Nach Kanada und zurück in die sächsische Heimat: Das verrückte Leben des "Driftwood Holly"

Oberwiesenthal - Vor über 25 Jahren legte ein Erzgebirger die Fesseln als Inhaber einer kleinen Dachdeckerfirma ab und folgte dem Lockruf der Wildnis. Ausgerechnet im kalten Norden Kanadas - fast an der Grenze zu Alaska - fand er die Freiheit für ein normales Leben nahe der Natur. Und weil er sich dort zu einem talentierten Sänger und Songwriter mauserte, gab er sich einen Künstlernamen und nannte sich fortan nur noch "Driftwood Holly". In diesen Tagen weilt er mal wieder in seiner sächsischen Heimat. Nicht nur wegen der grünen Klöße und Rouladen, wie sie so nur seine Mutter kocht.

Er hatte die Hamsterräder und die fesselnden Vorschriften satt. Erst in 7000 Kilometer Entfernung fand Holly (57) genügend Abstand zum täglichen Wahnsinn.  © privat

Denn in den vergangenen fünf Wochen war die aus hervorragenden Musikern bestehende Band "Driftwood Holly" auf ihrer "Er-Leb-nis Tour" in Ostdeutschland unterwegs. Holly (57): "Wir haben uns nach jedem Wochenende verwundert in die Augen geschaut - es war der totale Wahnsinn von Anfang bis Ende. Wir haben mit dem Publikum geheult und gelacht. Eine anhaltende Schwingung."

An diesem Wochenende endet die Tour in Lichtenstein und Schwarzenberg (online noch wenige Restkarten verfügbar). Dass viele Konzerte ausverkauft waren, liegt an der großen Fangemeinde, welche inzwischen mit der Crew zu einer Familie zusammengewachsen ist und von der viele gleich mehrere Auftritte mitnehmen. Über Crowdfunding ermöglichten die Fans bereits drei Alben der Band.

Während der Pandemie hievten die Fans ihre Lieblingsband auch über die für Künstler drohende Existenznot, indem sie den Bau des kleinen Hausbootes "Traumtänzer" finanzierten.

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Damit schipperte "Driftwood Holly" 2021 von Schmilka bis Hamburg über die Elbe und gab am Ufer über 30 Konzerte, welche die strengen Corona-Auflagen erfüllten.

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Mystische Atmosphäre: Die Krypta des "Völkis" wurde zur Bühne für ein wohl unvergessliches Konzert.  © Sara Müller

Kanadier schreibt Buch über seine "Lebensreise"

Eine Autobiografie voller lustiger und überwältigender Überraschungen.  © PR

Inzwischen revanchierte sich Holly bei der treuen Anhängerschaft, indem er seine außergewöhnliche Geschichte niederschrieb. Das Buch "Ich war einmal" trägt den Untertitel "Meine Lebensreise von der DDR in die Wildnis am Yukon".

Es beginnt mit der strukturierten Kindheit in Oberwiesenthal, wo er an der Fichtelbergschanze die Grenzen zum Fliegen auslotete, als Skispringer und Nordischer Kombinierer jedoch nicht ganz die erforderten Leistungen erzielen konnte. Dafür aber, trotz unmusikalischer Familie, die Liebe zu einer alten Gitarre entdeckte.

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Holly hatte das zweifelhafte Vergnügen, seinen Pflichtwehrdienst an der Berliner Mauer zu schieben und deren dramatischen Fall mitzuerleben. Über solche überwältigenden Erfahrungen reflektiert er. Auch darüber, wie er in der schweren Zeit die Firma seines Großvaters übernahm und sich die Tretmühlen und Hamsterräder immer schneller drehten, obwohl sich sein kreativer Geist nach Ferne und Freiheit sehnte.

Die fand er ausgerechnet in Dawson City am Yukon-Fluss. Das alte Goldrausch-Städtchen, in dem Jack London einst kein Nugget, aber die Inspiration für Geschichten der Weltliteratur fand, zählt heute gerade mal 1600 Einwohner. Auf seiner Kanutour hatte der Erzgebirger hier drei Tage eingeplant. Es wurden 13.

