Returnal im Test: Was kann der PS5-exklusive Sci-Fi-Thriller?

Atropos - Da ist er also, der lang erwartete Exklusivtitel für Sonys Playstation 5: "Returnal" verspricht eine dichte Sci-Fi-Atmosphäre, gepaart mit rasend schnellen Shooter-Einlagen und einer mysteriösen Geschichte auf einem fremden Planeten. Ob Entwickler Housemarque in dem bisher größten Projekt all diese Elemente erfolgreich zusammenführen konnte, erfahrt Ihr im Test.

In der ersten Trailer-Show zum Playstation-5-Release war "Returnal" bereits zu sehen. Jetzt kommt der Sci-Fi-Thriller mit leichter Verspätung auf Sonys Flaggschiff.
In der ersten Trailer-Show zum Playstation-5-Release war "Returnal" bereits zu sehen. Jetzt kommt der Sci-Fi-Thriller mit leichter Verspätung auf Sonys Flaggschiff.  © Sony Interactive Entertainment

40 Minuten sind seit meinem letzten Neustart vergangen. Drei Parasiten klammern sich an meinen Raumanzug, die mir unter anderem mehr Nahkampfstärke verleihen, die Stürze aus großer Höhe aber auch mit einer Minimierung des Gesundheitsbalkens bestrafen.

Der düster neblige Raum, in dem ich mich befinde, scheint sicher zu sein. Kein Gegner wird auf meinem Radar mehr angezeigt, nachdem ich zwei fiesen behemothähnlichen Tentakelaliens die letzte Ruhe gewährt habe.

Meine Waffe, eine Art Schrotflinte mit Säureanteilen, ist bereits wieder zum Kampf bereit und dürstet nach weiteren widerlichen Kreaturen. Meine Lebensanzeige spricht jedoch eine andere Sprache.

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Zu groß sind eigentlich meine Verletzungen, um herausfinden zu wollen, was hinter der nächsten Tür wartet. Da Heilung aber weit und breit nicht zu sehen ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als eine der drei möglichen Pforten aus diesem Areal zu nehmen.

Nach wenigen Schritten weiß ich, dass ich mich für das falsche Tor entschieden habe. Hinter mir wird der eben geöffnete Durchgang durch eine gigantische Schutzabsperrung verriegelt, die sich nur auflöst, wenn ich den potenziell größten Macker aus dem eben betretenem Bereich aus dem Weg räume.

Nach einer ultraschnellen Bullet-Hell-Einlage mit gefühlt 20 Gegnern wache ich wieder an meinem abgestürzten Raumschiff auf. Das Biest hat mich erlegt, die letzte Dreiviertelstunde habe ich quasi umsonst gespielt. Das ist "Returnal".

Willkommen in einem Alptraum

Die Spielwelt vermittelt perfekt den Flair eines fremden Alienplaneten. Einiges hat man sich offenbar bei "Metroid Prime" abgeschaut.
Die Spielwelt vermittelt perfekt den Flair eines fremden Alienplaneten. Einiges hat man sich offenbar bei "Metroid Prime" abgeschaut.  © Sony Interactive Entertainment

Wer von "Returnal" einen seichten Zwischendurchtitel für Gelegenheitsspieler erwartet, sollte sich direkt nach einem anderen Game umsehen. Die Arcade-Experten von Housemarque haben es geschafft, den teils krassen Schwierigkeitsgrad ihrer Shoot'em-Ups wie "Resogun" auf Next-Gen zu transportieren.

Ihr schlüpft in die Rolle von Astronautin Selene, die ein merkwürdiges Signal vom unbekannten Planeten Atropos empfangen hat. Die darauffolgende Bruchlandung stand so sicher nicht im Navigator-Handbuch. Die Folge nach dem Absturz: Raumschiff futsch, Waffe weg und keine Kommunikation zur Kommandozentrale.

Spätestens, als die junge Wissenschaftlerin kurz darauf ihre eigene Leiche findet und komischerweise ihr Wohnhaus auf dem Planeten aufgetaucht zu sein scheint, wird klar, dass auf Atropos irgendwas gewaltig schief läuft.

