Long Covid in Sachsen: Regierung weiß immer noch nicht, wie viele Menschen betroffen sind
Dresden - Für den Großteil der Bevölkerung ist die Corona-Pandemie schon längst Geschichte. Nicht so für Hunderttausende Long-Covid-Patienten, die noch immer unter den Folgen einer Covid-Infektion zu leiden haben. Für sie werde in Sachsen jedoch viel zu wenig getan, beklagt die Grünen-Fraktion und wirft der Staatsregierung eine ungenügende Versorgung der Betroffenen vor.
Bereits im Dezember des vergangenen Jahres hat der Landtag auf Antrag der Fraktionen von Grünen, CDU, SPD, und Linke eine bessere Versorgung für Long-Covid-Betroffene, ME/CFS-Erkrankte sowie Personen mit Impfkomplikationen beschlossen. Für den Grünen-Landtagsabgeordneten Thomas Löser (54) bisher alles nur heiße Luft.
"Bei der Versorgung von Long-Covid-Betroffenen klafft weiterhin eine riesige Lücke zwischen Ankündigung und tatsächlicher Umsetzung", erklärt Löser in einer exklusiven Mitteilung gegenüber TAG24.
Der Grünen-Politiker bezieht sich mit seiner Kritik auf eine Kleine Anfrage, die er zuvor an das Gesundheitsministerium von Petra Köpping (67, SPD) gestellt hat.
Aus der Antwort der Staatsregierung geht hervor, dass in ganz Sachsen derzeit nur zwei Versorgungsangebote für Long-Covid-Betroffene existieren: einerseits der Standort des bundesweiten Klinik-Netzwerks "PEDNET-LC" am Dresdner Uniklinikum Carl Gustav Carus, wo nur erkrankte Kinder und Jugendliche behandelt und betreut werden. Andererseits eine Post-Covid-Ambulanz im Sächsischen Krankenhaus Rodewisch (Vogtlandkreis).
"Weitere systematische Angebote kennt die Staatsregierung nicht. Von flächendeckender Versorgung kann daher nicht annähernd die Rede sein", moniert Löser. Doch im Freistaat mangelt es offenbar nicht nur an den Angeboten für Betroffene.
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Sächsisches Gesundheitsministerium: "Statistische Unschärfen" erschweren Zahlenerhebung
Vielmehr herrscht noch immer große Unklarheit darüber, wie viele Betroffene es überhaupt gibt: "Der Staatsregierung liegen derzeit keine aktuellen Erkenntnisse vor. [...] Der Staatsregierung werden die Angaben zu Betroffenenzahlen voraussichtlich im 4. Quartal 2026 vorliegen", heißt es dazu in der Antwort auf Lösers Kleine Anfrage im April.
Der Grünen-Abgeordnete verdeutlicht, dass ohne Datenbasis eine Versorgung von Long-Covid-Betroffenen wohl kaum sichergestellt werden kann: "Uns fehlt durch die noch nicht erhobenen Zahlen weiterhin eine wesentliche Grundlage für eine zielgerichtete Planung und Steuerung der Versorgung."
Auf TAG24-Anfrage teilt das Sächsische Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt (SMS) am Mittwoch mit, dass insbesondere "statistische Unschärfen" die Zahlenerfassung erschweren würden.
Dies verdeutliche sich etwa am Beispiel der neuroimmunologischen Erkrankung ME/CFS: "ME/CFS kann Folge einer COVID-19-Erkrankung sein, aber auch unabhängig davon auftreten. Dazu können auch Unschärfen entstehen, weil Symptome einer Post-COVID-Erkrankung anderen Erkrankungen zugeschrieben und entsprechend codiert werden. Eine exakte Erhebung der Betroffenenzahlen ist somit aufgrund der komplexen Symptomatik schwierig."
Auch auf ein weiteres geplantes Angebot müssen Long-Covid-Betroffene in Sachsen wohl noch etwas warten: Im Gesundheitsministerium wird derzeit an einer Website gearbeitet, auf der unter anderem allgemeine Informationen über die Erkrankung, existierende Selbsthilfegruppen und aktuelle Forschungen zusammengetragen werden sollen.
Aus einem Zwischenbericht des Gesundheitsministeriums im Februar geht hervor, dass die Website ebenfalls im vierten Quartal des Jahres fertiggestellt werden soll. Nach aktuellem Stand könne diese Frist auch eingehalten werden, heißt es aus dem Ministerium.
Thomas Löser warnt vor wirtschaftlichen Folgen – Gesundheitsministern Petra Köpping will "Wissen schaffen"
Löser erhöht unterdessen den Druck und betont, dass Long Covid längst kein "Randthema" mehr sei, sondern vielmehr eine "dauerhafte Herausforderung" für das Gesundheitssystem und den Arbeitsmarkt zugleich.
Zur Untermauerung seiner Aussage verweist Löser auf eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD). Sollten sich Erkrankte nicht plötzlich in Luft auflösen, könnte Long Covid und der damit einhergehende Ausfall von Arbeitskräften demnach auch schwere finanzielle Folgen für die Volkswirtschaften in der EU haben.
"Die wirtschaftlichen Folgen von Long Covid sind beträchtlich. Wir müssen daher dringend die Versorgungsstrukturen und Datenerhebungen ausbauen", fordert Löser die Staatsregierung auf.
Die Dringlichkeit für eine flächendeckende Versorgung sehe auch Gesundheitsministerin Köpping, die sich deshalb bereits mehrfach mit Betroffenen ausgetauscht habe.
Sie betont gegenüber TAG24: "Das Problem sind mangelnde Forschungsdaten und mangelndes Wissen. Das gibt es oft auch noch bei Ärzten. Es gibt Therapie-Angebote, aber wir brauchen sie flächendeckend. Die wichtigste Aufgabe ist hier, Wissen zu schaffen, um bessere Diagnosen zu bekommen und so bessere Therapien zu ermöglichen. Auch mit innovativen Ansätzen."
Am Samstag sollen in Dresden und Leipzig derweil erneut sogenannte "Liegenddemos", stattfinden. Dort wollen Betroffene auf ihre triste Lage aufmerksam machen.
Titelfoto: Bildmontage: Zacharie Scheurer/dpa-tmn/dpa, Christophe Gateau/dpa, Steffen Füssel