Seit über 25 Jahren lebt "Driftwood Holly" bereits in Kanada.  © 123rf/appalachianviews
Als Kapitän des aus Treibholz (Driftwood) gezimmerten Hausbootes "Wooden Pearl" (Holzperle) steuert Holly sein Leben in die Freiheit.  © Webseite: Driftwoodholly.com

Holly nach seinem ersten Kanada-Aufenthalt: "Schon vor dem Heimflug habe ich überlegt, für immer hierherzuziehen"

Sehnsuchtsort Kanada: In der rauen und doch herrlichen Natur stößt man selten auf menschliches Treiben. Gelegenheit, sich selbst zu finden.  © 123rf/ pixora

Denn sofort wurde er herzlich in die überschaubare Gemeinschaft der Kleinstadt aufgenommen. Ganz normale Menschen, mit ihren ganz normalen Alltagsproblemen, hörten einander zu und halfen einander. Er wurde gefragt, ob er in einem Baumhaus schlafen wolle. Na klar. Und dann war da noch die herrlich raue Landschaft der umgebenden Nationalparks.

Holly: "Schon vor dem Heimflug habe ich überlegt, für immer hierherzuziehen. Wenn ich diese Freiheit und diese Menschlichkeit erst einmal kennengelernt und verinnerlicht habe, wie soll ich dann zu Hause wieder in den alten Routinen funktionieren?"

Er verkaufte die Firma und zimmerte bei Dawson ein kleines Blockhaus, fuhr mit Planwagen oder Hundeschlitten durch die Prärie.

Aus Treibholz - Driftwood - baute er ein kleines rustikales Hausboot. Die "Wooden Pearl" (Holzperle) dient nicht nur zum Fischen und Abhängen. Hier verbringt der Musiker seine Mußestunden und findet Inspirationen für seine Folk-Songs. 2013 hatte sich so viel verdammt gutes Material angestaut, dass er sein Debütalbum aufnehmen konnte.

In dieser Zeit wurde Kanada-Fan Jäcki Reznicek (72), Basser der Kultband "Silly", auf Hollys Musik aufmerksam. Gemeinsam mit dem Violinisten Pavel Oswald wurde eine erste Tour in Deutschland organisiert. Inzwischen gehören auch Jäckis Sohn Basti und der kanadische Gitarrist Daniel Stark zu "Driftwood Holly".

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Silly-Basser Jäcki Reznicek (72) entdeckte Holly in Kanada und überredete ihn zu Touren in Deutschland.  © Imago/Andreas Weihs

Holly sucht bewusst und höchstpersönlich nach außergewöhnlichen Orten

In seiner Blockhütte im Nordwesten Kanadas hält der Sachse Verbindung mit den treuen Fans.  © privat/Kirsten Lorenz

Zwischen den einzelnen Songs erzählt Holly den Leuten die neuesten Episoden aus seinem Dasein in der Natur und seine Erfahrungen eines normalen Lebens: "Ich ermutige sie, ihre Ansprüche weniger ernst zu nehmen und alles etwas entspannter anzugehen. Das lebe ich ja vor." Weil er auch lustig und dabei authentisch zu erzählen vermag, entsteht eine fast familiäre Atmosphäre.

Um auch wirklich Entspannungsräume für die Konzerte zu gestalten, sucht Holly höchstpersönlich nach außergewöhnlichen Orten. In diesem Jahr standen unter anderem der Alte Gasometer in Zwickau, der Hangar in Neuruppin, die Zinnkammern im Bergwerk Pöhla oder der Sternenhimmel im Planetarium Lichtenstein auf dem Tourplan.

Holly: "Den ergreifendsten Auftritt hatten wir in der Krypta im Leipziger Völkerschlachtdenkmal. Bei dem Hall war die Akustik für unseren Soundmaster zwar eine kleine Herausforderung, doch das Ergebnis war phänomenal."

Sich für die Zukunft Pläne zu machen, ist nicht Hollys Ding. Träume hingegen hat er schon. "Wir haben auf dem Wasser gespielt, auf dem Gipfel eines Berges, unter der Erde. Ich würde gern mal mit der Band die Luft bespielen."

Das Schwesternschiff "Traumtänzer" diente während der Pandemie als Bühne für die Tour auf der Elbe.  © privat
Im Luftschiff über Dresden - das aktuelle Album von Driftwood Holly.  © PR

Dazu träumt er von einem Ballonprojekt. Auf dem Cover des vor drei Wochen auf den Markt gekommenen Live-Albums "Freudenfeuer" schwebt "Driftwood Holly" in einem Luftschiff über Dresden.

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