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Trotz der mysteriösen Ausgangslage ist "Returnal" aber nie ein echtes Horrorspiel, außer Euch stehen schon beim Anblick fieser Alienmonster die Haare zu Berge. Das angesprochene Haus könnt Ihr im Laufe Eurer Reise immer mal wieder betreten, um einzelne Storyschnipsel zu ergattern.

Natürlich wollt Ihr erfahren, was auf diesem seltsamen Planeten los ist und Eure vergangenen Ichs haben auch stetig ein paar Hinweise per Memo hinterlassen. Dennoch spielt die Geschichte nur eine Nebenrolle in "Returnal". Der Fokus liegt ganz klar auf dem Kampfgeschehen.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Kommen mehrere Gegner zusammen, können die Kämpfe durchaus auch mal hektisch werden. Dass man da nicht getroffen wird, scheint fast unmöglich.
Kommen mehrere Gegner zusammen, können die Kämpfe durchaus auch mal hektisch werden. Dass man da nicht getroffen wird, scheint fast unmöglich.  © Sony Interactive Entertainment

"Returnal" ist ein sogenanntes "Roguelite". Das heißt, nachdem Euch böse Widersacher niedergestreckt haben, was sehr oft passieren wird, landet ihr quasi wieder am Anfang. Im Vergleich zu einem "Roguelike" bleiben ein paar Elemente aber dauerhaft vorhanden.

Habt Ihr zum Beispiel einen Endboss besiegt, müsst Ihr diesen nicht noch einmal besiegen. Wichtige Items, wie Euer Nahkampfschwert, beehren ebenso dauerhaft Euer Inventar.

Darüber hinaus müsst Ihr Euch Eure Wummen, Skills und andere nützliche Effekte jedes Mal aufs Neue erarbeiten.

Der Ausgangspunkt bleibt dabei immer das abgestürzte Raumschiff, in dem Ihr, nach dem Erlegen des ersten Bosses, übrigens auch im Herausforderungsmodus im übertragenen Sinne gegen andere Spieler Eure Ballerkünste unter Beweis stellen könnt.

Dieses Element des immer wiederkehrenden Verlustes stellt auch die größte Herausforderung von "Returnal" dar. Dass man immer wieder vor den Trümmern seiner gerade hart erarbeiteten Waffen und Fähigkeiten sitzt und einem das eben Getane völlig umsonst vorkommt, könnte einige Spieler auf Dauer demotivieren. Der anfangs erwähnte knackige Schwierigkeitsgrad verstärkt diesen Faktor noch einmal.

Technisch eine Wucht

Im Laufe des Spiels können sich einige nette Wummen zu Eurem Arsenal gesellen. Die werdet Ihr für manche Gegner aber auch brauchen.
Im Laufe des Spiels können sich einige nette Wummen zu Eurem Arsenal gesellen. Die werdet Ihr für manche Gegner aber auch brauchen.  © Sony Interactive Entertainment

Klammert man dies jedoch aus und hat kein Problem damit, in einer weiteren Runde immer und immer wieder nach dem Maximum zu streben, entfaltet "Returnal" seine ganze Power.

Housemarques PS5-Debüt sieht absolut fantastisch aus, steuert sich blitzschnell und lupenrein und bietet mit dem Planeten Atropos und seinen sechs Biomen eine abwechslungsreiche, bedrückende Spielwelt.

An mancher Stelle, als die dezent gehaltene, aber absolut stimmige Musik in einem besonders ausgefallenen Alientempel die Atmosphäre perfekt untermauerte, fühlte ich mich unweigerlich an so manchen "Metroid Prime"-Moment zurückerinnert.

Dass das Werk der Retro Studios bei der Konzeption von "Returnal" wohl oftmals als Modell stand, steht außer Frage. Gelungen ist es allemal.

Da die Welt bei jedem Durchlauf komplett neu zusammengewürfelt wird, ist für Abwechslung gesorgt. Einiges bleibt jedoch zugegebenermaßen gleich: Einige Schalter, durch deren Beschuss sich Tore öffnen, oder die Platzierung von bestimmten Truhen verändern sich trotz neuem Zyklus nicht.

Wenn man oft genug stirbt, kommt dabei schon das Gefühl auf, dass man jeden Raum schon einmal gesehen hat.

