Abi kann bald jeder? Bildungsexperten warnen!

Deutschland - Welchen Wert besitzt das Abitur heutzutage eigentlich noch? Was auf den ersten Blick wie eine überhebliche und abschätzend formulierte Frage daherkommt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als berechtigte Sorge in hohen Bildungskreisen. Ebenso ist eine Debatte um inflationär verteilte Einser-Abis neu entfacht worden. Experten fordern ein Umdenken in Politik und Gesellschaft.

Das Abitur stellt den höchsten Schulabschluss in Deutschland dar. Heute schneiden immer mehr Schüler mit überdurchschnittlich guten Noten ab. (Symbolbild)
Das Abitur stellt den höchsten Schulabschluss in Deutschland dar. Heute schneiden immer mehr Schüler mit überdurchschnittlich guten Noten ab. (Symbolbild)  © Sebastian Gollnow/dpa

Was sagt es über eine Gesellschaft aus, die im internationalen Bildungsvergleich immer schlechter dasteht, aber so viele Einser-Abiturienten zählt wie nie zuvor?

Was eine ungleiche Rechnung zu sein scheint, ist in der Realität das Resultat einer bildungsgesellschaftlichen Schieflage. Wie "Bild" berichtete, erstaunen die nackten Zahlen über die Abschlüsse unserer neuen Generation, doch wirken sie zugleich zu schön, um wahr zu sein:

Die letztjährige Durchschnitts-Abiturnote lag bei 2,28. Ein Wert, der sich ohne Frage mehr als sehen lassen kann. Zum Vergleich: Noch 2006 betrug dieser 2,53. Hinzu kommt eine Verdreifachung der Einser-Abiturienten.

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Grund genug zur hemmungslosen Bildungsfreude? Mitnichten!

Aus Expertensicht sind die schulischen Entwicklungen sogar besorgniserregend und werfen ein schlechtes Licht auf Lehrkräfte, die sich offenbar nicht mehr anders zu helfen wissen, als ihren Schülern gute Noten hinterherzuwerfen. Doch auch dieser Umstand kommt nicht von ungefähr, wie Bildungsexperte Nico Colsman (30) weiß:

"Das Abi ist immer weniger wert, je besser der Durchschnitt wird. Da muss die Politik sofort ran" - mahnt der Chef der gemeinnützigen Organisation "Zukunft Digitale Bildung" in Hinblick auf die vermeintliche Generation der "Super-Abiturienten".

Immer mehr Einser-Abiturienten: Corona-Pandemie als "Antreiber"?

Welchen Wert besitzt das heutige Abitur noch? Wenn es nach Bildungsexperten geht, sind die überdurchschnittlich guten Resultate vieler Schüler mit Skepsis zu betrachten.
Welchen Wert besitzt das heutige Abitur noch? Wenn es nach Bildungsexperten geht, sind die überdurchschnittlich guten Resultate vieler Schüler mit Skepsis zu betrachten.  © Armin Weigel/dpa

Dabei scheint die Corona-Pandemie eine gewichtige Rolle bei dieser Entwicklung zu spielen, denn seit Beginn der Pandemie stieg auch die Zahl der guten Noten proportional an.

Ein Zufall? Wohl kaum! Viele Lehrkräfte sehen sich mit zwei Problemen konfrontiert. Zum einen schrecken die Pädagogen gehäuft davor zurück, ihre Schüler nach der harten Zeit von Lockdown und sozialer Isolierung auch noch mit schlechten Noten zu bestrafen.

Zum anderen dürften Klagen zorniger Eltern ein Faktor gewesen sein, warum unsere Schüler vermeintlich immer besser in der Schule wurden.

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Dass es sich hierbei nicht nur um eine nüchterne Expertenanalyse handelt, sondern dieser Eindruck auch innerhalb der Bevölkerung besteht, verdeutlicht eine INSA-Umfrage für Bild am Sonntag.

Rund 65 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass das Abitur in den vergangenen Jahrzehnten an Wert verloren habe.

Abi-Traumnoten am Fließband: PISA-Studien sprechen eine andere Sprache

Volle Konzentration: Immer mehr Schüler legen die schriftlichen Abiturprüfungen ab.
Volle Konzentration: Immer mehr Schüler legen die schriftlichen Abiturprüfungen ab.  © Felix Kästle/dpa

Klar ist auch, dass die Schülerleistungen in der Bundesrepublik seit 2010 eine stetige Abwärtsspirale erkennen lassen, wie die letzte PISA-Studie von 2018 unter Beweis stellte.

Für die Zeit nach Corona gab es bislang lediglich Leistungstests für Viertklässler - mit einem erschreckenden Fazit: Ihre Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen haben stark nachgelassen.

Stimmen aus Politik und Gesellschaft werden laut und fordern ein radikales Umdenken im deutschen Bildungswesen.

So warnt Ifo-Institutschef Ludger Wößmann (50) vor den gravierenden Folgen der guten "Pandemie-Noten".

"Wir müssen dringend zurück zur früheren Benotung und zum vorherigen Leistungsanspruch, sonst geht die wichtige Signalwirkung der Abiturnoten verloren" - so der promovierte Bildungsökonom.

Zwischen 2006 und 2021 ist zudem eine auffällige numerische Tatsache auszumachen. Die Zahl der Abiturienten hat ebenso ein Rekordhoch erreicht: Hatten 2006 noch 29,6 Prozent eines Jahrgangs das Abitur gemacht, stieg dieser Wert 2021 auf 39,8 Prozent.

Zum Vergleich: 1955 haben gerade einmal 3,8 Prozent eines Jahrgangs ihr Abitur abgelegt. Doch in der Schlussfolgerung bedeutet diese Statistik nicht, dass die heutige Schülergeneration intelligenter ist als die früheren. Da heutzutage fast jeder Zweite eines Jahrgangs sein Abitur ablegt, verliert dieses stetig an Wert.

Titelfoto: Sebastian Gollnow/dpa

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