Ein schöner Brauch seit drei Jahrzehnten: Professor ehrt "Baum des Jahres" mit Musik
Tharandt (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) - Andreas Roloff (71) aus Tharandt (Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) pflegt ein Hobby, bei dem er weltweit wohl der einzige Kulturträger sein dürfte. Der Professor für Forstbotanik lernt für jeden "Baum des Jahres", welcher in Deutschland ernannt wird, ein passendes Musikinstrument. Das ermöglicht ihm, seinen Studenten bei der Vorlesung zu den entsprechenden Bäumen zusätzliche Perspektiven zu eröffnen. Obwohl er inzwischen emeritiert ist, übt er bereits jetzt das Instrument für den Jahresbaum 2027.
Für den 2026er-Baum, die Zitterpappel, fiel die Auswahl allerdings schwer. Roloff: "Es gibt einfach kein Musikinstrument, welches aus Pappelholz hergestellt wird."
Auf dieses Problem stieß er bereits 2006 mit der Schwarzpappel. Damals organisierte er sich niederländische Klompen aus Pappel und beglückte seine Studenten mit dem Holzschuhtanz aus "Zar und Zimmermann".
Bei der Zitterpappel musste schließlich die sprachliche Ähnlichkeit mit der Zither herhalten. Der Professor zupft nun die 24 Saiten einer Guzheng, einer Urahnin der asiatischen Zithern. Roloff: "Wegen der Fünftonskala entstehen Melodien und Harmonien fast von allein. Es ist äußerst entspannend."
Die liebevolle Verknüpfung zwischen Bäumen und Musik begann vor 30 Jahren. Roloff spielte damals aus eigenem Interesse Saxofon. Als die Vorlesung zur Eberesche, dem Baum des Jahres 1997, näher rückte, übte er das erzgebirgische Volkslied vom "Vugelbeerbaam" ein.
Die Studenten waren völlig aus dem Häuschen. Und die Idee zu weiteren musikalischen Untermalungen der Jahresbäume entstand.
Cello und Blockflöte lernte der junge Andreas bereits früh. Doch Wald und Bäume spielten für das Stadtkind aus Bremen damals keine Rolle. Nach dem Zivildienst im Heim für schwer erziehbare Kinder wählte er das Studium der Psychologie in Göttingen.
Nach fünf Semestern und dem Vordiplom rutschte er aber in eine Sinnkrise. Und ihm wuchsen lange Haare, wie es in den 1970ern halt so Mode war. Bis ein Friseur 1978 diese Matte rigoros stutzte.
Nach neuer Frisur folgte Geistesblick: Roloff fand seine Berufung
Danach stellte eine Freundin fest: "Du siehst ja jetzt aus wie ein Förster!" Roloff: "Kurz darauf wurde mir klar, ich möchte Förster werden. In der Psychologie gibt es 20 Prozent handfeste Sachen, der Rest ist Theorie und Spekulation - beim Forst ist das umgekehrt."
Das 1979 begonnene Studium der Forstwissenschaften mit Spezialisierung in der Forstbotanik machte ihn zehn Jahre später zu einem der führenden Baumexperten Europas.
Seine Habilitation sorgte in der Fachwelt für Aufsehen - seither gehört bei der Vitalitätsbeurteilung von Bäumen das Roloffsche Vierstufenmodell zum Standard. Roloff übernahm 1994 den Lehrstuhl an der Forstakademie Tharandt und war bis 2022 auch Direktor des altehrwürdigen Forstbotanischen Gartens.
Hier befindet sich nach wie vor sein Büro, in dem er in Mußestunden die Instrumente der Jahresbäume einübt. Das Cellospiel musste er für die Waldkiefer (2007) nur auffrischen: Kolophonium, welches man für die Haftung der Saiten nutzt, wird aus Kiefernharz gewonnen.
Anspruchsvoller war da die Umstellung von Blockflöte auf Querflöte, welche er 2025 für die Rot-Eiche spielte. Mit Geduld und Neugier lernte Roloff Tasteninstrumente, Gitarren, Trommeln oder Kastagnetten.
Doch manche Instrumente wehren sich gegen Autodidakten, das Alphorn hätte zum Albtraum werden können. Für den Jahresbaum Fichte (2017) hatte der Professor ein 4,30 Meter langes Exemplar aus dem entsprechenden Holz aufgetrieben.
Roloff: "Ich brauchte etwa ein halbes Jahr, bis ich einen halbwegs akzeptablen Ton hervorbrachte."
Besonderer Moment an der Elbe: Ein Dampfer reagierte auf seine Musik
Das Üben beschert aber auch Erlebnisse, die man nie vergisst. Als er dem Alphorn endlich laute Töne entlocken konnte, stellte er sich Sonntagmittag bei Nieschütz (Meißen) an die Elbe, wo er vom Echo des gegenüberliegenden Felsens belohnt wurde.
Ein hier wendender Dampfer der "Weißen Flotte" erwiderte das Signal. Roloff: "Ohne dass wir uns verabredet hatten, spielten wir dann über mehrere Jahre hinweg immer wieder sonntags ein Duett."
Seit 1992 gehört Roloff dem Kuratorium an, welches den "Baum des Jahres" im Oktober des Vorjahres verkündet. Die geheime Wahl findet noch ein halbes Jahr früher statt. Daher hat er auch genügend Zeit, dafür das passende Musikinstrument auszusuchen und zu lernen.
Oder vorher einen Handwerker zu finden, der den Klangkörper aus dem gewünschten Holz herzustellen vermag.
Für das Jahr der Flatter-Ulme (2019) suchte er selbst einen getrockneten Ast, woraus ein Instrumentenbauer ein Didgeridoo zauberte. Doch diesen modulierten Dauerton kann man nur blasen, wenn man währenddessen atmet.
Zu seinem Glück fand Andreas Roloff in Großenhain (Meißen) einen Oboenlehrer, der ihn in dieser Technik unterwies.
Selbst Langschläfer stehen bei dem Professor früh auf
Studenten genießen nicht unbedingt den Ruf, dass sie die pünktlichsten Frühaufsteher sind. Doch wenn der Professor seine Doppelstunde zum Jahresbaum hielt, war früh halb acht jeder Platz im Hörsaal besetzt.
In einem Semester musste man in den Hauptvorlesungssaal der TU Dresden ausweichen, weil auch die Landschaftsarchitekten mit hineinpassen mussten. Hier ging es dann schon um 6.10 Uhr los, trotzdem mussten manche auf den Stufen sitzen.
Roloff: "Ab und zu treffe ich ehemalige Studenten, die durch meine Musikeinlagen selbst zu einem Instrument gekommen sind. Kürzlich sagte mir die jetzige Leiterin eines Grünflächenamtes, dass sie damals ebenfalls angefangen hat, Saxofon zu lernen. Sie spielt es noch immer und ist mir sehr dankbar dafür."
Roloffs Vortrag mit musikalischer Untermalung zum Jahresbaum gehört seit 30 Jahren auch zum Programm der Deutschen Baumpflegetage in Augsburg. Dass er ihn in diesem Jahr erstmals absagen musste, löste eine Welle des Bedauerns aus.
Dennoch übt er bereits unbeirrt das Instrument für den Baum des Jahres 2027. Welcher das sein wird, bleibt bis Oktober ein gut gehütetes Geheimnis.
Titelfoto: Fotomontage/Privat/Petra Hornig/dpa

