Steinmeier besucht sächsischen Jugendwerkhof: DDR-Heimkinder dürfen nicht vergessen werden

Von André Jahnke

Torgau - Hinter Mauern und Wachtürmen wurden Jugendliche in Torgau zu sozialistischen Persönlichkeiten umerzogen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (70, SPD) hat ehemalige DDR-Heimkinder in Torgau getroffen. Dabei betonte er: Ihr Schicksal dürfe nicht in Vergessenheit geraten.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (70, SPD) vor einer Arrestzelle der Gedenkstätte Jugendwerkhof in Torgau. In der Einrichtung sollten Jugendliche innerhalb weniger Monate zu "sozialistischen Persönlichkeiten" umerzogen werden sollten.  © Jens Schluter/AFP POOL/dpa

Die jungen Menschen, die hier waren, seien ihrer Jugend und ihrer Würde beraubt worden, sagte Steinmeier nach einem Besuch der Gedenkstätte "Geschlossener Jugendwerkhof" in Torgau. "Diese Kinder und Jugendlichen gehörten zu den verwundbarsten Opfern." Über ihr Leid sei noch viel zu wenig bekannt.

Die Begegnungsstätte erinnert seit 1998 an die haftähnlichen Zustände, unter denen die Jugendlichen zu DDR-Zeiten in Torgau zu "sozialistischen Persönlichkeiten" umerzogen werden sollten.

Der "Geschlossene Jugendwerkhof" glich mit seinen drei Meter hohen Mauern, den Wachtürmen, den Diensthunden und den vergitterten Fenstern schon äußerlich einem Gefängnis. 

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Von 1964 bis 1989 wurden laut Angaben der Gedenkstätte 4046 Jugendliche eingewiesen. Offiziell war es die einzige geschlossene Heimeinrichtung der DDR. Insgesamt durchliefen von 1949 bis 1989 etwa 135.000 Kinder und Jugendliche solche Umerziehungseinrichtungen in der DDR.

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Bundespräsident nennt Jugendwerkhof "Ort des Schreckens"

Steinmeier und der Präsident des Sächsischen Landtags Alexander Dierks (38, CDU) erweisen den Opfern der Heimerziehung ihre Reverenz. Im Laufe der DDR-Geschichte wurden rund 135.000 Kinder und Jugendliche in Jugendarbeitslagern und Spezialkinderheimen zur sozialistischen Umerziehung gezwungen.  © Jens Schluter/AFP POOL/dpa

Nach einem Rundgang durch die Ausstellung "Ich bin als Mensch geboren und will als Mensch hier raus!" sprach Steinmeier mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Er könne nur erahnen, wie schwer es sein müsse an den "Ort des Schreckens zurückzukehren", an dem Zwang, Gewalt, Demütigung und Entwürdigung geherrscht hätten. Einige dieser Zeitzeugen teilen auch bei Führungen unter anderem mit Schulkassen ihre Erinnerungen. 

"Jugendliche müssen wissen, zu welcher Brutalität die SED in der Lage war, und es verbietet sich jegliche Verharmlosung", richtete der Bundespräsident seinen Dank an die Betroffenen. Auch auf diesem Wege werde die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verteidigt.

Steinmeier hofft, dass die juristischen Verfahren zur Rehabilitierung der ehemaligen Heimkinder, vereinfacht werden. Die Betroffenen hatten ihm von zahlreichen Hürden berichtet, um eine Anerkennung als SED-Opfer zu erhalten. Die meisten von ihnen hatten wegen der Unterbringung in den Heimen nur eine geringe Schulbildung und leben heute noch am Existenzminimum. 

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Die Idee für den Besuch Steinmeiers war vor fast sieben Jahren entstanden. Damals waren Vertreter des Trägervereins im Schloss Bellevue und hatten auf die Situation ehemaliger DDR-Heimkinder aufmerksam gemacht. Daraufhin hatte der Bundespräsident sein Interesse an einem Besuch der Gedenkstätte bekundet.

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