Tabuthema mit enormer Dunkelziffer: Auch Männer werden Opfer von Gewalt

München - Der Beschützer, der Starke, der Alleskönner - ein altmodisches Klischee, aber immer noch das vorherrschende Bild, wenn es um Männer geht. Dass sie Opfer einer Frau werden könnten? Unvorstellbar. Wenn es doch passiert, schweigen viele, auch aus Scham.

Eine zerbrochene Herrenbrille liegt auf dem Fußboden einer Wohnung. Beim Thema Gewalt gegen Männer schweigen viele, auch aus Scham. (Symbolbild)
Eine zerbrochene Herrenbrille liegt auf dem Fußboden einer Wohnung. Beim Thema Gewalt gegen Männer schweigen viele, auch aus Scham. (Symbolbild)  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

In der Regel sind es Frauen, die von aktuellen oder ehemaligen Partnern geschlagen, missbraucht, gedemütigt oder in sonstiger Form an Körper und Seele verletzt werden.

Doch auch Männer können Opfer sein. In bis zu 20 Prozent aller Fälle, so die Schätzungen, sind sie Leidtragende und Frauen die Angreiferinnen.

Ein Tabuthema, das sich nicht mit dem immer noch vorherrschenden Bild des starken Mannes verträgt. Hilfsangebote setzen deshalb auf Anonymität, so wie die bundesweite Telefon-Hotline "Gewalt an Männern", deren Betreiber am Montag nach rund einem Jahr Bilanz ziehen und Ergebnisse vorstellen wollen.

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"Es ist sehr schambesetzt, darüber zu sprechen", bestätigt Birgit Gaile von der Beratungsstelle "via - Wege aus der Gewalt" der AWO in Augsburg, die die Hotline seit gut einem Jahr in Kooperation mit der "man-o-mann Männerberatung" in Bielefeld betreibt.

Bereits im ersten halben Jahr hatten im Schnitt täglich sechs Männer angerufen, wie das bayerische Sozialministerium und das Gleichstellungsministerium von Nordrhein-Westfalen im Oktober mitgeteilt hatten.

Mehr als die Hälfte der Männer habe von körperlicher Gewalt berichtet, 85 Prozent von psychischer Gewalt. Oft seien sie von mehreren Gewaltarten betroffen gewesen.

Bundesweit rund 114.000 Frauen und 26.000 Männer Opfer häuslicher Gewalt

Die Beratungsstelle "via" der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Augsburg mit der Aufschrift "Wege aus der Gewalt". Im Schnitt rufen sechs Männer am Tag an, die Hilfe suchen.
Die Beratungsstelle "via" der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Augsburg mit der Aufschrift "Wege aus der Gewalt". Im Schnitt rufen sechs Männer am Tag an, die Hilfe suchen.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes wurden 2018 bundesweit rund 114.000 Frauen und 26.000 Männer Opfer häuslicher Gewalt.

Dabei sind Übergriffe durch Frauen alles andere als harmlos, wie Matthias Becker von der Gleichstellungsstelle der Stadt Nürnberg deutlich macht: Es komme oft zu massiven Verletzungen und Schlägen, oft mit Gegenständen. Betroffene hätten auch heftige Biss- oder Kratzspuren und Hämatome, mitunter im Genitalbereich. Bis zur Entscheidung, sich Hilfe zu holen, dauert es seiner Erfahrung nach aber: "Das Ende kommt erst, wenn es total eskaliert".

Wer sich dazu entschlossen hat, wählt unter Umständen die Hotline unter der Nummer 08001239900 und landet bei Beratern wie Birgit Gaile. Sie hat seit dem Start schon viele Anrufe entgegengenommen und kennt die Nöte der Ratsuchenden, auch aus ihrer Tätigkeit der normalen Beratungsstelle in Augsburg. "Männer haben die Erfahrung gemacht, dass manche sagen, das kann ja gar nicht sein", berichtet sie.

Auch eine typische Reaktion des Umfelds: "Warum lässt du dir das gefallen?".

Betroffene Männer werden meist selbst gewalttätig

Berater der Arbeiterwohlfahrt (AWO) sitzt in der Beratungsstelle via an seinem Arbeitsplatz hinter einem Klientenordner.
Berater der Arbeiterwohlfahrt (AWO) sitzt in der Beratungsstelle via an seinem Arbeitsplatz hinter einem Klientenordner.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Männer in der Opferrolle hätten deshalb oft das Gefühl, "mit mir stimmt was nicht oder ich werde es verdient haben", sagt Stephanie Kramer vom Traumahilfezentrum München (THZM), das ebenfalls eine Beratung anbietet.

Ein bis zwei Männer pro Woche rufen laut Kramer dort an. Sie leiden massiv und viele haben schon als Kind Gewalt erfahren. Kramer spricht von einer Bindungstraumatisierung, vor allem wenn Eltern die Täter waren.

Das Zentrum nennt auf der Internetseite mögliche Folgen solcher Traumatisierungen: "Aggressive Handlungen gegen sich selbst und andere, Unsicherheit in Beziehungen, Misstrauen, Argwohn, ungenügende Impulskontrolle und vermindertes Selbstwertgefühl".

Eine gefährliche Gefühlslage. Es sei zu beobachten, dass ein Großteil der betroffenen Männer zuvor selbst gegen die Partnerin gewalttätig geworden sei, schrieb die Rechtsmedizinerin Verena Kolbe von der Opferambulanz der Unimedizin Rostock im August 2020 im "Deutschen Ärzteblatt". Bis zu 40 Prozent seien als Kind selbst missbraucht oder misshandelt worden. Kolbe forderte deshalb, medizinisches Personal fortzubilden, um Spuren häuslicher Gewalt bei Männern zu erkennen sowie Präventions- und Hilfsangebote auszuweiten.

Bayerns Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) betont den Wert dieser Angebote, zu denen auch Schutzwohnungen für Betroffene gehören: "Wir wollen dieses Tabuthema aufbrechen und die Öffentlichkeit dafür sensibilisieren".

Knapp 14,5 Millionen Euro sind laut Ministerium im Landeshaushalt 2021 für die Prävention von Gewalt gegen Frauen vorgesehen, für Männer sind es fast 1,9 Millionen Euro.

Titelfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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