Er war der erste deutsche Singer-Songwriter: Darum wird Anton Günther bis heute gefeiert

Erzgebirge - Heute vor 150 Jahren erblickte Anton Günther (†61) das Licht der Welt. Auch knapp 90 Jahre nach seinem Tod berühren seine Texte nicht nur die Menschen im Erzgebirge.

Gezwirbelter Schnurrbart, tief ins Gesicht gezogener Trachtenhut: Man nannte ihn auch "Tholer-Hans-Tonl".  © Verlag Tschirner & Kosová

Er war der erste deutsche Singer-Songwriter, schon lange, bevor dieses Genre so benannt wurde. Und er erfand das Musikmerchandising weit vor der Entstehung der Plattenindustrie. Der Mann mit dem gezwirbelten Schnurbart und dem tief ins Gesicht gezogenen Trachtenhut wird neuerdings von der Sächsischen Staatskanzlei etwas vermessen zum "Bob Dylan des Erzgebirges" hochgejazzt.

Vor 150 Jahren, am 5. Juni 1876, erblickte der Mundart-Dichter und Heimatlied-Komponist Anton Günther das Licht der Welt. Ihm ist es wohl zu verdanken, dass der erzgebirgische Dialekt als solcher so erhalten blieb.

Der schicksalhafte Ort der Geburt prägte Anton Günther sein ganzes Leben. Er wuchs im böhmischen Gottesgab (Boží Dar) nur wenige Meter hinter der sächsischen Grenze auf dem bitterarmen Erzgebirgskamm auf. Eine Sprachgrenze war dies damals nicht. Doch er war Bürger der österreichischen k. u. k. Monarchie.

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Eine Religionsgrenze gab es ebenfalls, in Böhmen war man Katholik. Weil die Mutter früh verstarb, oblag die Erziehung weitgehend seinem "Großmütterlaa", welchem er auch ein Lied widmete. Sie lehrte ihn in Gottesfurcht, Frömmigkeit, Treue, Zusammenhalt, Naturverbundenheit und Heimatliebe.

Ebenfalls einen aufrichtigen Patriotismus, in welchem das böhmische Erzgebirge selbstverständlich deutsch war. Musikalische Inspirationen erfuhr der kleine Anton von seinem Vater, der zum Nebenerwerb in Oberwiesenthal und Joachimsthal (Jáchymov) zum Tanz aufspielte.

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Das Leben auf dem Erzgebirgskamm war von bitterer Armut geprägt - man hielt sich mit Nebenjobs über Wasser.  © IMAGO/piemags

"Drham is' drham" wurde zum Gassenhauer

Auf Hochdeutsch: "Vergiss deine Heimat nicht".  © imago images/Arkivi

Gern wäre er Förster geworden. Doch wegen des zeichnerischen Talentes schickte der Vater seinen 16-Jährigen zu einem Lithografen nach Buchholz. Wegen guter Leistungen schloss Anton Günther die Lehre nach nur drei Jahren ab und erhielt eine Anstellung in Prag. Und hier spürte er schnell die Sehnsucht nach den heimischen Wäldern.

Gemeinsam mit anderen Gottesgabern und von Heimweh geplagten Erzgebirgern traf er sich hier regelmäßig zum "Guttsgewer Obnd", bei denen die Mundart gepflegt wurde. Autodidakt Günther spielte inzwischen Gitarre und stellte seine Gedichte und Lieder für die Heimat vor.

Sein Lied "Drham is' drham" (Daheim ist daheim) wurde unter der erzgebirgischen Diaspora in der Goldenen Stadt sofort ein Gassenhauer.

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Irgendwann kam Günther nicht mehr hinterher, seinen Fans den Liedtext aufzuschreiben. Gemeinsam mit einer von ihm erstellten Zeichnung ließ er die fünf Strophen - anfangs noch ohne Noten - in einer Auflage von 100 Stück drucken. Die Liedpostkarte war erfunden. Diese "Grüße aus dem Erzgebirge" begründeten seinen späteren Ruhm.

Zurück in der Heimat ließ er andere Auflagen folgen. Aus Günthers Feder floss ein Hit nach dem anderen - hier in Hochdeutsch: "Wo die Wälder heimlich rauschen", "Erzgebirge, wie bist du schön", "Es ist Feierabend", "Vergiss deine Heimat nicht", "Der Schneeschuhfahrermarsch", "Oh selige Weihnachtszeit" - und viele mehr.

