Missbrauch: Häusliche Dramen haben eine hohe Dunkelziffer

Dresden - Häusliche Gewalt gehört für viele Menschen zum bitteren Alltag.

Frauen leiden am meisten unter häuslicher Gewalt. (Symbolbild)
Frauen leiden am meisten unter häuslicher Gewalt. (Symbolbild)  © 123RF/otnaydur

Vor allem Frauen werden häufig Opfer von sexueller und psychischer Gewalt, müssen regelmäßig Schläge einstecken.

Besonders im Zuge der Corona-Pandemie hat dieses Thema im familiären Umfeld noch zusätzlich an trauriger Brisanz gewonnen.

Die Dunkelziffer ist hoch, denn niemand kann mit Gewissheit sagen, was genau hinter verschlossenen Türen vor sich geht.

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Opfer empfinden oft tiefe Scham, geben sich selbst die Schuld an ihrem Erlebten und finden keinen Weg heraus aus der Gewaltspirale.

Doch es gibt immer einen Ausweg, jedem kann geholfen werden.

Ex-Partner am häufigsten Opfer häuslicher Gewalt

Wegen der Isolation und des langen Lockdowns kam es in Familien und Partnerschaften häufiger zu häuslicher Gewalt. (Symbolbild)
Wegen der Isolation und des langen Lockdowns kam es in Familien und Partnerschaften häufiger zu häuslicher Gewalt. (Symbolbild)  © imago images/Cavan Images

Die jüngste Kriminalstatistik zeigt deutlich: Es gibt Handlungsbedarf beim Schutz von Frauen und Kindern. Jahr für Jahr steigen die Zahlen. Jede vierte Frau in Deutschland war bereits Opfer häuslicher Gewalt, ein Drittel dieser Frauen ist wiederholter Gewalt ausgesetzt.

Laut Statistik wurden 2020 in Sachsen 9235 Straftaten im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt bei der Polizei angezeigt - im Jahr zuvor waren es noch 8890 Fälle.

Hier spielen vor allem Delikte mit Körperverletzung (5960) und Straftaten gegen die persönliche Freiheit (1985) eine übergeordnete Rolle.

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Wie üblich ereignen sich handgreifliche Dramen vor allem in (ehemaligen) Liebesbeziehungen. In 1393 Fällen gab es Auseinandersetzungen zwischen Ehepaaren und 1924 Mal in Lebenspartnerschaften.

Am häufigsten wurden in Sachsen aber Ex-Partner Opfer von häuslicher Gewalt (2882 Fälle).

Pandemie hat Probleme wohl verschärft

Schläge, Einschüchterung und Drohungen: Zu Hause sollte man sich eigentlich sicher fühlen.
Schläge, Einschüchterung und Drohungen: Zu Hause sollte man sich eigentlich sicher fühlen.  © imago images/Frank Sorge

Opfer von angezeigter Partnerschaftsgewalt in Deutschland sind laut Bundeskriminalamt zu über 80 Prozent Frauen. Die Hälfte von ihnen hat in einem gemeinsamen Haushalt mit dem Tatverdächtigen gelebt.

Wie schon befürchtet, sind die Zahlen der Gewalt-Delikte in den eigenen vier Wänden im Zuge des Lockdowns und der verschärften Ausgangsbeschränkungen nach oben geschossen. "Corona hat gemacht, dass die Menschen für lange Zeit sehr eng miteinander leben mussten.

Dort gab es dann Konflikte, die aber bereits vorher da waren", sagt die Sozialpädagogin Sylvia Müller (57). Sie ist Beraterin für Betroffene von häuslicher Gewalt bei der Dresdner Interventions- und Koordinierungsstelle zur Bekämpfung häuslicher Gewalt und Stalking.

Die Pandemie habe also Probleme nur verschärft, die in Familien und Partnerschaften schon vorher sichtbar waren.

"Der Lockdown hatte es Opfern schwerer gemacht, Hilfe zu suchen. Betroffene haben 2020 deshalb die Telefonberatung verstärkt wahrgenommen."

