Bombastische Geschäfte im Westen: Warum Sachsen nicht vom Rüstungs-Boom profitiert

Dresden - Panzer, Munition, Milliarden - die deutsche Rüstungsindustrie boomt wie lange nicht. Die Auftragsbücher sind randvoll, die Ausgaben explodieren - man könnte von einem bombastischen Geschäft sprechen. Doch während im Westen das Geschäft mit der Verteidigung wächst, bleibt Sachsen vom großen Geldregen bislang weitgehend verschont.

Im früheren Waggonbau-Standort in Görlitz wird jetzt für die Rüstungsindustrie produziert.
Im früheren Waggonbau-Standort in Görlitz wird jetzt für die Rüstungsindustrie produziert.  © IMAGO/pictureteam

Deutschland gehört laut Friedensforschungsinstitut Sipri inzwischen zu den vier größten Waffenexporteuren der Welt. Allein in diesem Jahr plant die Bundesregierung zudem 108 Milliarden Euro Verteidigungsausgaben.

Im Osten kommt davon bislang nur wenig an. Für Sachsen wurden zwischen Januar und Mitte Oktober 2024 Exportgenehmigungen für Rüstungsgüter im Wert von rund 2,2 Millionen Euro erteilt. Zum Vergleich: Spitzenreiter Niedersachsen kam im selben Zeitraum auf 3,9 Milliarden Euro.

"Es ist ungerecht, wenn diese Ausgaben nur in den alten Bundesländern in Form von Wertschöpfung ankommen", so Martin Kurczyk (61), Vorstand des Mitteldeutschen Instituts für Sicherheitsindustrie (MISI).

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Sachsen Zuschauerin Laura rastet bei Zaubershow auf der Bühne aus: "Sowas Ekelhaftes"

Dabei gibt es in Sachsen durchaus Rüstungsfirmen: laut Staatskanzlei rund 90 Unternehmen mit mehr als 2300 Beschäftigten und 430 Millionen Euro Umsatz. Zum Vergleich: Allein Branchen-Primus Rheinmetall erzielte 2024 mehr als 700 Millionen Euro Nettogewinn.

Für viele Unternehmen gehe es darum, bis zu 15 Prozent ihres Umsatzes durch die Rüstungsindustrie zu verdienen.
Für viele Unternehmen gehe es darum, bis zu 15 Prozent ihres Umsatzes durch die Rüstungsindustrie zu verdienen.  © Swen Pförtner/dpa
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Noch kein Rüstung-Boom in Sachsen: Hoffnung bleibt trotzdem groß

Thomas Horn (55) sieht großes Potenzial in der Rüstungsbranche.
Thomas Horn (55) sieht großes Potenzial in der Rüstungsbranche.  © Thomas Türpe

Das Interesse von Firmen aus anderen Branchen sei groß. "Es gibt zahlreiche Anfragen zum potenziellen Einstieg in die Lieferketten", so Sachsens oberster Wirtschaftsförderer Thomas Horn (56).

Bewegung gibt es inzwischen auch im Osten. Der Rüstungskonzern KNDS produziert nun Panzerteile im früheren Waggonbau-Standort in Görlitz. Auch Rheinmetall will seinen Standort im Harz ausbauen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Pläne einer geplanten Pulverfabrik in Großenhain 2023 von Rheinmetall verworfen wurden, nachdem diese auf großen Widerstand gestoßen waren.

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Sachsen Vor 500 Jahren begründet: Sächsisches Wassersystem funktioniert noch immer

Die Hoffnung bleibt trotzdem groß: Bis 2027 sollen laut MISI mehr als 200 Millionen Euro investiert und über 1000 Arbeitsplätze geschaffen werden.

Profit mit Waffen? - Ein Kommentar von Benjamin Schön

TAG24-Redakteur Benjamin Schön.
TAG24-Redakteur Benjamin Schön.  © Holm Helis

Auch in Sachsen wird der Ruf lauter: Wenn die deutsche Rüstungsindustrie boomt, warum profitiert der Freistaat kaum davon? Für viele klingt das nach einer großen Chance. Doch bei aller verständlichen Hoffnung sollte man eines nicht vergessen: Dieses Geschäft boomt, weil die Welt unsicherer geworden ist.

Trotzdem wächst der Druck, Sachsen stärker zu beteiligen. Während im Westen Milliarden umgesetzt werden, bleibt im Osten bisher nur ein kleiner Teil der Aufträge hängen. Dabei könnten Investitionen gerade hier viel bewirken - vor allem in Regionen, in denen traditionelle Industriezweige schwächeln.

Gerade für Teile der kriselnden Autoindustrie - Stichwort VW - könnten Rüstungsaufträge eine neue Perspektive sein. Produktionshallen, Know-how und Fachkräfte sind vorhanden. Neue Aufträge könnten Arbeitsplätze sichern und Standorte stabilisieren.

Der Allheilsbringer ist es trotzdem nicht. Denn wenn Sachsen stärker in diese Branche einsteigen will, dann muss auch klar sein: Die Gewinne dürfen nicht nur bei großen Konzernen landen. Wenn schon Milliarden in Waffen fließen und Profite gemacht werden, sollten sie zumindest auch dort ankommen, wo sie der Bevölkerung etwas bringen.

So verständlich der Wunsch nach wirtschaftlichen Chancen ist: Ein Boom mit Waffen bleibt ein Boom mit bitterem Beigeschmack. Die entscheidende Frage bleibt: Zu welchem Preis soll die Wirtschaft hier angekurbelt werden?

Titelfoto: Bildmontage: IMAGO/pictureteam, Swen Pförtner/dpa, Thomas Türpe

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