Über 140 weithin bekannte Lieder schrieb und sang er. Auf Postkarten wurden sie in ganz Deutschland und Österreich verschickt.

Anton Günthers Vater spielte zum Nebenerwerb in Oberwiesenthal und Joachimsthal (Jáchymov) zum Tanz auf.  © imago images/Arkivi

"Deitsch on frei wolln mer sei (weil mer Arzgebirger sei)": Die heimliche Hymne der Erzgebirger

"Deitsch on frei wolln mer sei (weil mer Arzgebirger sei)" ist bis heute die heimliche Hymne der Erzgebirger.  © imago images/Arkivi

Gottesgab zu verlassen kam für die treue Seele nicht infrage. So nahm er - ab 1918 tschechischer Staatsbürger - auch in kauf, dass seine Auftrittsmöglichkeiten in Sachsen stark eingeschränkt wurden, obwohl seine Fanbasis dort ungleich größer war.

Verglichen mit heutigen Vertriebsmöglichkeiten hatte der Erzgebirger durchaus das Potenzial zum Weltstar. Mit dem Durchbruch der Schellackplatte brach aber auch der Verkauf der Liedpostkarten ein.

Sein Lied "Deitsch on frei wolln mer sei (weil mer Arzgebirger sei)", heute die heimliche Hymne der Erzgebirger, entstand bereits 1908. Günther wollte damit gegen die zunehmende Unterdrückung der Sudetendeutschen in Böhmen protestieren.

Sein etwas naiver Patriotismus brachte ihm später den Umarmungsversuch der Nazis und die Verachtung der Linkssozialisten als Reaktionär ein.

Günther, der sich schon immer allein und unverstanden fühlte und seinen Trost zwischen "Berg und Tal" fand, versuchte sich dagegen in einem Lied zu wehren: "Ich bi net schwarz, ich bi net weiß, ich bi net rut, ich bi net grü, ich halt zer Haamit, ze menn Volk, weil ich e Arzgebirger bi". Doch sein Ideal von der schönen, heilen Welt, welches er zeitlebens besang, war längst zerbrochen.

Aufzeichnungen Günthers deuten darauf hin, dass er lange Jahre unter Depressionen litt - eine damals noch nicht zu behandelnde Krankheit. In einem posthum veröffentlichten Gedicht "Traurig ower wahr!" schien er auch den Glauben an sein erzgebirgisches Volk verloren zu haben, welches in seinem Weltbild stets einen zentralen Rang einnahm. Ein Jahr nach seinem viel umjubelten 60. Geburtstag nahm sich Anton Günther - für Katholiken eine Todsünde - das Leben.

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Erst seine Liedpostkarten gaben dem Dialekt die passende Schrift

Wenn man bei Oberwiesenthal die Grenze passiert, erreicht man Anton Günthers Heimatstadt Gottesgab (Boží Dar). Ab den 1980er-Jahren war sein Denkmal zum Männertag beliebtes Ausflugsziel der sächsischen Bollerwagen-Gemeinschaften.  © imago/Wolfgang Schmidt/Arkivi

Eine erzgebirgische Schriftsprache gab es im 19. Jahrhundert de facto nicht. Jedes Dorf sprach die alltägliche Mundart etwas anders. Je weiter man sich auf Wanderschaft begab, desto mehr änderten sich Vokale und deren Betonungen und somit die Verständigungsmöglichkeiten.

Das änderte sich mit den von Anton Günther initiierten Liedpostkarten, welche die erzgebirgische Sprache in hunderttausendfacher Auflage weit über den Landstrich hinaus populär machten.

Bald sprach und sang man nach der von Günther vorgegebenen phonetischen Schreibweise. Er schuf somit die bis heute gültige sprachliche Identität und das kulturelle Gedächtnis der Region.

Ohne Liedpostkarten wären heute viele erzgebirgische Heimat- und Weihnachtslieder in Vergessenheit geraten. Das gilt übrigens auch für das Vogtland, welches kurz darauf seine Lieder ebenfalls auf Karten verschickte.

Für die Vereinheitlichung beider Dialekte hatten die gedruckten Liedgrüße eine ähnliche Wirkung wie Luthers Bibelübersetzung für die deutsche Sprache.

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