Sachsens Arbeitsagentur-Chef im Interview: Frisst die KI bald meinen Beruf?

Dresden - Welche Berufe haben heute überhaupt noch Zukunft? Diese Frage stellen sich längst nicht nur Schulabgänger und Studenten. Die Nutzung von Künstlicher Intelligenz verändert zunehmend Lebens-, Lern- und Arbeitswelten. In diesem Interview spricht Klaus-Peter Hansen (64) als Chef der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit mit TAG24-Redakteurin Pia Lucchesi (52) über Trends, Brüche und die Lage am Ausbildungsmarkt.

Klaus-Peter Hansen (64) ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit und stolzer Großvater von drei Enkelkindern.  © Kristin Schmidt

TAG24: Herr Hansen, bitte stellen Sie sich folgende Situation vor: Die Berufswahl bereitet ihrem Enkel Kopfzerbrechen, denn die KI verändert die Jobwelt tiefgreifend. Er bittet Sie um Rat. Was würden Sie ihm empfehlen?

Hansen: Er sollte vor allem auf sich selbst achten. Welche Interessen hat er? Bei was, das er tut, vergeht die Zeit wie im Flug? Was begeistert ihn, macht ihn neugierig, verlangt ihm Wissen ab? Das alles finden wir auch in den Berufen wieder.

TAG24: Nebenbei gefragt: Verändert die KI wirklich alle Berufe?

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Hansen: Ja, überall dort, wo sie Prozesse oder Wissensarbeit verändert. Im Übrigen: Keine Generation wusste, welche Anforderungen zehn oder 20 Jahre später im Beruf verlangt werden.

TAG24: Hätten Sie noch einen Tipp?

Hansen: Ich würde ihn fragen: Worin bist du gut? Entscheidend sind heute nicht nur fachliche Dinge, sondern auch soziale, persönliche und methodische Kompetenzen - etwa Teamfähigkeit oder die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Sie werden in vielen Berufen immer wichtiger. Fachwissen allein reicht künftig nicht mehr aus.

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Viele Jugendliche wollen Verkäufer oder Verkäuferin werden.  © Bundesagentur für Arbeit
Ausbildungsplätze für Mechatroniker bieten Firmen in ganz Sachsen an.  © Imago

"Die KI wird schnellere und inhaltlich stärkere Umbrüche bringen"

Laut Klaus-Peter Hansen (64) wird die KI schnelle und inhaltliche Umbrüche bringen.  © 123rf/bestofgreenscreen

TAG24: Also den Fokus auf die persönlichen Tugenden legen und lieber in beruflichen Bildern und Welten wie Industrie, Medizin oder Verwaltung denken als sich an Jobbezeichnungen wie Schlosser, Kaufmann oder Pfleger zu klammern?

Hansen: Richtig.

TAG24: Raten Sie das auch Menschen, die studieren wollen?

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Hansen: Ja. Wir werben bei den Bildungspolitikern dafür, dass man dem Kompetenzansatz mehr Raum gibt. Die Fachlichkeit, die im tradierten System mit Noten bewertet wird, ist in meiner Welt nur ein Viertel des Kuchens. Tendenziell sinkt die Halbwertszeit von Fachwissen. Die KI beschleunigt das. Je flexibler die Menschen ihre Kompetenzen weiterentwickeln, desto leichter können sie mit Veränderungen im Beruf, neuen Technologien und anderen Umbrüchen umgehen.

TAG24: Sind wir darauf gut vorbereitet? Stichwort Bildungssystem.

Hansen: Dieses Beharrungsvermögen, auf die Fachlichkeit vor allen Dingen zu schauen, ist mir da zu stark und nicht wirklich zukunftstauglich. Die KI wird schnellere und inhaltlich stärkere Umbrüche bringen. Wir haben rund 330 Ausbildungsberufe. Es ist eine Frage der Effizienz von Schulbildung, wenn Sie mal ein Kompetenzmodell darüber legen.

TAG24: Rund 7500 Jugendliche in Sachsen haben derzeit noch keine Ausbildung. Besorgt Sie das?

Hansen: Nein, das ist völlig normal. Viele Jugendliche fahren heute mehrgleisig. Als Großvater würde ich meinem Enkel auch sagen: Setz nicht nur auf ein Pferd. Hab einen Plan B. Wir beobachten zunehmend, dass das Angebot nicht auf die Nachfrage passt - wegen regionaler Unterschiede, verschiedener Berufswünsche oder unterschiedlicher Erwartungen von Bewerbern und Betrieben.

