Ist das jetzt aber wirklich die beste 2. Liga aller Zeiten, Toni Leistner?
Lagos (Portugal) - Mit 221 Zweitligaspielen kennt Toni Leistner die Tücken im Unterhaus wie kein Zweiter. Im zweiten Teil des TAG24-Interviews spricht der Vizekapitän über die 2. Liga, die Aufstiegschancen von Hertha BSC und sein mögliches Karriereende.
TAG24: Ihr seid schlecht in die Saison reingekommen, habt dann aber richtig losgelegt - mit einer tollen Siegesserie von sieben Siegen in Serie. Was waren die Gründe, warum ihr plötzlich auf einer Erfolgswelle geritten seid?
Leistner: Ein wichtiger Faktor war sicher die Umstellung auf Viererkette. Wir haben eine Formation gefunden, die uns geholfen hat, weil wir dadurch unseren Spielstil anpassen konnten. Das hat sich dann ausgezahlt. Und wenn es gut läuft, gibt es natürlich keinen Grund, etwas zu verändern.
Außerdem hat uns die größere Kaderbreite durch die Rückkehr der verletzten Spieler extrem geholfen, das Trainingsniveau und die Qualität insgesamt weiter zu steigern.
TAG24: Das Jahr endete nicht nur wegen der Roten Karte mit einer leichten Enttäuschung. Dennoch ist noch alles drin. Es sind nur sechs Punkte auf einen Aufstiegsplatz. Ist Hertha schon reif für die Bundesliga?
Leistner: Wir haben jetzt seit dem Abstieg die beste Hinrunde gespielt, obwohl sie am Ende trotzdem noch enttäuschend war. Aber gerade, wenn man die Phase mit den sieben ungeschlagenen Spielen sieht, wie wir die Spiele bestritten haben, dann kann man schon mit uns rechnen. Ich denke schon, dass wir in der Lage sind, oben noch mal näher heranzukommen.
Aber wie Luca (Schuler) auch schon gesagt hat: Die ersten Spiele der Rückrunde sind entscheidend. Die muss man erstmal alle erfolgreich bestreiten. Wenn wir wieder so rein starten wie in der Hinrunde, dann haben wir mit dem Aufstieg wahrscheinlich gar nichts mehr zu tun.
Hertha BSC darf sich Fehlstart nicht erlauben
TAG24: Einen Fehlstart wie zu Saisonbeginn dürft ihr euch dann nicht erlauben. Wenn es blöd läuft, haben sich die Träumereien nach dem Hammer-Auftaktprogramm schon wieder erledigt.
Leistner: Nein, es wäre jetzt auch unklug, auf das übernächste Spiel zu schauen. Nach dem Trainingslager bereiten wir uns spezifisch auf Schalke vor. Wir schauen immer nur auf das nächste Spiel, auch wenn es eine Floskel ist. Aber so bereitet man sich im Fußball Woche für Woche vor. Da bringt es nichts, jetzt schon an Karlsruhe oder den Pokal zu denken.
TAG24: Wenn einer die 2. Liga kennt, dann Toni Leistner. 221 Spiele hast du schon für Hertha, HSV, Union und Dynamo auf deinem Buckel. Es ist jetzt schon fast ein Running-Gag, aber ist das jetzt wirklich die beste 2. Liga aller Zeiten?
Leistner: Ich würde vielleicht sagen, es ist die interessanteste Liga. Ohne zu bewerten, ob sie gut oder schlecht ist. Das macht diese Liga auch aus. Jeder kann jeden schlagen. Gucken wir auf den letzten Spieltag: da schlägt Braunschweig den Tabellenführer Schalke. Das sind diese Dinge, die den Fußball vor allem in der zweiten Liga auch so interessant und schön machen. Dass gerade in dieser Liga auch die Underdogs oder die Teams, die unten stehen, immer mal für eine Überraschung gut sind.
Wie Toni Leistner über die 2. Liga denkt
TAG24: Als du 2011 dein Profidebüt gegeben hast, war Hertha noch Erstligist. Zwischendurch hast du der 2. Liga selber den Rücken gekehrt. Inwieweit hat sich der Fußball in all den Jahren verändert?
Leistner: Es ist alles physischer, jünger und technisch stärker geworden. Als ich 19 oder 20 Jahre alt war, war es noch unvorstellbar, dass mal ein 16-Jähriger bei den Profis mitspielt. Da kam keiner auf die Idee, mal in den jüngeren Teams zu gucken, ob einer vielleicht schon reif genug wäre. Dazu sind die Jungs heutzutage auch viel reifer. Wenn ich Kenny sehe, der kann gefühlt gegen jeden Körper mithalten. Solche Spieler habe ich damals noch nicht in der U17, U19 gesehen.
TAG24: Stefan Leitl spricht es auch immer wieder an, aber was genau kann man eigentlich unter Zweitliga-Fußball verstehen? Worauf kommt es an?
Leistner: Jede Mannschaft kann kicken. Es ist wichtig, Mentalität auf den Platz zu bekommen. Ich glaube, dass Mentalität auch Talent schlagen kann, wenn das Talent nicht die gewisse Mentalität an den Tag legt. Das ist das, was sehr wichtig ist: Mentalität mitzubringen, als Team aufzutreten, sein Ego hinten anzustellen. Dann hat man am meisten Erfolg in dieser Liga.
Beendet Toni Leistner 2026 seine Karriere?
TAG24: Du hast bereits angekündigt, deine Karriere bei Hertha beenden zu wollen. Im Sommer läuft dein Vertrag aus. Heißt das, dass die Abschiedstournee eingeleitet wird oder wird das Karriereende noch einmal nach hinten verschoben?
Leistner: Ich mache mir derzeit keine Gedanken, was im Sommer passiert. Ich bin immer im stetigen und guten Austausch mit den Verantwortlichen. Wenn es irgendetwas zu berichten gibt, dann werden wir das tun. Ich fühle mich gut, kann noch gut mithalten. Deswegen werden wir sehen, was kommt und was auch mein Körper sagt.
TAG24: Bei Union zeigt Christopher Trimmel Jahr für Jahr, dass er auch im hohen Fußballalter noch hervorragend kicken kann. Er will erst mit 40 Jahren aufhören. Das wäre in deinem Fall erst in fünf Jahren. Klingt das realistisch?
Leistner: (Lacht) Das werden wir sehen. Ich habe immer gesagt: Solange die Beine tragen, solange ich nicht hinterherrenne, solange mich nicht das Zwicken im Körper so nervt, dass es mich hindert, werde ich meinen Körper entscheiden lassen. Ich werde von Saison zu Saison abwägen und dann werden wir sehen, was da rauskommt.
TAG24: Zum Abschluss noch eine fiese Frage: Aufstieg oder Pokalfinale?
Leistner: Beides. Es gibt kein entweder/oder.
Titelfoto: David Inderlied/dpa

