Kommentar: Influencer sind zwar erfolgreich, aber inhaltlich einfach nur arm

Stuttgart - Beim Wörtchen "Influencer" leben die Kommentarspalten auf Facebook und Instagram auf: Die einen haben dort Idole, denen sie folgen. Die anderen ärgern sich maßlos, dass es das Phänomen überhaupt gibt.

Ihr folgen auf Instagram über 4 Millionen Menschen: Pamela Reif.
Ihr folgen auf Instagram über 4 Millionen Menschen: Pamela Reif.  © DPA

Wir leben im Zeitalter der Social-Media-Stars. Und die - so unken böse Zungen - müssen eigentlich nicht viel mehr können, als sich selbst darzustellen. Ständig stolpere ich darüber in den Kommentaren. Grund genug also, mir das Thema mal vorzunehmen.

Internet-Promis wie Pamela Reif, Shirin David oder Bibi von Bibis Beauty Palace sind nahezu tagtäglich Bestandteil medialer Berichterstattung. Was sie gerade wieder getan haben, was gerade wieder voll lustig (oder peinlich) ist oder wie der Name ihrer Kinder lautet. Auf Facebook regen sich die User in schöner Regelmäßigkeit über die Influencer auf.

Sie schreiben, dass diese Leute ja im Grunde gar keinem Beruf nachgehen würden, an Oberflächlichkeit nicht zu überbieten seien oder veralbern den Begriff und schreiben von "Influenza" - also der Grippe. Und wie die Grippe, so hat sich auch das Influencer-Phänomen rasch ausgebreitet.

Ein Bild von ihr ist mehrere Tausende wert: Influencerin Bianca "Bibi" Claßen.
Ein Bild von ihr ist mehrere Tausende wert: Influencerin Bianca "Bibi" Claßen.

Mittlerweile hat gefühlt jeder, der mal in irgendeiner Folge von irgendeiner Casting-Show zu sehen war, einen Instagram-, YouTube- oder Schlagmichtot-Account mit Tausenden, Zehntausenden oder gar Hunderttausenden Followern.

Dort kann die neue Prominenz ihre Anhänger dann täglich daran teilhaben lassen, wo sie gerade auf dem Klo hockt, was es davor zu essen gab und ob Hintern oder Bauch jetzt endlich Sommer-optimiert sind.

All das, während man gleichzeitig Produkte anpreist. Ob Sportschuhe, Make-Up oder Apps ist eigentlich wurscht. Hauptsache, der Rubel rollt. Längst haben Unternehmen den Wert der einflussreichen Meinungsmacher für sich entdeckt. Influencer-Marketing lautet das Zauberwort.

Beim Portal Digitaler Mittelstand ist darüber zu lesen: "Im Influencer-Marketing wird versucht, die Autorität und Beliebtheit bestimmter Personen einzusetzen, um die Bekanntheit des eigenen Produkts zu steigern. Das kann unter anderem deshalb funktionieren, weil laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen aus dem Jahr 2015 der Großteil der Konsumenten eher auf persönliche Empfehlungen vertraut als auf Werbeformate."

Und Influencer-Marketing ist bares Geld wert. Die Website Gründerszene hat sich mal näher angeschaut, wieviel Geld Firmen in die Hand nehmen müssten, um die gleiche Reichweite mit Instagram-Werbung zu schaffen, wie die Influencer. Dieser "Media Value" ("Medienwert") beläuft sich demnach bei Bibi auf 22.500 Euro - pro Bild! Bei Dagibee wären es noch 20.827 Euro. Bei Shirin David ist jedes Posting demnach immerhin noch 15.693 Euro wert.

August 1963: Martin Luther King winkt in Washington Demonstranten zu.
August 1963: Martin Luther King winkt in Washington Demonstranten zu.  © DPA

Wer so viel Reichweite und Einfluss hat, der hat doch bestimmt auch etwas zu sagen, oder? Wichtige Botschaften? Gehaltvolle Ratschläge an die (meist jungen) Anhänger?

Davon sehe ich leider wenig. Wo vergangene Generationen noch Prominente hatten, die gegen Normen verstießen und was zu sagen hatten (etwa die Rolling Stones oder John Lennon), Charakterköpfe (Klaus Kinski oder Kurt Cobain) oder Menschen, die für eine bessere Welt einstanden (beispielsweise Martin Luther King), da sehe ich bei den heute so einflussreichen Influencern: nix.

Zappenduster ist es. Wenn es nicht Werbung ist, dann ist es belanglos. Man will ja keinen Werbekunden verprellen, indem man unbequem ist.

Das Wort Influencer verbinde ich darum mit einer langweiligen, inhaltsleeren Mischung aus Hochglanzfotos, stets gestellten Szenen und Produktwerbung bis der Arzt kommt.

Sie reden in ihren Instagram-Stories viel, aber sie sagen wenig. Influencer sind für mich das personifizierte inhaltliche Nichts. Niemandem weh tun, nirgends anecken. Das erinnert an Menschen, die Ingenieure in einem Windkanal entworfen haben könnten.

Aber: Der Erfolg gibt ihnen Recht. In dem Feld kann man richtig gutes Geld verdienen. Öfter lese ich, dass es der neue Traumberuf von Jugendlichen sei, auf Instagram oder YouTube ein Star zu werden. Kohle und Bewunderung der Anhängerschaft inklusive. Und was wirtschaftlich offenbar gut funktioniert, das kann so falsch nicht sein. Zudem: Oberflächliche Unterhaltung gab es schon immer.

Aber ich frage mich: War es das dann schon? Gehört nicht auch gesellschaftliche Verantwortung mit dazu, wenn man so eine Reichweite hat? Wenn man solch einen Einfluss hat? Ich würde es mir wünschen und hoffe, dass künftig inhaltlich mehr kommt als Werbung, Plastik-Hochglanz und Oberflächlichkeit.

Autor Patrick Hyslop.
Autor Patrick Hyslop.  © DPA

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