Artenschutz für den einst gefürchteten Schädling: Die Feldhamster sollen in Sachsen wieder heimisch werden
Leipzig - Jahrhundertelang war ein gemeiner Getreidedieb großer Feind der deutschen Bauernschaft: der Feldhamster. Riesige Anstrengungen wurden unternommen, um den Ernteschädling auszurotten - mit Erfolg. Auch in Sachsen konnte 2020 keines dieser possierlichen Tierchen mehr in freier Wildbahn nachgewiesen werden. In einem ehrgeizigen Artenschutzprojekt werden jetzt 12,2 Millionen Euro investiert, um dem Feldhamster zumindest in Nordsachsen das Überleben zu ermöglichen.
Vorsichtig öffnet Sachsens Bauernminister Georg-Ludwig von Breitenbuch (55, CDU) eine hölzerne Transportkiste. Der Leipziger Zoodirektor Jörg Junhold (62) schaut interessiert zu.
Durch eine halbtransparente Röhre huscht ein Pelzknäuel in ein vorbereitetes Erdloch in die Freiheit. Im Vorfeld wurde dafür gesorgt, dass der Feldhamster hier nahezu ideale Lebensbedingungen vorfindet.
Inzwischen gilt das akut vom Aussterben bedrohte Nagetier als Sympathieträger. Bis in die 1980er-Jahre hinein wurde die Jagd auf den Feldhamster teils noch subventioniert.
Man bekämpfte ihn mit der chemischen Keule, stellte Fallen auf und flutete gezielt seine Baue. Des Weiteren zerstörte die industrialisierte Landwirtschaft seine Lebensbedingungen.
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Es gab schon frühere Projekte, aber ohne Erfolg
Zur Jahrtausendwende verfügte Sachsens Hamsterpopulation lediglich über ein nennenswertes Vorkommen. Doch gerade auf diesen Acker in Wiedemar (Nordsachsen) sollte ein großes Autohaus gebaut werden. Naturschützer fingen 147 Feldhamster ein und siedelten sie mit Erfolg im fünf Kilometer entfernten Grebehna an.
Ab 2008 schlossen sich Naturschutzorganisationen unter Federführung des NABU Sachsen zu einer Kooperation zur Rettung des Feldhamsters zusammen.
Spenden wurden gesammelt, damit die Bauern in dem Gebiet des letzten Vorkommens überlebensfreundliche Bedingungen schaffen - 2015 beteiligten sich bereits zehn Landwirtschaftsbetriebe an dem Projekt (hamsterschutz-sachsen.de). Sachsens Feldhamster schien gerettet.
Doch die Dürren von 2018 und 2019 machten alles zunichte. Der nordsächsische Landrat ließ den Feldhamster 2020 steckbrieflich suchen: Wer immer einen Hamsterbau entdeckt, erhält 50 Euro Finderlohn. Dutzende Privatpersonen machten sich vergeblich auf die Suche.
Der charismatische Ackerbewohner war in Sachsen somit unter der Nachweisgrenze.
Der Zoo wurde mit ins Boot geholt
Statt aufzugeben, holten die Akteure unter dem Motto "Jetzt erst recht!" den Zoo Leipzig mit ins Boot - im Juni 2022 wurde eine Zuchtstation eingerichtet.
Direktor Junhold: "Der Schutz der biologischen Vielfalt braucht starke Partnerschaften - und Zoos spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie können bedrohte Arten bewahren, Populationen stabilisieren und damit einen echten Beitrag zur Verbesserung des Gefährdungsstatus auf der Roten Liste leisten."
Ein Jahr später entstand ein wissenschaftlich fundiertes Strategiepapier, wie bis 2031 im Raum Delitzsch eine sich selbst erhaltende Feldhamster-Population etabliert werden kann.
Das überzeugte auch die Europäische Union, welche das 12,2 Millionen Euro teure Projekt "LIFE4HamsterSaxony" zu 75 Prozent finanziert - den Rest übernehmen das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG), das Landratsamt Nordsachsen sowie der Leipziger Zoo.
Die Hamster vermehren sich!
In einer Pilotphase wurden 2024 und 2025 bereits 250 Hamster ausgewildert, in diesem Jahr kamen 93 Tiere dazu. Bereits wenige Wochen nach der ersten Aussetzung tappten in der Freiheit geborene Jungtiere in die Fotofalle und sahen gesund aus.
Ausgehend von den Orten der Auswilderung dürften sich die Tiere inzwischen über das ganze Maßnahme-Gebiet ausgebreitet haben. Die Auswertung einer umfangreichen Kartierung der Hamsterbaue steht derzeit aber noch aus.
Ein Großteil der Fördersumme geht an die sieben Landwirtschaftsbetriebe, welche die derzeit 103 Hektar große Schutzfläche bearbeiten. Denn ein hamsterfreundlicher Ackerbau erfordert Abstriche an der Effektivität und dem Ertrag.
Nachdem die Bauern der Region vor zwei Jahrzehnten noch große Vorbehalte hatten, sind sie inzwischen ein zuverlässiger Kooperationspartner.
Die Bauern beteiligten sich ebenfalls am Projekt
Damit sich das pelzige Feldtier wohlfühlt, braucht es nicht nur Nahrung und Flüssigkeit, sondern auch Deckung vor möglichen Fressfeinden. Daher lassen die Landwirte einige Ackerstreifen ungeerntet, schneiden das Korn höher am Halm ab oder pflügen die Stoppeln erst viel später im Jahr um.
Die Bauern verpflichten sich auch zum Anbau bestimmter Zwischenfrüchte, verzichten zum Teil auf Bodenbearbeitung oder lassen Blüh- und Randstreifen stehen. Auf einigen Feldern wird auch Luzerne angebaut, welche dem Hamster bereits im Frühjahr Nahrung und Deckung bietet.
Minister von Breitenbruch: "Das Projekt bietet die einmalige Chance, ackerbauliche Lösungen zu entwickeln, um diese, aber auch andere Tierarten in Regionen mit voraussichtlich abnehmenden Niederschlagsmengen zu schützen. Es ist ein Beitrag für die Wiederherstellung einer Kulturlandschaft, die intakte Lebensräume für Tiere und Pflanzen bietet und in der sich vielfältige Ackerflächen entwickeln können."
Denn die Hamsterrettung könnte auch Vorbild für andere Feldbewohner wie Rebhuhn, Feldhase, Feldlerche oder verschiedene Insektengruppen sein.
Weitere Informationen findet Ihr unter feldhamster.sachsen.de.
Titelfoto: DPA