Kinderschutz wird neu geordnet

Kinder leiden öfter unter Gewalt als viele wahrhaben wollen. (Symbolbild)
Kinder leiden öfter unter Gewalt als viele wahrhaben wollen. (Symbolbild)  © 123RF/bialasiewicz

Viel zu oft richtet sich Gewalt gegen die Schwachen und Wehrlosen - nämlich gegen Kinder. 2019 wurden weit mehr als 2200 Kinderschutzdelikte in Sachsen registriert.

Auch hier gilt: Das ist nur die Spitze des Eisbergs, die Dunkelziffer ist mit Sicherheit höher.

Die Auswirkungen der Pandemie haben Kinder und Jugendliche sowie die Kinder- und Jugendhilfe seit 2020 ganz besonders herausgefordert.

Sachsens Regierung reagiert darauf im Rahmen des neuen Handlungsprogramms "Kick-off für die Kinder- und Jugendhilfe im Freistaat Sachsen".

Im Aufbau befinden sich eine Servicestelle Gewaltprävention sowie eine Landesfachstelle zur Prävention von sexualisierter Gewalt.

Nur allzu oft muss das Opfer sich noch rechtfertigen

Ihr wurde nicht geglaubt: Gina-Lisa Lohfink (35).
Ihr wurde nicht geglaubt: Gina-Lisa Lohfink (35).  © imago images/Olaf Wagner

Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt müssen oft einiges an Überzeugungsarbeit leisten, damit ihnen Polizei, Justiz oder sogar ihr persönliches Umfeld Glauben schenken. Nicht selten kommt es dabei zum sogenannten "Victim Blaming" (zu dt. Täter-Opfer-Umkehr).

"Die Schuldumkehr ist eine Verzerrung der Realität, bei der der Täter keine Verantwortung übernimmt und die Schuld dem Opfer zuschreibt und seine Probleme bagatellisiert", sagt Sozialpädagogin und Traumatherapeutin Sylvia Müller (57).

"Es gibt zwar gute Gesetze in Deutschland, allerdings sollten sie mehr im Sinne des Opfer- und nicht des Täterschutzes ausgelegt werden", sagt Sylvia Müller.

"Victim Blaming" sei ein schleichender Prozess. Betroffene würden regelrecht konditioniert, sodass sie am Ende selbst an ihre eigene Schuld glauben.

Ein prominenter Fall: Realitystar Gina Lisa Lohfink (35) hatte 2016 zwei Männer der Vergewaltigung bezichtigt.

Mutmaßliches Opfer von Luke Mockridge Anfeindungen im Netz ausgesetzt

Ihm wird Vergewaltigung vorgeworfen: Comedian Luke Mockridge (32).
Ihm wird Vergewaltigung vorgeworfen: Comedian Luke Mockridge (32).  © imago images/Future Image

Obwohl alles auf Video aufgezeichnet war und das Model deutlich "Hör auf" sagte, wurde die Vergewaltigung nicht anerkannt.

Im Gegenteil: Lohfink erhielt einen Strafbefehl und musste 24.000 Euro wegen Falschbeschuldigung zahlen.

Auch Luke Mockridge (32) steht derzeit wegen Vergewaltigungsvorwürfen unter Beschuss. Das vermeintliche Opfer, seine Ex-Freundin, ist im Netz heftigen Anfeindungen ausgesetzt.

Ebenso gab es skandalöse Gerichtsurteile, bei denen "Victim Blaming" als Strategie genutzt wurde. 2018 wurde in Irland ein Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen.

Die Verteidigung wies zuvor auf die Reizwäsche der Klägerin hin - als Zeichen der Freizügigkeit.

Männer als Opfer leiden meist im Stillen

Mirko Luckau (41) vom Männernetzwerk Dresden.
Mirko Luckau (41) vom Männernetzwerk Dresden.  © Steffen Füssel

"Echte Männer weinen nicht" und "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" - dass Männer von ihren Partnerinnen geschlagen und missbraucht werden, ist noch immer ein Tabuthema. Etwa 30 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt in Sachsen sind Männer. Trotzdem scheuen sich viele männliche Opfer, Hilfe zu suchen.

