Messerattacke in Regionalzug: Verdächtiger kurz vor Tat psychiatrisch beurteilt

Brokstedt – Furchtbare Szenen im Regionalzug: Ein Angreifer tötet zwei Menschen und verletzt sieben weitere. Dutzende werden Zeugen des Verbrechens - und einige mutige Fahrgäste überwältigen den Täter. Doch was trieb ihn an?

Update, 20.43 Uhr: Tatverdächtiger kurz vor Messerangriff in Zug psychiatrisch beurteilt

Wenige Tage vor der tödlichen Messerattacke in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg ist der mutmaßliche Täter psychiatrisch beurteilt worden - ohne dass dabei besondere Auffälligkeiten festgestellt wurden.

Schon im Rahmen seiner knapp einjährigen Untersuchungshaft wegen eines Gewaltdelikts sei er in der Hamburger Justizvollzugsanstalt Billwerder psychiatrisch betreut worden, teilte die Hamburger Justizbehörde am Donnerstag mit. Grund für die Betreuung seien Tätlichkeiten gewesen, in die er zwei Mal während der Haft verwickelt gewesen sei.

"Ein Psychiater hat kurz vor der Entlassung keine Fremd- und Selbstgefährdung festgestellt", sagte eine Behördensprecherin. Deshalb habe es auch keine belastbaren Anhaltspunkte dafür gegeben, eine rechtliche Betreuung zu beantragen oder den Sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten. "Anders als bei der Außervollzugsetzung eines Haftbefehls bestehen bei der Aufhebung eines solchen keine Möglichkeiten, Auflagen oder Weisungen zu erteilen."

Update, 18.40 Uhr: Haftbefehl für Angreifer von Brokstedt erlassen

Gegen den Verdächtigen im Fall des tödlichen Messerangriffs im Zug bei Brokstedt ist Haftbefehl erlassen worden.

Dem 33 Jahre alten staatenlosen Palästinenser werde zweifacher heimtückischer Mord und viermal versuchter Totschlag vorgeworfen, sagte Oberstaatsanwalt Peter Müller-Rakow am Donnerstag.

Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur sitzt der Beschuldigte in Itzehoe in Untersuchungshaft.

Der 19-jährige Julian, Freund des Getöteten, legt Blumen auf dem Bahnsteig im Bahnhof von Brokstedt ab.
Der 19-jährige Julian, Freund des Getöteten, legt Blumen auf dem Bahnsteig im Bahnhof von Brokstedt ab.  © Marcus Brandt/dpa

Update, 14.42 Uhr: Polizei gibt Informationen zu den Opfern

Wie die Polizei am Donnerstagmittag bestätigte, handelt es sich bei den zwei Opfern um eine 17-Jährige Jugendliche und ihren 19-Jährigen Bekannten. Beide kommen aus Schleswig-Holstein.

Update, 11.53 Uhr: Keine Hinweise auf terroristischen Hintergrund bei Attacke

Im Fall des Angriffs in einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg, bei dem ein Mann am Mittwoch zwei Menschen getötet und mehrere verletzt hat, gibt es Ermittlern zufolge keine Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund.

Das sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe, Peter Müller-Rakow der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag.

Update, 10.34 Uhr: Verdächtiger am Nachmittag vor dem Haftrichter

Die Landesflagge Schleswig-Holsteins ist vor dem Amtsgericht Itzehoe auf halbmast zu sehen. Der Täter soll voraussichtlich am Nachmittag einem Haftrichter vorgeführt werden.
Die Landesflagge Schleswig-Holsteins ist vor dem Amtsgericht Itzehoe auf halbmast zu sehen. Der Täter soll voraussichtlich am Nachmittag einem Haftrichter vorgeführt werden.  © Gregor Fischer/dpa

Der mutmaßliche Täter wird voraussichtlich noch am Donnerstag einem Haftrichter in Itzehoe vorgeführt. Der Beschuldigte befinde sich nicht mehr in ärztlicher Behandlung, sondern im Gewahrsam der Polizei, teilten die Beamten mit.

Die Hintergründe der Tat seien weiterhin unbekannt. Zuletzt sei der staatenlose Palästinenser ohne festen Wohnsitz gewesen.

Update, 10.21 Uhr: Landtag gedenkt der Opfer mit Schweigeminute

Mit einer Schweigeminute hat der schleswig-holsteinische Landtag der Opfer gedacht. "Wir beginnen diese Sitzung nach furchtbaren Stunden, die Schleswig-Holstein tief erschüttert haben", sagte Landtagsvizepräsidentin Eka von Kalben (Grüne).

In dem Regionalzug von Kiel nach Hamburg seien am Mittwoch unschuldige Menschen Opfer geworden, betonte sie.

"Viele wurden Zeuginnen und Zeugen dieser unsäglichen und feigen Tat", sagte Kalben. Sie wünsche den Opfern, die durch das Gewaltverbrechen an Körper und Seele verletzt worden seien, schnelle und vollständige Genesung.

