Rabiate Methoden, schwere Wunden: Retter berichtet Entsetzliches über "Timmys" Freilassung

Skagerrak - Hatte "Timmy" nach dieser Rettungsaktion überhaupt eine Chance? Jeffrey Foster war Zeuge der Freilassung und berichtet über haarsträubende Momente.

Jeffrey Foster soll als einziges Mitglied der Rettungsinitiative Zeuge der Freilassung gewesen sein.  © NEWS5 / Stephan Fricke

Wochenlang wurde wild über die Freilassung des Buckelwals in der Nordsee spekuliert, nun bringt ein Protokoll des Walexperten, das vom Whale Sanctuary Project veröffentlicht wurde, Licht ins Dunkel.

Demnach wurde der Ozeanriese am 1. Mai, einen Tag vor der Freilassung, von einem Team der Rettungsinitiative untersucht. Dabei hätten die Experten mehrere Verletzungen festgestellt, die auf die schwierigen Wetterbedingungen der vorangegangenen Nacht zurückzuführen sei.

"Timmy" habe mehrere Schnittverletzungen am Kopf davongetragen, die nach Einschätzung der Retter durch Kollisionen mit dem Lastkahn entstanden seien.

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Hinzu kämen Abschürfungen am Kopf nahe dem Blasloch. Diese seien vermutlich durch Gurte entstanden, mit denen Sandsäcke im vorderen Bereich des Lastkahns befestigt waren.

Außerdem habe der Buckelwal eine etwa 60 Zentimeter lange Schürfwunde an der Schwanzflosse sowie eine erhebliche Abschürfung entlang der linken Körperseite von etwa einem Meter Länge und einem halben Meter Breite davongetragen.

Foster berichtet zudem, dass man die Länge des Wals ursprünglich um mehrere Meter unterschätzt habe. Dadurch war das Tier nicht in der Lage, sich innerhalb des Lastkahns zu drehen.

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Länge des Wals um mehrere Meter unterschätzt

Der Wal konnte aufgrund seiner Länge nicht innerhalb der Barge gedreht werden.  © Jens Schwarck/Rettungsinitiative/dpa

Die Retter befürchteten, dass "Timmy" keine weitere Nacht auf der Barge überstehen würde, zumal sich die Wetterbedingungen noch verschlechtern sollten.

Die Crew habe aber mit Verweis auf die Lage des Schiffes in aktiven Schifffahrtsrouten eine sofortige Freilassung abgelehnt.

Da sich die Wettervorhersage im Laufe des Tages verbesserte, habe man schließlich gemeinsam entschieden, die Freilassung am folgenden Morgen durchzuführen.

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Wie Foster berichtet, habe auch die Befestigung des Trackers Improvisation erfordert. Bei dem Gerät habe es sich um ein Exemplar gehandelt, das ursprünglich für eine Robbe konzipiert worden sei.

Das Team habe den Tracker mit mehreren Stücken von Feuerwehrschläuchen, die mit Epoxidharz befestigt wurden, modifiziert.

Da die Rückenflosse zu dick war, habe man den Tracker nur mit einem anstelle der ursprünglich geplanten drei Aluminiumstifte befestigen können.

Die Freilassung des Tieres am folgenden Tag sei dann ebenfalls ganz anders als geplant abgelaufen.

Buckelwal wirkt nach der Freilassung desorientiert

Die Rettungsinitiative brachte "Timmy" in die Nordsee, doch lange überlebte er nicht.  © Christoph Reichwein/dpa

Entgegen der Vereinbarung hätte lediglich Foster an der Freilassung teilnehmen dürfen. Man habe dem Walexperten versichert, den Rest des Rettungsteams noch zum Lastkahn zu holen, das sei aber nicht geschehen.

Auch an die zuvor vereinbarte Methode der Freilassung habe man sich seitens der Crew nicht gehalten, weshalb Foster eine Beteiligung verweigert habe.

Ursprünglich habe man besprochen, die Schleppgeschwindigkeit des Lastkahns auf ein Minimum zu reduzieren, den Wal manuell gen Heck zu bewegen und, falls notwendig, das Tier das restliche Stück von der Barge sachte mit dem Schlepper zu ziehen.

Foster habe hingegen am 2. Mai beobachtet, wie Teile der Crew Leinen mit scharfen Bootshaken an "Timmys" Fluke befestigten und der Wal anschließend viel schneller als vereinbart, unkontrolliert und mit ausgestreckten Brustflossen vom Lastkahn gezogen worden sei.

Nach dieser Aktion habe der Meeressäuger nur flach Luft geholt und desorientiert gewirkt. Immerhin soll das Tier anschließend an Stabilität gewonnen haben.

Laut Foster wisse das Team durch die Daten des Trackers, dass "Timmy" immerhin einige Tage frei im offenen Meer schwamm und mehrere tiefe Tauchgänge unternahm.

Am 15. Mai wurde der Ozeanriese schließlich vor der Insel Anholt tot aufgefunden.

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