Meißen (Sachsen) - Aufruhr in Niederau: Am späten Nachmittag stürmten plötzlich Vermummte auf das Grundstück von Ralf Donaubauer (64) an der alten Windmühle. Sie rissen eine Ukraine-Fahne vom Fahnenmast runter und verschwanden wieder. Tatsächlich handelte es sich bei den Vermummten aber um die Polizei, bei der Fahne um die alte Flagge des Asow-Bataillons.
Als Russland vor vier Jahren in sein Nachbarland einfiel, wollte sich der Krankenpfleger im Ruhestand solidarisch zeigen. "Ich habe online bei Kaufland ein Paket Ukraine-Fahnen bestellt", sagt er.
"Da waren unterschiedliche dabei, mir war nur wichtig Blau-Gelb." Tatsächlich gab es dieses Paket über Kaufland, nachdem sich jedoch im Netz über die Ukraine-Fahne mit der "Schwarzen Sonne" und der "Wolfsangel" beschwert wurde, nahm der Einkaufsmarkt es im April aus dem Sortiment.
Denn das Asow-Bataillon wurde anfangs von Rechtsextremisten und Neonazis als Miliz in der Ukraine gegründet, die gegen die prorussischen Separatisten kämpfte.
Mittlerweile ist die Einheit jedoch in die ukrainische Nationalgarde eingegliedert, die Mitglieder sollen zum Großteil keine Rechtsextremisten mehr sein.
Bei Donaubauer wehten erst andere Fahnen, doch nachdem diese entweder verschlissen oder gestohlen wurden, kam die Asow-Fahne an den Mast. Bis jetzt.
Donaubauer: "Bin von einem Überfall ausgegangen"
"Wir saßen nach dem Kaffee ein bisschen vor dem Fernseher", sagt Donaubauer. "Da rannten plötzlich vier Dunkelgekleidete durch unser Krokusbeet, rissen die Fahne herunter und rannten damit davon."
Als er nachsah, war das Tor aufgebrochen, der Mast demoliert. "Ich bin von einem Überfall ausgegangen. Deshalb habe ich die Polizei angerufen. Doch da wurde mir gesagt: 'Das waren wir, wir hatten einen richterlichen Beschluss!'"
Erst danach will Donaubauer sich mit den Symbolen auf der Fahne befasst haben: "Ich bin alles andere als rechtsextrem, eher das Gegenteil", sagt er.
"Aber das Asow-Regiment hat bei der Belagerung Mariupols heldenhaft gekämpft, dazu stehe ich. Mir geht es aber gar nicht so sehr um die Fahne, sondern um die Art: Die Polizei hätte doch einfach mit mir reden können, ich bin schon froh, dass der Hund nicht erschossen wurde."
Die Polizei bestätigt den seltsamen Einsatz. "Es gab einen Durchsuchungsbefehl wegen Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen", sagt Sprecher Lukas Reumund (48).
"Auf das Klingeln wurde nicht reagiert." Ob die Fahne tatsächlich strafbar ist, ist umstritten: Die bisherige Rechtsprechung macht es vom Kontext des Zeigens abhängig, also ob damit tatsächlich der Nationalsozialismus verherrlicht werden soll.