der Pubertät aber zunehmend gegen ihre Mutter Deniya (Meral Perin) und ihren Vater Rohat (Mürtüz Yolcu) auflehnte, nehmen ihre Eltern sie von der Schule und zwangsverheiraten Aynur im Alter von 15 Jahren mit ihrem Cousin Ismail in Istanbul.

Tiefgründige Milieustudie

Aynurs Brüder Mizgin (l., Aram Arami), Sinan (M., Mehmet Atesci) und Nuri (r., Rauand Taleb) vor Gericht.
Aynurs Brüder Mizgin (l., Aram Arami), Sinan (M., Mehmet Atesci) und Nuri (r., Rauand Taleb) vor Gericht.  © PR/Mathias Bothor

1999 ist sie schwanger von ihm. Sie kehrt nach Berlin zurück, weil Ismail sie immer wieder übel verprügelt. Für ihre streng konservative Familie sunnitischer Kurden, die Anfang der 1970er Jahre aus Ostanatolien nach Berlin-Kreuzberg gezogen ist, ist ihr Auftauchen eine Schande!

Aynur soll gefälligst wieder zurück zu ihrem Mann gehen. Ihre Brüder um Bundeswehr-Soldat Tarik (Aram Arami), das intelligente "Arschloch" Sinan (Mehmet Atesci) und Nuri sind sich sicher: Wenn Ismail sie schlägt, hat sie das auch verdient!

Diese patriarchalische Denkweise und Familienstruktur beleuchtet Hormann im Stil einer Milieustudie mit viel Gespür und hintergründiger Tiefe.

Obwohl der Film eine klare, richtige und wichtige feministische Position einnimmt, werden auch die zweifelhaften Motive der Familie, die in ihrer mittelalterlich wirkenden Struktur gefangen ist, nachvollziehbar und abstoßend zugleich dargestellt.

Gerade die Charakterdarstellung und -entwicklung ist die größte Stärke von "Nur eine Frau". Denn Hormann inszeniert auch die selbstbewusste, intelligente und lebensfrohe Aynur mit Schwächen.

Ein Film voller pfiffiger Ideen

Hatun Aynur Sürücü (r., Almila Bagriacik) im Kreise ihrer Schwestern.
Hatun Aynur Sürücü (r., Almila Bagriacik) im Kreise ihrer Schwestern.  © PR/Mathias Bothor

Sie ist nämlich naiv und hält weiterhin den Kontakt zu ihrer Familie, obwohl sie heftige Drohanrufe von ihren Brüdern erhält, die sie aufs Übelste beschimpfen.

Wie sich diese beängstigende Lage immer weiter zuspitzt, zeigt das Drama dank eines herausragend guten Skripts und exzellenter, abwechslungsreicher Dialoge mit Tiefgang eindrucksvoll.

Außerdem werden die Zuschauer auch von den starken schauspielerischen Leistungen mitgerissen und ins Geschehen hineingezogen. Besonders die vielschichtige Performance von Almila Bagriacik (Amara Hamady in "4 Blocks", "Asphaltgorillas", "Tatort: Borowski und das Glück der Anderen") lässt sich mit wachsender Faszination betrachten.

Die in Ankara geborene Deutsch-Türkin fängt die Seele ihrer Figur ein und verwandelt sie in etwas Eigenständiges. Neben ihr überzeugt auch der restliche Cast.

Dadurch bewegt der Film, ist berührend, behandelt universelle Themen, regt zur Diskussion über Parallelgesellschaften mitten in Deutschland an und ist darüber hinaus auch noch ein zutiefst menschliches Porträt einer starken Frau, die aufgrund ihres Drangs nach Unabhängigkeit, Freiheit und ihrem Wunsch nach einer intakten Familie viel zu früh ihr Leben lassen musste.

Ein wichtige deutsche Filmperle

Zwangsheirat: Aynur (M. und r., Almila Bagriacik) muss mit 15 Jahren in Istanbul ihren Cousin Ismail zum Mann nehmen. (Bildmontage)
Zwangsheirat: Aynur (M. und r., Almila Bagriacik) muss mit 15 Jahren in Istanbul ihren Cousin Ismail zum Mann nehmen. (Bildmontage)  © PR/Mathias Bothor

All das erhält von einer intelligenten, dynamischen und nah an den Protagonisten orientierten Kameraführung, authentischen (Berliner) Locations, cooler Musikuntermalung, einem intelligenten Schnitt, hervorragenden Kostümen und sich verändernden Frisuren zusätzlich Glaubwürdigkeit.

Als besonders clever und einfallsreich erweist sich die Idee, Aynur die Geschichte mit viel Biss und Witz immer wieder aus dem Off erzählen zu lassen und dem Publikum mit diesen erfrischenden Monologen dabei zu helfen, zwischen Fakten und Vermutungen zu unterscheiden und die mitunter sehr harte Geschichte mit humorvoll-ironischen Bemerkungen aufzulockern.

Warum dieses Meisterwerk von der Deutschen Filmakademie lediglich einmal nominiert wurde (in der Kategorie Beste Kamera/Bildgestaltung) ist besonders dann rätselhaft, wenn man bedenkt, dass ein durchschnittliches Werk wie "Der Junge muss an die frische Luft" gleich drei Lolas abgeräumt hat...

"Nur eine Frau" ist einer der besten deutschen Kinofilme der letzten Jahre. Die bewegende Geschichte wird dank eines starken Drehbuchs, einer spannenden Dramaturgie und der erstklassigen schauspielerischen Leistungen zum Leben erweckt. Sehenswert!

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