Sie dankte den Menschen, die sich "dem Täter entgegengestellt, ihn zu Boden gebracht und dadurch noch Schlimmeres verhindert haben".

Update, 10.10 Uhr: Alter und Geschlecht der Todesopfer bekannt

Bei den Todesopfern handelt es sich nach Angaben von Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (CDU) um eine 16 Jahre alte Jugendliche und einen 19 Jahre alten Mann.

Das gab die Ministerin am Morgen in Kiel bekannt.

Update, 9.50 Uhr: Identität der Todesopfer klar

Bei den beiden Opfern des tödlichen Angriffs handelt es sich um einen Mann und eine Frau. "Die Opfer sind einmal weiblich und einmal männlich. Alles Weitere folgt im Laufe des Tages", sagte eine Sprecherin der Polizei am Donnerstag in Itzehoe.

Die Identität der beiden Toten sei ebenfalls geklärt. "Da werden wir heute sicher auch was sagen." Der Zustand und die Schwere der Verletzungen der übrigen Opfer war am Morgen zunächst unklar.

Ob es bereits eine Obduktion der beiden Todesopfer gegeben hat, konnte die Sprecherin zunächst nicht sagen. Beide hätten schwerste Stichverletzungen gehabt, die zum Tod geführt haben.

Die Stichwaffe des Täters habe die Kriminalpolizei sicherstellen können. Details dazu nannte sie zunächst nicht.

Erstmeldung vom 26. Januar

Die Tat ereignete sich kurz vor der Ankunft des Zuges im Bahnhof Brokstedt im Kreis Steinburg.
Die Tat ereignete sich kurz vor der Ankunft des Zuges im Bahnhof Brokstedt im Kreis Steinburg.  © Jonas Walzberg/dpa

Polizei und Staatsanwaltschaft wollen ihre Ermittlungen zu der Attacke am Donnerstag fortsetzen. Das Verbrechen hatte am Mittwoch einen Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften ausgelöst und weit über Schleswig-Holstein hinaus für Entsetzen gesorgt.

Ein 33 Jahre alter staatenloser Palästinenser soll während der Fahrt auf mehrere Fahrgäste eingestochen haben. Ein vergleichbar schweres Gewaltverbrechen in einem Zug gab es nach Angaben von Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (50, parteilos) in Schleswig-Holstein noch nicht.

Zwei Opfer starben, sieben Menschen wurden nach ersten Erkenntnissen verletzt. Auch der mutmaßliche Täter, den Zeugen überwältigten, wurde verletzt. Zu den Identitäten der Opfer gab es am Mittwoch noch keine Angaben, sie seien noch nicht zweifelsfrei geklärt, teilte die Polizei mit.

56 Stunden gesperrt: Stau und dichter Verkehr auf A7
Schleswig-Holstein 56 Stunden gesperrt: Stau und dichter Verkehr auf A7

Schleswig-Holsteins Innenministerium ordnete für Donnerstag Trauerbeflaggung an. Am Donnerstag (14 Uhr) wollen sich Schleswig-Holsteins Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack (64, CDU) und der Leiter der Polizeidirektion Itzehoe, Frank Matthiesen, bei einer Pressekonferenz in Kiel zum Stand der Ermittlungen äußern.

Mutige Zeugen stoppten den Täter

Zwei Menschen wurden bei der Attacke getötet, sieben weitere verletzt.
Zwei Menschen wurden bei der Attacke getötet, sieben weitere verletzt.  © Jonas Walzberg/dpa

Viele Fragen blieben in den Stunden nach der Tat offen. "Die Hintergründe sind noch unklar", sagte eine Polizeisprecherin am Mittwoch.

Es gab erste Hinweise, dass der mutmaßliche Angreifer geistig verwirrt sein könnte, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Sicherheitskreisen erfuhr. Nach vorläufigen Erkenntnissen war er in Norddeutschland bislang nicht als Extremist aufgefallen.

Nach Informationen von "Spiegel" und "Welt" soll der Mann aber mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten, laut NDR mehrfach vorbestraft sein. Wie dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr, soll er bis letzte Woche inhaftiert gewesen sein. NDR und "Spiegel" zufolge hatte er zuletzt in Untersuchungshaft gesessen.

Die Ermittler befragten Dutzende Zeugen aus dem Zug, der mit rund 120 Fahrgästen besetzt war, in einem Gasthof in der Nähe des kleinen Bahnhofs der Gemeinde im Kreis Steinburg. Offenbar konnten mutige Fahrgäste Schlimmeres verhindern, sie überwältigten den Angreifer und hielten ihn fest.

Nach der Tat drückte auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser (52, SPD) den Betroffenen ihr Mitgefühl aus. "All unsere Gedanken sind bei den Opfern dieser furchtbaren Tat und ihren Familien", schrieb die Politikerin im Kurznachrichtendienst Twitter. Sie hatte von dem Verbrechen während einer Landtagssitzung erfahren.

Titelfoto: Jonas Walzberg/dpa

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