"Häusliche Gewalt hat viele Gesichter", sagt Mirko Luckau (41) vom Männernetzwerk Dresden. Unterteilt werde zwischen physischer, psychischer, wirtschaftlicher und sexueller Gewalt.

"Ich habe Männer kennengelernt, die hätten Türsteher sein können - und trotzdem haben sie Gewalt erfahren." Schutz bei akuter Gefahr bietet das Netzwerk in sogenannten Schutzwohnungen. Insgesamt drei solcher Unterkünfte gibt es in Sachsen, in denen Betroffene bis zu sechs Monate Unterschlupf finden können.

Jeweils drei Plätze halten die Wohnungen in Dresden, Plauen und Leipzig parat. Weitere seien derzeit in Görlitz und Zittau geplant. "Männer leiden leise", weiß Enrico Damme (50), Sprecher der Landesfachstelle Männerarbeit. Er beobachtet, dass Gewalt von Frauen oft mit psychischem Druck einhergeht.

"Das geht vom Verbot, sich mit Freunden zu treffen bis hin zum Sperren von Haushaltsgeldern", sagt Damme. Einige Partnerinnen definieren Männlichkeit über finanziellen Erfolg und bauen darüber Druck auf, bis er den Ansprüchen nicht mehr genügen kann. "Körperliche Gewalt ist dann oft nur die Spitze des Eisbergs."

Hilfe finden Betroffene unter anderem unter gib-dich-nicht-geschlagen.de oder juma-sachsen.de.

Wann muss ich die Polizei rufen?

Wenn Nachbarn oder Freunde in Not sind, bieten Sie Hilfe oder wählen die 110. (Symbolbild)
Wenn Nachbarn oder Freunde in Not sind, bieten Sie Hilfe oder wählen die 110. (Symbolbild)  © 123RF/bialasiewicz

Nachbarn, aber auch Freunde und Verwandte sind oft nötig, um häusliche Gewalt zu stoppen. Betroffenen fällt es häufig schwer, sich aus der Gewaltsituation zu befreien - deshalb ist es wichtig, dass Menschen aus dem Umfeld auf Warnsignale achten. Wer also Zeuge von häuslicher Gewalt wird, sollte nicht zögern, die Polizei zu rufen, wenn akute Gefahr droht.

Ist es Privatsache oder verschlimmere ich die Situation, wenn ich die Polizei rufe? "Es ist absolut notwendig, Courage zu zeigen und die Zeichen nicht zu ignorieren", sagt Dirk Möller (54), Leiter des Sachgebietes Polizeiliche Beratung/Opferschutz beim LKA Sachsen.

"Sind Sie der Meinung, es liegt eine Straftat vor und die Nachbarn, Bekannte oder Freunde benötigen polizeiliche Hilfe, zögern Sie nicht, die 110 zu wählen. Ein solcher Notruf wird immer ernst genommen. Die Kollegen sind gesetzlich verpflichtet, dem Sachverhalt nachzugehen, und sollte eine Straftat vorliegen, diese auch zur Anzeige zu bringen."

Um Gefahren abzuwehren oder mögliche Gewalttaten zu verhindern, kann die Polizei einen Platzverweis sowie ein Kontakt- und Näherungsverbot aussprechen. In einer Gefährderansprache informiert die Polizei die Tatperson über mögliche Konsequenzen, aber auch über Hilfsangebote für Täter.

Besteht keine akute Gefahr, sollte man zuerst das Gespräch mit der betroffenen Person suchen, sie auf Beratungsangebote hinweisen oder ihr anbieten, sie zur Polizei oder zum Arzt zu begleiten.

"Die Hilfeleistung steht immer im Vordergrund", sagt Dirk Möller. "Man schafft es nicht alleine aus der Gewaltspirale heraus - sowohl Opfer als auch Täter."

Titelfoto: Bildmontage: 123RF/bialasiewicz/123RF/otnaydur

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