Görlitz - Nachdem wohl eine Gasexplosion ein komplettes Haus in der Görlitzer James-von-Moltke-Straße zum Einsturz gebracht hat, kommen die Hilfskräfte wegen der Gefahr weiterer Explosionen nur langsam voran. Für den Rumänen Cosmin Ciobanu (27) ist die Situation unerträglich, denn unter den Trümmern liegen vermutlich seine Freundin Georgina Rusu (25) und seine Cousine Simona Marcu (26).
Hinter den Absperrungen können es die Görlitzer nicht fassen: "Die haben den Hahn immer noch nicht gefunden", sagt eine Rentnerin. "Das ist doch gefährlich." Tatsächlich ist der Hausanschluss unter den Trümmern verschüttet. Eine Tiefbaufirma reißt deshalb die Dr.-Kahlbaum-Allee auf, dort wird die Gasleitung abgeklemmt. 18 Haushalte sind betroffen.
Nach dem Einsturz meldete die Polizei zunächst fünf Vermisste, konnte zwei davon dann allerdings außerhalb des Hauses finden. Nur von Georgina, Simona und dem Deutsch-Bulgaren Ahmed M. (48) fehlt jede Spur.
"Ich habe nichts gegessen, nicht geschlafen", seufzt Ciobanu, der um seine Angehörigen bangt. Er wollte seine Freundin im Sommer heiraten, im Juli einen Baustellenjob in Frankfurt am Main beginnen.
"Sie hatte seit Sonntag Kopfschmerzen", sagt er über seine Frau. "Ich wollte am Montag nur kurz zur Apotheke, eine Tablette holen. Als ich an der Ecke war, hörte ich die Explosion." Er verstehe nicht, wieso es so lange dauert, zwei Personen zu finden.
Polizeidrohne kann nichts erkennen
Doch der Einsatz ist nicht einfach: In Hohlräumen kann noch eine explosive Menge Gas sein - rund um die Katastrophenstelle herrscht Einsturzgefahr. Stein um Stein kämpfen sich Einsatzkräfte aus Deutschland und Polen vor.
Mehrfach kommen auch Hunde zum Einsatz, schlagen an mehreren Stellen immer wieder an: "Die Anzahl der Stellen sagt uns nicht zwangsläufig aus, wie viele Personen da liegen", erklärt die Görlitzer Feuerwehr-Chefin Anja Weigel (47).
"Da es sich um eine Explosion handelt, müssen wir immer auch davon ausgehen, dass es nur Körperteile sein können." Zudem sei nicht gänzlich auszuschließen, dass die Trümmer noch weitere Passanten auf dem Gehweg verschüttet haben.
Derweil lässt die Bundespolizei ihre Drohne fliegen, doch die Wärmebildkamera kann nichts unter den Trümmern erkennen.
Innenminister, Oberbürgermeister und Landrat versuchen Trost zu spenden
Am Nachmittag sprechen Innenminister Armin Schuster (64, CDU), Oberbürgermeister Octavian Ursu (58, CDU) und Landrat Stephan Meyer (44, CDU) dem in Tränen ausgebrochenen Ciobanu ihren Trost aus. Und sie versuchen zu erklären, warum die Arbeiten so lange dauern.
"Die Einsatzkräfte arbeiten im hinteren Teil der Gebäude sehr konzentriert und konsequent, die Trümmer wegzuräumen", so Ursu. "Sie müssen sehr vorsichtig sein, damit nichts Zusätzliches passiert. Und die Rettungskräfte müssen auch dort geschützt werden. Deswegen hat das THW verschiedene Sensoren installiert, die Vibrationen messen."
Die Giebel seien instabil. "Wir konzentrieren uns auf Lebensrettung", so der Oberbürgermeister am Nachmittag. "Das ist noch möglich, das ist nicht ausgeschlossen!"
Der Innenminister lobt die Einsatzkräfte und will Hoffnung verbreiten: "Du siehst ihnen an, wie sie kämpfen mit dieser Situation", so Schuster.
"Wir haben immer noch die große Hoffnung, dass wir Menschenleben retten können." Für Cosmin Ciobanu ist das kein Trost mehr: Nach mehr als 20 Stunden Bangen, Hoffen und Anspannung müssen sich Sanitäter um seinen Kreislauf kümmern. Andere Rettungskräfte kämpfen bis in den Abend weiter, die drei Vermissten doch noch unter den Trümmern zu finden.