TAG24: Wer sollte da flexibler werden?

Hansen: Beide Seiten sollten aufeinander zugehen.

Eine Automechanikerin bei der Arbeit. Geschlechterrollen brechen auf in der Arbeitswelt.  © Imago
Tischler? Werden auch in Zukunft gebraucht.  © Imago

Zunehmende Verunsicherungen auf dem Arbeitsmarkt

Die Landesarbeitsagentur Sachsen hat ihren Sitz in Chemnitz.  © Kristin Schmidt

TAG24: Gibt es neue Trends auf dem Ausbildungsmarkt?

Hansen: Wir sehen zunehmende Verunsicherung. Je länger die Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt andauern, wird das auch Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt haben - wir werden Federn lassen.

TAG24: Rund 200 Berufsberater in 13 sächsischen Jugendberufsagenturen helfen Jugendlichen beim Start in die Ausbildung. Ist das so noch zeitgemäß angesichts der Möglichkeiten, sich online zu informieren?

Hansen: Immer mehr Jugendliche brauchen trotz vieler elektronischer Möglichkeiten und Kompetenzen doch eine Hand, um sozusagen in das Tor zu treffen. In der Welt des Fußballs würde man es so ausdrücken: So manche Jugendliche werden relativ untrainiert auf den Platz gestellt. Wir stehen am Spielfeldrand und sind bereit, mit ihnen zu trainieren.

TAG24: Über 3000 Jugendliche verlassen jedes Jahr die Schule ohne einen Abschluss. Sind die Jugendberufsagenturen darauf eingestellt?

Hansen: Ja. Schulabbrecher gab es schon immer. Wir müssen akzeptieren, dass Berufswege künftig häufiger nicht geradlinig verlaufen. Entscheidend ist, dass junge Menschen auch über Umwege oder in Etappen ihren Berufsabschluss erreichen. Daher gibt es auch passende Förderangebote.

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Zwei Pflegerinnen schieben Patienten mit Rollstühlen über einen Krankenhausflur.  © dpa/Daniel Bockwoldt

Auch ohne Abschluss ist nicht alles zu spät

Kathrin Petermann (50, M.) arbeitet als Pädagogin in einer Produktionsschule. Sie weckt bei Josephin (20, l.) und Lysandra (18) Interesse am Töpfern.  © Stefan Häßler

Von den 35.500 Schulabgängern 2025 in Sachsen verließen insgesamt 3200 Jugendliche die Schule ohne Abschluss - also fast jeder 11. Absolvent. Diese Quote ist seit Jahren annähernd konstant.

Viele bemühen sich, den Jugendlichen Perspektiven zu eröffnen. Dazu zählen auch die elf Produktionsschulen, die in Sachsen selbst um ihre Zukunft kämpfen müssen.

"Produktionsschulen eröffnen jungen Menschen konkrete Wege in Ausbildung und Beschäftigung und stärken damit zugleich die Zukunftsfähigkeit des Freistaats", sagt Dietrich Bauer (65), Vorstandsvorsitzender der Diakonie Sachsen. Die Einrichtungen verbinden praktische Arbeit, Bildung und sozialpädagogische Begleitung. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen, die dort beschult werden, ist zwischen 16 und 18 Jahre alt.

Die derzeitige Finanzierung der Schulen erfolgt maßgeblich über befristete projektbezogene Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Damit einher geht nur begrenzte Planungssicherheit. "Die Wirksamkeit der Angebote ist belegt. Es braucht den nächsten Schritt: weg von einer Projektförderung hin zu verlässlichen, langfristigen Finanzierungsstrukturen", mahnt ein Sprecher der Diakonie.

Keinen Schulabschluss in der Tasche? In Sachsen kann man nach einem Berufsvorbereitungsjahr an einem Berufsschulzentrum den Hauptschulabschluss erwerben. Außerdem bereiten Bildungsträger Menschen auf den externen Erwerb eines Hauptschulabschlusses vor.

"Es gibt sogar die Möglichkeit, ohne Schulabschluss eine Lehre anzufangen", berichtet Frank Vollgold von der Bundesagentur für Arbeit. Angebote dafür gibt es besonders in handwerklichen, gastronomischen oder dienstleistungsorientierten Berufen.

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