Riesen-Windrad darf nah ans Dorf - weil zwei Häuser fehlen

Reinsberg - Kaum 600 Meter neben einer Drei-Haus-Siedlung in der Nähe von Freiberg sollen Windräder gebaut werden, die in der Spitze höher sind als der Dresdner Fernsehturm. Laut Gesetz müssen 1000 Meter Abstand eingehalten werden - zu Siedlungen ab fünf Häusern. Die Bewohner kämpfen gegen Windmühlen.

Diese traumhafte Abgelegenheit wird dem Reinsberger "Oberholz" nun zum Verhängnis.
Diese traumhafte Abgelegenheit wird dem Reinsberger "Oberholz" nun zum Verhängnis.  © Steffen Füssel

Die Ruhe, die Natur, ein grenzenloser Sternenhimmel: Es gibt unzählige Gründe für die Flucht aufs Land, wie sie die Familien Blasche und Sternkopf vor 30 und 15 Jahren antraten. Hier, eine gute halbe Stunde von Dresden entfernt, fährt kein Bus, fließt kein Wasser, flimmert kein Kinofilm.

"Aber wenn man den Hügel hinabfährt, ist man zu Hause", wie Runhild Blasche (62) sagt.

Doch diese heimelige Ruhe wird von Rotoren bedroht: Der Meißner Energieparkbauer UKA plant einen Windpark in nur 630 Metern Abstand zum letzten Haus. Möglich "dank" sächsischer Bauordnung, nach der eine Siedlung erst ab fünf Häusern gilt. Den vier Ex-Dresdnern fehlen zwei Nachbarn.

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"Wir waren fassungslos", sagt Nachbar Dirk Sternkopf (51). Tino Blasche (61) fühlt sich seitdem wie ein "Versuchskaninchen in einer Feldstudie". Beide Familien sehen ihr Vermögen dahinschmelzen: Wer kauft schon ein Haus unter einem Windrad? Sie sorgen sich um Bausubstanz, Lautstärke, Schattenwurf.

"Alle drei Häuser sind auch auf Brunnenversorgung angewiesen", fährt Dirk Sternkopf fort. Bei einem 266 Meter hohen Windrad könne man sich ausmalen, welche Dimensionen das Fundament einnehmen muss. "Wenn sich das aufs Grundwasser auswirkt, stehen wir auf dem Trockenen."

Tino (61, v.l.) und Runhild Blasche (62) sowie Dirk (51) und Cynthia Sternkopf (47).
Tino (61, v.l.) und Runhild Blasche (62) sowie Dirk (51) und Cynthia Sternkopf (47).  © Steffen Füssel
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Ganze Gemeinde steht hinter Dorfbewohnern

Windräder wie dieses sollen schon bald ganz in der Nähe der Siedlung stehen. (Symbolfoto)
Windräder wie dieses sollen schon bald ganz in der Nähe der Siedlung stehen. (Symbolfoto)  © 123RF

Über den Buschfunk haben die Nachbarn letztes Jahr von den Plänen erfahren. Ein Termin beim Bürgermeister blieb folgenlos. "Also haben wir die Bürgerinitiative gegründet", so Dirk. "Ganz Steinbach steht hinter uns", sagt Cynthia Sternkopf (47).

Tino: "Uns hat bis heute keiner sagen können, warum dieses vierte Windrad in unmittelbarer Nähe sein muss!"

Wegen der "wirtschaftlichen Tragfähigkeit, Netzanschlussmöglichkeiten, Artenschutzfachlichen Restriktionen, Topographie, Turbulenzvermeidung und Grundstücksverfügbarkeit", teilte der UKA auf TAG24-Nachfrage mit.

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Maßgeblich für den Bau sei "die Einhaltung der Grenzwerte (Schall, Schattenwurf, Infraschall). Diese werden [noch] durch unabhängige externe Fachgutachter berechnet."

Der Gemeinde seien durch übergeordnetes Recht die Hände gebunden, hieß es. Dirk Sternkopf schüttelt mit dem Kopf: "Die Landbevölkerung wird abgehängt."

Kampf gegen Windmühlen

Mochte Windräder schon immer, bezweifelt aber, dass sie hier wirklich sein müssen: TAG24-Redakteur Erik Töpfer.
Mochte Windräder schon immer, bezweifelt aber, dass sie hier wirklich sein müssen: TAG24-Redakteur Erik Töpfer.  © Steffen Füssel

Ein Kommentar von Erik Töpfer

Je weiter man aus den Großstädten rausfährt, desto häufiger sieht man Banner, Kreuze, Windkraftgegner aller Couleur. Und desto steifer wird mein Nacken vor lauter Kopfschütteln. Doch was dem Reinsberger Oberholz droht, lässt auch mich fast zum Windkraftkritiker werden.

Schon als Kind fand ich Windräder cool. Ähnlich wie der Wilsdruffer Bleistift waren die Anlagen für mich Anker in der Landschaft. Die nun gewonnene Funktion als dreiblättrige Stinkefinger in Richtung USA, Russland und andere Energie-Mächte sind ein schöner Nebeneffekt.

Doch die Posse, die sich da im Reinsberger Oberholz anbahnt, wird selbst grüne Stammwähler zweifeln lassen. Und es passiert nicht, weil es sein muss.

Die Flächenziele des Landkreises sind längst erreicht. Einfach, weil sie es können - so ist der Eindruck. Und der erhärtet sich, wenn man die Antworten des UKA liest.

Es schmerzt aber vor allem, zu sehen, wie Gräben vertieft statt gefüllt werden. Windkraftgegner hielt ich bislang für undifferenzierte, konservative Zukunftsverweigerer (sorry!). Was den Sternkopfs und Blasches geschieht, ist aber ein Unrecht, das es aufzuhalten gilt.

Und das als Mahnmal für die nächsten Anlagenpläne nicht in Vergessenheit geraten darf. Denn wenn wir Energieanlagen nicht für und mit den Menschen bauen - ja, für wen denn dann?

Titelfoto: Bildmontage: Steffen Füssel, 123RF

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