Die größte Stärke: Das Kampfsystem

Spoiler: Dieser nette Herr möchte nicht gemütlich einen Kaffee mit Euch trinken. Die Gestaltung der Alienmonster ist durchweg gelungen.
Spoiler: Dieser nette Herr möchte nicht gemütlich einen Kaffee mit Euch trinken. Die Gestaltung der Alienmonster ist durchweg gelungen.  © Sony Interactive Entertainment

Doch alles eben Erwähnte wäre nichts wert, wenn das Kampfsystem nicht mitspielen würde. Das tut es aber.

Selene rennt quasi dauerhaft über den Planeten, kann schnell zu allen Seiten dashen und durch geschickte Sprungeinlagen selbst dem aussichtslosesten Kugelhagel ausweichen.

Je länger Ihr nicht getroffen werdet, umso größer wird Eure Adrenalinleiste, die Euch im Kampf gewisse Vorteile bringt. Ein Treffer reicht aber auch da, um in diesem Punkt quasi wieder neu anfangen zu müssen.

Das Level gefundener Waffen kann zudem steigen, beispielsweise wenn Ihr größere Aliens erlegt habt. Von verschiedenen Pistolen über Maschinengewehre bis hin zu zielsuchenden Patronen ist bei der Auswahl alles dabei. Je nachdem wie weit Ihr im Spiel vorangekommen seid, gibt es neues Arsenal zu finden.

Besonders interessant ist der Einsatz von Parasiten und verseuchten Objekten. Parasiten findet Ihr hin und wieder zufällig in den Levels und könnt Euch in der Folge entscheiden, sie an Euren Anzug zu heften. Jeder Parasit liefert allerdings, wie eingangs erwähnt, sowohl einen Vorteil, als auch einen Nachteil.

Ähnlich verhält es sich bei den verseuchten Objekten wie Artefakten, die ebenfalls zufallsgeneriert auftauchen können. Entscheidet Ihr Euch, diese ins aktuelle Inventar aufzunehmen, kann es Fehlfunktionen wie weniger Schaden durch Eure Waffen verursachen. Diese Fehlfunktionen lassen sich jedoch wieder beheben, beispielsweise wenn Ihr eine gewisse Anzahl an Gegnern tötet oder ein paar Kisten öffnet.

Fazit zu "Returnal"

Ich würde "Returnal" wirklich so gerne lieben, doch ich kann es leider nicht. Dieses ständige, absolut frustrierende Gefühl, wieder neu anfangen zu müssen, raubt mir jegliche Motivation. Es ist kurios: Als soulslikeerfahrener Spieler stört es mich nicht, einen Boss immer und immer wieder versuchen zu müssen - ans "Rogue-Like/Rogue-Lite"-Genre finde ich aber einfach nicht heran.

Neutral betrachtet muss ich nach dem Test jedoch zugeben, dass "Returnal" in seinem Genre ein absolutes Brett ist. Housemarque hat sich mit dem Sprung aus ihren arcadeinspirierten Shoot'em-Ups hin zu diesem extrem dynamischen Sci-Fi-Thriller selbst übertroffen. Die Kämpfe sind adrenalingeladen, die Stimmung eines fremden Alienplaneten wurde perfekt eingefangen und die Geschichte ist trotz ihrer untergeordneten Rolle spannend genug, um weiter dranbleiben zu wollen.

Dadurch, dass sich mit jedem Zyklus die Welt neu gestaltet und stetig andere Waffen oder Parasiten beinhalten kann, ist auch dauerhaft für genügend Abwechslung gesorgt. Bei manchem Durchlauf findet man bereits nach fünf Minuten ein passendes Geschoss, an anderer Stelle läuft Selene nach einer halben Stunde noch mit einer mickrigen Pistole durch die Gegend.

Jeder, der mit dem Rogue-Like-Genre schon einmal zu tun hatte und dadurch nicht abgeschreckt wurde, kann sich den PS5-Hit trotz des stolzen Preises von 80 Euro bedenkenlos in den Warenkorb legen. Allen anderen sei gesagt: Besitzt Ihr nicht eine gewisse Frusttoleranz und Ausdauer, kann "Returnal" Euch wortwörtlich die Nerven rauben.

Titelfoto: Sony Interactive Entertainment

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