Einer der Letzten seiner Art: Schlittenbauer zeigt dem Winter die Hörner
Neustadt - Mitten in der Sächsischen Schweiz wird noch gehobelt. Hier hält Gerd Klingner (75) in seiner Werkstatt ein Handwerk am Leben, das es kaum noch gibt: Er ist Stellmacher und damit einer der letzten traditionellen Schlittenbauer Deutschlands.
Die Stellmacherei befindet sich schon seit 1899 in Familienhand. Klingners Großvater gründete damals die Werkstatt auf der Neuhäuser 32, in der bis heute Holz gebogen, gedämpft und zu Rodeln verarbeitet wird.
Für Gerd Klingner war früh klar, in dessen Fußstapfen zu treten. Zunächst entschied er sich jedoch für eine Karosserieausbildung, denn "das Stellmacherwerk war da eigentlich schon fast ausgestorben, man musste sich umstrukturieren".
In den 80er-Jahren führte er dennoch die beiden Betriebe zusammen. Aufgeben wollte er das Ganze nämlich trotzdem nicht: "Ich hab einfach einen Narren an Holz gefressen."
Heute baut der 75-Jährige höchstens 100 Rodeln im Jahr, die schneearmen Winter lassen ihm keine andere Wahl: "Dieser Beruf steht und fällt mit dem Wetter. Bis zur Wende haben wir zwischen 400 und 500 Stück gebaut. Da waren wir zu viert in der Werkstatt und haben in zwei Schichten arbeiten müssen", erinnert er sich.
Gerd Klingner ist der letzten Stellmacher in der Sächsischen Schweiz - und denkt noch lange nicht ans Aufhören
Früher dienten die Schlitten im Winter sogar noch als normales Fortbewegungsmittel im tief verschneiten Sachsen. Heute ist der Bau für Klingner allein ein Herzensprojekt - und eine Jahresarbeit, denn er kostet vor allem Zeit und Nerven: "Im Frühjahr beginnt man, die Kufen zu schneiden. Die müssen dann gedämpft werden, um sie in diese charakteristische Hörner-Form zu biegen." Den Sommer über trocknen die Holzteile dann ausgiebig, damit sie im Herbst zusammengesetzt werden können.
Doch warum eigentlich Stellmacherei? Weil der Beruf des Stellmachers traditionell alle Holz-"Gestelle" umfasst: Wagenräder, Kutschen - und eben Schlitten: "Das kommt von 'Gestell', egal ob vom Rad oder Wagen", erklärt der 75-Jährige.
In der Sächsischen Schweiz ist er schon längst der Letzte seiner Art: "Es gibt im Erzgebirge noch einen", weiß Gerd. Umso mehr freut sich der gelernte Karosserie-Meister, mit seinem Enkel Leonard (22) doch noch einen würdigen Nachfolger gefunden zu haben: "Da ist gewisser Stolz, dass die Familientradition weitergeführt wird." Seinen Meistertitel hat der 22-Jährige seit Herbst frisch in der Tasche, wird damit die Autowerkstatt übernehmen. Doch auch die Stellmacherei wird Leonard parallel weiterführen.
Und Klingner senior? Er denkt noch lange nicht ans Aufhören: "Ich muss jetzt nicht mehr der Erste in der Werkstatt sein. Aber man muss in Bewegung bleiben, denn der Tod lauert auf dem Sofa!"
Titelfoto: Bildmontage: Petra Hornig (2)

