Schadstoffhaltiges Sickerwasser fließt noch immer in Flüsse: Bringt dieser Öko-Filter die Lösung?
Freiberg - Der Silber- und Erzbergbau im Erzgebirge machte Sachsen einst reich, berühmt und hat dem Erzgebirge sogar seinen Namen verliehen. Doch bis heute müssen wir mit den Hinterlassenschaften des Bergbaus kämpfen. So fließt schadstoffhaltiges Sickerwasser aus Abraumhalden noch immer in unsere Flüsse. Forscher aus Freiberg haben jetzt eine dreistufige Reinigungsanlage entwickelt, um solche Abraumwasser zu filtern.
Wenn Dr. Eberhardt Janneck (73) sich mal wieder kurz von seiner Frau verabschiedet, um angeblich zum Einkaufen zu radeln, dann ist selten wirklich der Supermarkt sein Ziel. Dann strampelt der 73-Jährige heimlich zu seiner neuen Liebe, zu seinem "geliebten Baby", wie er es nennt.
Das "geliebte Baby" des Seniorenberaters der Freiberger Ingenieursgesellschaft G.E.O.S. ist ein Reaktor auf dem Betriebsgelände der SAXONIA Standortentwicklungs- und -verwaltungsgesellschaft am Fuße des Hammerberges in Freiberg.
Der reinigt im Schutz von Bäumen auf einer Wiese still und leise das Sickerwasser des Hammerbergabsetzbeckens im Stadtteil Halsbach. Und Dr. Janneck liebt es, regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Sogar öfter, als er müsste.
Bislang floss dort schadstoffbelastetes Sickerwasser der früheren Erzaufbereitungsanlage "Davidschacht" erst in den Roten Graben und dann in die Freiberger Mulde. Das Wasser ist mit Schwermetallen wie Kadmium und Nickel, aber auch Zink, Kobalt, Mangan und Aluminium belastet.
Jetzt ist zwischen den Aufbereitungsrückständen und dem Vorfluter eine dreistufige Modulanlage zwischengeschaltet, die die Schadstoffe aus dem Sickerwasser filtert. Die Anlage wurde von der TU Bergakademie Freiberg (TUBAF) gemeinsam mit der G.E.O.S. Ingenieurgesellschaft mbH und dem Förderverein Montanregion Erzgebirge entwickelt.
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Das Geheimnis der Wasserreinigung steckt in drei Auffangbehältern
"Im MindMontan-Projekt setzen wir bei der Reinigung vollständig auf biologische und chemische Prozesse", sagt G.E.O.S.-Projektleiterin Dr. Jana Pinka (62).
Und das geht so: Das Geheimnis der Wasserreinigung steckt in drei Auffangbehältern, wie sie auch im heimischen Kleingarten stehen könnten. Zuerst trifft das belastete Sickerwasser im ersten Behälter auf einen Kalksteinfilter.
"Der entfernt auf chemischem Weg Aluminium aus dem Wasser, das als Aluminiumhydroxid in einem Auffangsack gesammelt wird", erklärt Janneck. Zudem hebt Kalkstein den pH-Wert von sauren 5 auf einen neutralen Wert von 7 an. Der Auffangsack muss zwar regelmäßig geleert werden. Aber so oft, wie Janneck bei seinem "geliebten Baby" vorbeischaut, auch wieder nicht.
Säule zwei der Wasserreinigung übernehmen Bakterien. Sie wandeln im zweiten Behälter Metalle in unlösliche Produkte um, die später fachgerecht entsorgt werden können.
Dass die sogenannten sulfatreduzierenden Mikroben wirklich eifrig am Werk sind, verrät fauliger Geruch durch Schwefelwasserstoff. Wenn's also stinkt, arbeitet Jannecks "Baby" auf Hochtouren. Dafür züchtet Prof. Dr. Sabrina Hedrich (43) vom Institut für Biowissenschaften der TUBAF extra besonders eifrig reagierende Bakterienkulturen im Labor. Der technische Assistent Dennis Oßmann (40) prüft die Agilität unterm Mikroskop.
Weitere funktionierende Kläranlagen dieser Art auch in Ehrenfriedersdorf und Breitenbrunn
Zum Schluss kommt noch Box Nummer drei ins Spiel - eine pflanzliche Kläranlage. "Dabei halten Wurzeln von Gras zum Beispiel Schwebstoffe im Wasser zurück", erklärt Janneck. Jede Stunde fließen 15 bis 35 Liter durch die Versuchsanlage, um sich der Dreifachsäuberung zu unterziehen. Das Trio ist so effektiv, dass sich die Wasserqualität zwischen Eingang und Ausgang um das 50-fache verbessert. Am Ende sind 98 Prozent aller Metalle aus dem Wasser verschwunden sind. "Allein der Kadmiumgehalt ist kleiner als ein Mikrogramm je Liter und entspricht damit den Normen zur Einleitung in den Fluss", sagt Projektleiterin Pinka.
Das Projekt wird mit 370.000 Euro aus Bundesmitteln gefördert. Davon gehen 165.000 Euro an die TUBAF, 116.000 Euro an G.E.O.S.
Die Versuchsanlage ist genügsam. "Sie könnte zehn Jahre laufen, ohne dass Chemikalien nachgefüllt werden müssen", sagt Pinka. Weiterer Vorteil: Die Anlage ist klein dimensioniert und modular aufgebaut, sodass sie sich überall und in jeder erdenklichen Größe in die Natur eingliedern lässt.
Neben der Testanlage in Freiberg wurden von G.E.O.S. inzwischen auch in Ehrenfriedersdorf und in Breitenbrunn funktionierende Kläranlagen dieser Art errichtet. Was dort und am Hammerberg kompakt im Kleinen schon funktioniert, könnte bald auch weltweit im Einsatz sein - zum Beispiel in den Bergbaurevieren von Großbritannien, den USA, in Spanien oder Südkorea.
"Und es könnte helfen, die Wasserrahmenrichtlinie der EU umzusetzen, die 2027 die Forderung aufmacht, dass alle Fließgewässer in einem guten chemischen und ökologischen Zustand sein sollen", sagt MindMontan-Projektleiterin Prof. Dr. Sabrina Hedrich von TUBAF.
Bis dahin fließt noch viel Sickerwasser in die Mulde. "Im ehemaligen Bergbaugebiet der Hammerberghalde lagern immerhin rund 330 000 Tonnen Flotationsrückstände", schätzt Dr. Janneck. Da wird er noch oft für vermeintliche Spontaneinkäufe bei seinem "Baby" vorbeischauen müssen.
Warum sind Bergbaurückstände so gefährlich?
Schwermetalle reichern sich in Knochen, Leber und Nieren an, verdrängen dort andere wichtige Mineralstoffe. Die Folgen können chronische Entzündungen, Bluthochdruck, Nierenschäden und Stoffwechselprobleme sein.
Vor allem Schwermetalle wie Kobalt und Nickel können zudem das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.
Titelfoto: Bildmontage: IMAGO/Rainer Weisflog, , Petra Hornig

