Deutschlands erster Streifenpolizist mit Prothese: Amputation holt ihn zurück ins Leben

Karlsruhe - Polizeihauptmeister Alexander Butz (38) traf einen harten Entschluss: Er ließ sich sein Bein amputieren. Sein Ziel: zurück in den Streifendienst bei der Polizei. TAG24 sprach mit ihm.

Alexander Butz (38) hatte einen schweren Motorradunfall.
Alexander Butz (38) hatte einen schweren Motorradunfall.  © Alexander Butz

Der 20. Mai 2009 verändert das Leben von Alexander Butz für immer. Mit dem Motorrad fährt er auf einer Landstraße, als plötzlich ein Autofahrer abbiegt und ihm bei 100 Km/h die Vorfahrt nimmt. 73 Meter weit wird sein Körper durch die Luft gewirbelt.

Butz ist ansprechbar und wählt selbst den Notruf. Er erinnert sich, wie er den Helm abzieht und den Fuß neben seinem Oberschenkel sieht - völlig entstellt. Dass dieser nur noch an einer Sehne hängt, ahnt er zunächst aber nicht.

Geistesgegenwärtig fordert er einen Rettungshubschrauber an, der ihn in die Unfallklinik bringt: "Das war der Polizist in mir. Rational und ohne Emotionen." Er schafft es sogar noch, seine Eltern und Freunde zu informieren. Der ankommende Arzt sediert ihn.

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Nach fünf Operationen ist sein Bein wiederhergestellt, doch nichts ist mehr so, wie es einmal war. Das Sprunggelenk ist steif und ein Beinlängenunterschied von 2,8 Zentimetern zwingen ihn zu orthopädischen Schuhen.

Sollte er nie wieder in den Streifendienst zurückkehren?

Der Polizeihauptmeister auf einem Boot auf dem Rhein.
Der Polizeihauptmeister auf einem Boot auf dem Rhein.  © Alexander Butz

Als der Arzt ihm offenbart, dass er mit seinem kaputten Fuß nicht mehr in den Polizeidienst zurückkehren und kein Handball mehr spielen könne, antwortet Butz radikal: "Dann schneiden sie ihn ab." Schon damals ist ihm dieser Vorschlag ernst, doch zu diesem Zeitpunkt ist es noch nicht so weit.

Geweint habe er kein einziges Mal. Seine positive Einstellung hilft ihm: "Ich bin der Meinung, dass ich selbst für mein Glück verantwortlich bin." Butz rappelt sich auf, geht in die Reha, lernt wieder zu laufen.

Er habe das Beste aus der Situation gemacht: "Was soll noch passieren? Es geht immer weiter und wenn ich den Kopf hängen lasse, geht es immer noch weiter", erinnert sich der Polizist und schmunzelt.

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Butz kämpft sich zurück ins Leben, kann wieder Handball spielen, doch es ist nicht wie früher. Das Bein ist nicht beweglich, teilweise nicht gut durchblutet und schmerzt dauerhaft.

Die Hölle lag noch vor ihm

Alexander Butz beim Mountainbiken mit seiner Prothese.
Alexander Butz beim Mountainbiken mit seiner Prothese.  © Alexander Butz

Ihm wird eine Stelle im Bürodienst bei der Kriminalpolizei angeboten, doch für Butz kommt das nicht infrage. Er will zurück in den Streifendienst und trainiert weiter.

Als er sich überlastet, bricht jedoch eine Schraube im Bein und ein weiterer Klinikaufenthalt folgt. Zu Hause angekommen hat er nur noch Schmerzen. Butz bekommt Morphine, Benzodiazepine, Fentanyl und nimmt täglich über zwölf Präparate ein. "Ich hatte Angst, irgendwann nicht mehr aufzuwachen", erinnert er sich an die schwere Zeit und trifft einen Entschluss: Die Ärzte sollen sein Bein amputieren.

"Ich war mir sicher, wenn der Fuß ab ist, habe ich keine Schmerzen mehr", so der Pfälzer. Mut machen ihm Fernsehbilder von Paralympics und wie gut sich Menschen mit Prothesen bewegen können.

Mit seinem schmerzenden Bein ist er davon weit entfernt. Wegen der Vielzahl an Medikamenten habe er sich zudem wie ein "Drogenabhängiger" gefühlt, "rund um die Uhr sediert und ich konnte nicht mehr am Leben teilnehmen".

Letzter Ausweg: Bein-Amputation

Butz zeigt auf einer Messe, wie er mit der Prothese Handball spielt.
Butz zeigt auf einer Messe, wie er mit der Prothese Handball spielt.  © Alexander Butz

Butz kämpft für eine Amputation. Währenddessen macht er einen Entzug, denn die Schmerzmittel haben ihn abhängig gemacht.

"Es war die Hölle", erinnert sich der 38-Jährige aus dem südpfälzischen Germersheim. Tagelang kann er nicht schlafen, hat Krämpfe, schwitzt und friert gleichzeitig.

Dann überkommt ihn die Vorfreunde auf die Operation: "Als ich aufwachte, war das Bein ab und ich überglücklich." Schon nach zehn Tagen wird er entlassen. "Jeden Tag wurde es besser, und ich wollte zurück in den Streifendienst."

Er gewöhnt sich schnell an die Prothese. Nach einem halben Jahr Reha und jeder Menge Training ist es so weit, und er will wieder arbeiten. Beim Polizeiarzt muss Butz seine Diensttauglichkeit unter Beweis stellen: "Ich bin auf seinen Schreibtisch geklettert und heruntergesprungen und den Gang auf und ab gerannt."

Heute arbeitet Butz bei der Wasserschutzpolizei in Karlsruhe. Bei voller Fahrt springt er problemlos auf ein anderes Boot, steht seinen Kollegen in nichts nach und ist Deutschlands einziger unterschenkelamputierter Polizeibeamter, der uneingeschränkt dienstfähig ist. "Ich bin der Polizei sehr dankbar", sagt Butz anerkennend. Mit seiner Prothese kann er sogar wieder Mountainbike fahren und seiner Leidenschaft Handball nachgehen.

Butz will anderen Mut machen, besucht Menschen, denen eine Amputation bevorsteht und klärt auf. Der Polizist macht sich gegen das Tabu stark, indem er offen über seine Behinderung spricht und wie gut man mit der Einschränkung klarkommen kann. Er selbst ist dafür der lebende Beweis.

Titelfoto: Alexander Butz (Fotomontage)

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