"Die Stasi hat meinen Bruder verkauft!": Dieser Sachse sucht seinen Zwilling

Altötting - Gab es in der DDR einen staatlich organisierten Raub von Neugeborenen? Die Frage klingt ungeheuerlich. Ungerechtfertigt ist sie deshalb aber nicht. Seit dem Fall der Mauer treten immer wieder Mütter und Väter an die Öffentlichkeit, die unfassbare Geschichten erzählen vom Verlust ihrer Babys und Kinder im untergegangenen Arbeiter- und Bauernstaat. Viele hundert Frauen und Männer suchen bis heute ihr eigen Fleisch und Blut, Antworten und Gewissheiten. Heiko Herbert (46) aus Altötting in Bayern gehört zu ihnen. Im Jahr 30 der Wiedervereinigung möchte er seinen Zwillingsbruder wiederfinden.

Heiko Herbert bei seiner Jugendweihe in der Lausitz. Schon als Kind hatte er grau-blaue Augen. Heute ist er 1,74 Meter groß.
Heiko Herbert bei seiner Jugendweihe in der Lausitz. Schon als Kind hatte er grau-blaue Augen. Heute ist er 1,74 Meter groß.  © privat

"Ich habe meiner Mutter versprochen, alles zu tun, um das Schicksal meines Zwillingsbruders aufzuklären", sagt Heiko Herbert entschlossen. 

Dann holt er tief Luft und beginnt der Reihe nach zu erzählen: "Ich kam am 19. Juni 1974 im Krankenhaus Meißen zur Welt..." 

Heiko Herberts Mutter Rosemarie wusste nicht, dass sie Zwillinge unterm Herzen trug, als sie ins Krankenhaus ging, um zu gebären. Große Gefühle, aber auch Sorgen um die Zukunft der kleinen Familie übermannten die junge Frau im Kreißsaal, als ihr die Hebamme zwei gesunde Jungen in den Arm legte. Sie bestimmte, dass ihre Knaben Heiko und Jens heißen sollen. 

Vier Stunden nach der Geburt trat eine Krankenschwester an das Bett der Mutter. "Sie sagte meiner Mutter, dass Jens im Nebenraum plötzlich blau angelaufen und gestorben sei", berichtet Heiko Herbert. 

Die Erinnerung der Mutter an diesen tieftraurigen Moment wird bis heute von einem höhnischen Kommentar einer medizinischen Fachkraft ('Sie haben doch sowieso nur mir einem Kind gerechnet') überlagert.

"Meine Mutter bekam das tote Neugeborene nicht zu Gesicht. Eine Autopsie fand nicht statt. Mit der Ansage, dass Jens in einem anonymen Massengrab beerdigt wurde, entließ man meine Mutter schließlich aus dem Krankenhaus", erzählt Heiko Herbert.

Heiko Herberts Familie zog kurz vor dem Fall der Mauer nach Bayern

Ein Kinderfoto von Heiko Herbert. Gut möglich, dass sein Zwillingsbruder ihm bis aufs Haar gleicht.
Ein Kinderfoto von Heiko Herbert. Gut möglich, dass sein Zwillingsbruder ihm bis aufs Haar gleicht.  © privat
Heiko Herbert mit seiner Frau Bianca in den Bergen. Das Paar hat vier Kinder.
Heiko Herbert mit seiner Frau Bianca in den Bergen. Das Paar hat vier Kinder.  © privat

Der gelernte Elektroinstallateur wuchs behütet in Nossen auf und ging in Weißwasser zur Schule. 

Kurz vor dem Fall der Mauer reiste die Familie aus. Bayern wurde ihre neue Heimat. 

Dort schloss Heiko Herbert auch die Schule ab und baute sich in Altötting eine Existenz und eine eigene Familie auf. 

Seine Mutter schenkte noch zwei weiteren Kindern das Leben - einem Mädchen und einem Jungen.

All die Jahre konnten die Mutter und Heiko Herbert den verlorenen Zwilling nicht vergessen. 

"Meine Mutter war sich stets sicher, dass Jens noch lebt. Sie hat sich zu DDR-Zeiten nur nicht getraut, nachzufragen und nachzuforschen", sagt Heiko Herbert. 

Als sie nach der Wende sehr viele ähnliche Geschichten von anderen ostdeutschen Familien lasen und hörten, begannen auch sie beide laut zu zweifeln. 

Heiko Herbert quält ein böser Verdacht: "Die Stasi hat meinen Bruder verkauft."

Unregelmäßigkeiten bei Sterbe- und Geburtsurkunde machten Heiko Herbert stutzig

Das ehemalige Meißner Krankenhaus. War es Tatort für den organisierten Raub eines Neugeborenen?
Das ehemalige Meißner Krankenhaus. War es Tatort für den organisierten Raub eines Neugeborenen?  © A. Stein
Heiko Herbert (46) sucht seinen Zwillingsbruder. Dieser wurde kurz nach der Entbindung für tot erklärt. Aber daran glauben er und seine Mutter Rosemarie bis heute nicht.
Heiko Herbert (46) sucht seinen Zwillingsbruder. Dieser wurde kurz nach der Entbindung für tot erklärt. Aber daran glauben er und seine Mutter Rosemarie bis heute nicht.  © Manfred Wieland/ Privat

Genährt wurde diese schlimme Vermutung durch Unregelmäßigkeiten bei Sterbe- und Geburtsurkunde, die für Jens ausgestellt wurden. 

Heiko Herbert: "An meinem 46. Geburtstag in diesem Sommer habe ich beschlossen, öffentlich nach meinem Bruder zu suchen. Auch Mutter zuliebe tue ich das." 

Der Familienvater suchte Kontakt zu TV-Sendern, aber auch Behörden und Archiven. 

Sein Problem: Das Krankenhaus Meißen, in dem er geboren wurde, gibt es nicht mehr. Die meisten Fristen zur Aufbewahrung von Dokumenten sind inzwischen verjährt.

Heiko Herbert postete zudem seine Geschichte zusammen mit vielen Fotos aus dem Familienalbum auf Facebook - bislang ohne ersehnten Erfolg. 

Er sagt kämpferisch: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Vielleicht liest jemand diesen Artikel, der mir unglaublich ähnlich sieht. Oder der 1974 in Meißen auf der Geburtenstation gearbeitet hat und bestenfalls den Aufenthaltsort seines Bruders kennt."

Kontakt zu Heiko Herbert: h_eisbaer@web.de

Titelfoto: Manfred Wieland/ Privat

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