Wie letztes Jahr: Eigengewächse müssen jetzt Hertha retten!

Berlin - Hertha BSC steht das Wasser bis zum Hals! Zehn Jahre nach dem letzten Abstieg wird der erneute Gang in die 2. Liga immer wahrscheinlicher. Fünf Spiele haben die Berliner noch Zeit, sich doch noch irgendwie zu retten, doch wer geht voran? Im Sky-Interview sprach Felix Magath (68) Klartext.

Das erlösende Tor: Mit seinem Treffer zum 2:1 machte Jessic Ngankam (21, r.) die Tür zum Klassenerhalt weit auf.
Das erlösende Tor: Mit seinem Treffer zum 2:1 machte Jessic Ngankam (21, r.) die Tür zum Klassenerhalt weit auf.  © Martin Meissner/AP-Pool/dpa

Führungsspieler sind quasi nicht vorhanden. Das musste selbst Quälix zugeben.

"Der Einzige ist Prince Boateng, der anhand seiner Verletzungen jedoch keine 90 Minuten spielen kann. Er könnte seine Mitspieler mitreißen und Spiele wie gegen Union mit seiner Mentalität umbiegen", so der 68-Jährige. "Der fehlende Leader führt dann dazu, dass wir am Samstag nicht mehr ins Spiel zurückfinden."

Hertha und die fehlenden Führungsspieler - ein nicht enden wollendes Thema. Schon in der vergangenen Saison, als die Alte Dame gerade so dem Abstieg entkam, ächzten die Fans nach einem Leader.

Hertha bleibt die Drama-Queen der Liga: Hat Magath die Relegation heraufbeschworen?
Hertha BSC Hertha bleibt die Drama-Queen der Liga: Hat Magath die Relegation heraufbeschworen?

Mit Sami Khedira (35) schien man den perfekten Anführer gefunden zu haben. Der Weltmeister von 2014 kam verletzungsbedingt zwar nur auf neun Einsätze, mit ihm auf dem Platz war aber eine ganz andere Struktur im Spiel.

Ähnliches hat man sich in Charlottenburg auch von Kevin-Prince Boateng (35) erhofft. Sein Wort hat in der Kabine zwar Gewicht, auf dem Rasen kann er der Mannschaft aber nur selten helfen. In der Rückrunde reichte es gerade mal zu zwei Einsätzen. Unter Magath hat der Routinier noch keine einzige Sekunde gespielt.

Felix Magath setzt bei Hertha BSC auch auf Jugendspieler

Linus Gechter (18, l.) ist vermutlich die positive Entdeckung der Saison. Vergangenes Jahr war es Marton Dardai (20).
Linus Gechter (18, l.) ist vermutlich die positive Entdeckung der Saison. Vergangenes Jahr war es Marton Dardai (20).  © Sören Stache/dpa, Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Und doch lohnt sich ein Blick auf die vergangene Saison, denn am Ende waren es nicht die teuren Transfers wie Matheus Cunha (22), Krzysztof Piatek (26) oder Jhon Cordoba (29), die entscheidenden Anteil am Klassenerhalt hatten, sondern der eigene Nachwuchs.

Jessic Ngankam (21) wurde mit seinem entscheidenden 2:1 beim FC Schalke 04 quasi zum Hertha-Retter. Marton Dardai (20) war aus der Dreierkette kaum wegzudenken und wurde nicht wegen des Nachnamens zum Herthaner der Saison gewählt.

Auch Luca Netz (18) spielte trotz seiner damals erst 17 Jahre eine wichtige Rolle. Hinzu kamen die Talente Jonas Michelbrink, Jonas Dirkner (19) und Marten Winkler (19), die allesamt ihr Bundesliga-Debüt feierten.

Vorm Nachsitzen in der Relegation: Hertha will Köpfe im Trainingslager freibekommen
Hertha BSC Vorm Nachsitzen in der Relegation: Hertha will Köpfe im Trainingslager freibekommen

Letzterer kommt mit der Empfehlung von acht Toren in 18 Spielen in der Regionalliga und scheint auch bei Magath Eindruck hinterlassen zu haben. Mit seiner Schnelligkeit könnte der Nachwuchsstürmer das lahme Offensivspiel beleben.

Gegen Bayer Leverkusen (1:2) durfte er auch schon für immerhin 25 Minuten seine Qualitäten unter Beweis stellen.

Wird Linus Gechter der nächste Marton Dardai?

Marcel Lotka (20) wird wohl für den Rest der Saison seinen Vorderleuten um Marc Oliver Kempf (27, l.) Anweisungen geben.
Marcel Lotka (20) wird wohl für den Rest der Saison seinen Vorderleuten um Marc Oliver Kempf (27, l.) Anweisungen geben.  © Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Für die größte Überraschung sorgte Herthas Feuerwehrmann aber beim Derby, als er den eigentlichen Rechtsverteidiger Julian Eitschberger (18) Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt (25) vorzog. Zur Pause korrigierte er zwar das Experiment, dennoch könnte es in den entscheidenden Spielen genau der richtige Weg sein.

Die Spieler wissen, was es bedeutet, das Trikot von Hertha BSC zu tragen. Sie brennen für den Verein. Mit ihrer Unbekümmertheit könnten sie im nervenaufreibenden Abstiegskampf zudem zum großen Trumpf werden. Sah es nach dem 3:0 über die TSG 1899 Hoffenheim noch so aus, als würde Magath vor allem auf erfahrene Spieler setzen, heißt es in letzter Zeit Jugend forscht.

Denn dass die Eigengewächse Qualitäten haben, haben sie trotz der enttäuschenden Spielzeit auch in dieser Saison ein ums andere Mal bewiesen. Allein Linus Gechter (18/12 Bundesligaspiele) ist drauf und dran Winter-Neuzugang Marc Oliver Kempf (27) aus der Startelf zu verdrängen. Marcel Lotka (20, kam erst vor zwei Jahren nach Berlin) trieb schon Union mit seinen Paraden zur Verzweiflung, überzeugt aber auch als Lautsprecher.

Da der eigentlichen Nummer eins Alexander Schwolow (29) das Saison-Aus droht, kommt es in den entscheidenden Wochen gegen den FC Augsburg, VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld auf Polens U21-Nationalkeeper an. Genauso aber auch auf die anderen hoffnungsvollen Talente. Sie sollen erneut Hertha retten!

Titelfoto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa, Sören Stache/dpa

Mehr zum Thema Hertha BSC: