Notruf aus Paradies: Deutscher Chefarzt soll ungewöhnlichem Patienten helfen
Halle (Saale) - Normalerweise behandelt Dr. Henrik Liedtke als Chefarzt am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara in Halle (Saale) in Sachsen-Anhalt menschliche Patienten. Zu Jahresbeginn erhielt er aber einen kuriosen Hilferuf, denn eine sehr beliebte und sehr alte Riesenschildkröte benötigte medizinische Unterstützung.
Die Aldabra-Riesenschildkröte George ist schätzungsweise 135 Jahre und auf der Insel Desroches ein Star. Das Tier gehört vermutlich zu den fünf ältesten lebenden Landtieren der Erde - ist ein inoffizielles Wahrzeichen der Insel, die zu den Seychellen im Indischen Ozean gehört.
George verletzte sich Anfang des Jahres auf unbekannte Weise und konnte sich nicht mehr bewegen, erklärte das Klinikum am Dienstag in einem Pressetext. Ohne Behandlung wäre das Tier gestorben.
Dr. Liedtke, Chefarzt der Klinik für Anästhesie, Intensiv-, Notfall- und Schmerzmedizin, betreibt seit rund 30 Jahren mit einem Kollegen das Unternehmen "ResortDoc", das medizinische Zentren in aller Welt betreibt, die an Hotels angegliedert sind.
Ein auf den Seychellen eingesetzter Arzt kontaktierte den Chefarzt aus Halle und suchte die Hilfe für den Vierbeiner. "Die Schilderung des Kollegen machte den Ernst der Lage sofort deutlich. Riesenschildkröte George habe eine schwere Verletzung erlitten", erinnerte sich Liedtke.
Das Tier bekam eine improvisierte Schiene
Liedtke rief zwei seiner Kollegen aus Halle an und schickte kurzerhand Dr. Jens Thielebein, Tiermediziner von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, und Dr. Felix Göbel, orthopädischer Chirurg vom Gelenkzentrum "Orthodocs", auf die Seychellen. "ResortDoc" übernahm die Reise- und Unterbringungskosten.
Vor Ort waren alle rund 200 Einwohnerinnen und Einwohner sehr betroffen von Georges Schicksal, boten ihre Hilfe an und hofften auf schnelle Rettung, aber die Bedingungen vor Ort waren ungewöhnlich. Die Schildkröte wiegt fast 300 Kilogramm und musste mit einem Gabelstapler auf den selbst gebauten OP-Tisch aus Gummireifen und einer Holzplatte gehoben werden.
Fast fünf Stunden lang operierten die Ärzte das Bein der Schildkröte und fixierten den Knochenbruch mit Platten, Schrauben und Nägeln. George war währenddessen in Narkose.
Danach wartete aber gleich die nächste Herausforderung, denn wie gewährleistet man, dass ein Tier sein Bein mehrere Wochen ruhigstellt? Ein aufgeschnittener Autoreifen und Spanngurte von einem Lastwagen dienten als Schutz und Schiene.
Dr. Liedkte ist stolz, dass seine Kollegen dem Tier helfen konnten. Heute soll es George den Umständen entsprechend gut gehen. "Das Tier isst und trinkt regelmäßig, was den veterinärmedizinischen Kollegen zufolge ein sehr gutes Zeichen ist", erklärte der Chefarzt.
Titelfoto: Bildmontage: Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara/Marco Warmuth; privat

