Nazi-Panzer, Klima-Holocaust und dieses Foto: Wie rechts ist Tom Radtke?

Hamburg - Der Eklat um Tom Radtke (18), Kandidat der Partei die Linke für die Bürgerschaftswahl in Hamburg, hat eine neue Eskalationsstufe erreicht.

Bei der Demo von Fridays for Future am 13. Januar in Hamburg war Tom Radtke (r.) noch ganz vorne dabei.
Bei der Demo von Fridays for Future am 13. Januar in Hamburg war Tom Radtke (r.) noch ganz vorne dabei.  © Christian Charisius/dpa

Die rechtsextreme Szene sucht Kontakt zu dem Schüler und er anscheinend auch zu ihr. Am Freitag sprach Radtke mit Martin Sellner.

Der 31-Jährige gilt als Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung Österreich und deren bekanntestes Gesicht. Sellner unterstützte Radtke bereits seit Beginn des Eklats.

Die beiden unterhielten sich am Freitag per Telefon etwas mehr als 40 Minuten, ein Video davon stellte Sellner ins Internet. Darin verharmlost Radtke unter anderem seinen Tweet vom Ausschwitz-Gedenktag, mit dem das Politdrama begann.

Der junge Linke sagt, dass der Text bei "einigen sehr kontrovers ankam, weil er zum Großteil falsch verstanden wurde".

Ende Januar schrieb der 18-Jährige: "Die Nazis gehören auch zu den größten Klimasünder*innen, da ihr Vernichtungskrieg und ihre Panzer riesige Mengen an CO2 produziert haben. Viele Politiker sagen, dass sich das nicht wiederholen darf. Aber was tun sie gegen den Klima-Holocaust, der in diesem Moment Millionen Menschen und Tiere tötet?"

Danach distanzierten sich Fridays for Future Hamburg, die Linke, Luisa Neubauer und weitere von ihm. Zwar löschte Radtke die Aussage, doch die Linke leitete ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn ein. Danach sah es anfangs so aus, als ob der 18-Jährige durch die öffentliche Zurückweisung gekränkt wurde. Er sah sich "in der Pflicht zurückzuschlagen".

Wie er das umsetzte? Lautes Pöbeln auf Twitter gegen eigene Parteimitglieder, Drohungen und die Veröffentlichung von angeblich kompromittierenden Materials.

Radtke knöpfte sich Fridays for Future vor, die Bewegung sei von den Grünen unterwandert, er schrieb über mutmaßliche Sekten in der Linken und deren Verbindungen unter anderem zum israelischen Geheimdienst.

Wandlung vom Klimaschützer zum Leugner des Klimawandels

Auf seiner Facebookseite verbreitete Tom Radtke seine Aussage zu Holocaust und Klimawandel.
Auf seiner Facebookseite verbreitete Tom Radtke seine Aussage zu Holocaust und Klimawandel.  © Screenshot/Facebook/tomradtke.de

Schließlich änderte er seine Meinung im Bereich Klima komplett. Der Kandidat für die Bürgerschaftswahl warb anfangs mit seiner Mitgliedschaft und dem Logo von Fridays for Future, er verschrieb sich dem "Kampf für eine konsequente Klimapolitik in Hamburg".

Am Donnerstag verkündete Radtke seinen Austritt aus der Klimaschutzbewegung. Er habe "den unsinnigen und volksfeindlichen Inhalt der Klimabewegung erkannt". Die Klimawissenschaft sei "zum großen Teil Manipulation und Betrug". Klingt eher nach AfD als nach Linkspartei?

Aus der extrem rechten Ecke des Internets bekommt der junge Mann Beifall, denn Radtke schoss vor allem gegen rechte Feindbilder. Daher stammt vermutlich auch das Interesse von Sellner an ihm.

Im Gespräch stellen beide viele gemeinsame Positionen fest. Der Hamburger spricht davon, dass er offene Grenzen, Feminismus, Gendern und Political Correctness ablehne. Da ist der IB-Chef ganz bei ihm und ruft zur Unterstützung auf.

Ein weiteres Kapitel des Schulterschlusses mit der extremem Rechten teilte Radtke am Samstagnachmittag. Auf Twitter veröffentlichte er ein gemeinsames Foto mit zwei mutmaßlichen Mitgliedern der rechtsextremen Identitären Bewegung Hamburg.

Tom Radtke zeigt Foto mit mutmaßlichen Rechtsextremen

Tom Radtke teilte auf Twitter das Foto eines gemeinsamen Ausflugs mit Mitgliedern der rechtsextremen Identitären Bewegung.
Tom Radtke teilte auf Twitter das Foto eines gemeinsamen Ausflugs mit Mitgliedern der rechtsextremen Identitären Bewegung.  © Montage: Screenshot/Twitter/tomradtkede

Er habe "gerade mit einigen Genossen" der IB die Gedenkstätte Ernst Thälmann besucht, schreibt der Schüler. Radtke hält gemeinsam mit den zwei IB-Mitgliedern eine schwarze Fahne der IB, im Hintergrund sind rote KPD-Banner, ein Antifa-Logo und ein Foto Thälmanns zu sehen.

Alle drei lächeln in die Kamera. Thälmann wurde übrigens 1944 im Konzentrationslager Buchenwald durch die Nazis ermordet.

Nach dem Besuch rief die IB via Twitter auf, bei der Bürgerschaftswahl am Sonntag den 18-Jährigen zu wählen. "Die Zukunft gehört den Mutigen, weniger Distanzierung mehr Zusammenarbeit!"

Auf dem Listenplatz 20 liegt Radtke zwar weit hinten, doch eine Besonderheit des Hamburger Wahlrechts arbeitet für ihn. Wähler können ihre Stimmen den Kandidaten direkt geben und damit die Reihenfolge der Liste verändern.

Nach einem möglichen Einzug ins Parlament plant der 18-Jährige anscheinend einen weiteren politischen Schachzug. Die Linke will ihn ausschließen, er wäre im Erfolgsfall parteilos. Auf Twitter ließ er seine Follower bereits abstimmen, was er dann machen soll. Ergebnis: Parteiwechsel. Viele raten ihm zur AfD.

Mehrere Fragen stellen sich in dem Zusammenhang. War das ganze Politrama von langer Hand geplant? Ist Tom Radtke gar ein rechtes "U-Boot" in der Linkspartei? Oder handelt es sich um einen zutiefst verletzten jungen Mann, der die einzige gebotene Unterstützung annimmt?

In den Stunden und Tagen nach der Auszählung der Stimmzettel könnte es erste Antworten darauf geben.

Update, 20.05 Uhr: Gedenkstätte nimmt Stellung

Den Besuch in der Gedenkstätte Ernst Thälmann haben sich Tom Radtke und die IB-Mitglieder offenbar unter falscher Flagge erschlichen.

Hein Pfohlmann, 1. Vorsitzender des Vereins Kuratorium Gedenkstätte Ernst Thälmann, erklärte, dass sich die Besucher als Antifa-Gruppe angemeldet haben.

Generell sei das Fotografieren in den Räumen verboten.

"Wir distanzieren uns auf das Entschiedenste von dieser Gruppe und ihrem Auftritt. Und natürlich von deren Zielen!"

Solche rechtsextremen Organisationen und Einzelpersonen hätten generell Hausverbot in der Gedenkstätte.

Titelfoto: Montage: Christian Charisius/dpa, Screenshot/Twitt

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