Corona-Pandemie: Verstärken Video-Konferenzen und Selfies neuen Schönheitswahn?

Lindau - Größere Augen, glattere Wangen - mit Fotofiltern ist das in Sozialen Medien keinerlei Problem. Immer mehr Jugendliche wollen aber auch ohne digitale Hilfe so aussehen, sagen plastische Chirurgen. Erwachsene entwickeln in der Pandemie zudem ebenfalls neue Schönheitswünsche.

Immer mehr Jugendliche wollen ohne digitale Hilfe "besser" aussehen. Doch auch Erwachsene entwickeln weiter neue Schönheitswünsche.
Immer mehr Jugendliche wollen ohne digitale Hilfe "besser" aussehen. Doch auch Erwachsene entwickeln weiter neue Schönheitswünsche.  © --/Bodenseeklinik/dpa

Seit mehr als 30 Jahren erfüllt Werner Mang (71) Schönheitswünsche. Immer mehr junge Patienten schicke er aber wieder weg, sagt der Leiter der Bodenseeklinik für plastische Chirurgie in Lindau.

"Heute in der Früh hatte ich hier wieder ein 13 Jahre altes Mädchen, das die Nase von Kylie Jenner haben wollte", sagt der 71-Jährige, der schon Götz George (†77) die Nase gerichtet hat. "Diese Entwicklung ist krank. Mark Zuckerberg hat Monster erschaffen."

Soziale Medien und Fotofilter als Treiber eines neuen Schönheitswahns bei Jugendlichen?

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Auch der plastische Chirurg Alexander Hilpert (56) sieht darin eine gefährliche Entwicklung. "Wer häufig Bilder von sich versendet, will auch schöner aussehen", sagt der 56-Jährige, der in Duisburg und Düsseldorf praktiziert, und führt weiter aus: "Das hat sich in den letzten Jahren extrem verstärkt, diese Anfragen kommen inzwischen täglich."

Verlässliche Zahlen dazu liegen der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC) nicht vor. In seiner Jahresstatistik 2020 erfasste der Verband nur tatsächlich vorgenommene Eingriffe und die Motivation dazu, nicht aber die abgelehnten Anfragen.

Demnach legten Patienten nur in 2,3 Prozent der Fälle digital bearbeitete Vorlagen von sich selbst als Zielvorstellung vor - ein deutliches Minus von 11,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. "Die Statistik ist Corona geschuldet", sagt Hilpert.

Jugendliche während Coronavirus-Pandemie noch häufiger im digitalen Raum unterwegs

Eine andere Wirkung auf Außenstehende erzielen? Seit mehr als 30 Jahren erfüllt Werner Mang (71) Schönheitswünsche.
Eine andere Wirkung auf Außenstehende erzielen? Seit mehr als 30 Jahren erfüllt Werner Mang (71) Schönheitswünsche.  © Bernhard Huber Munich/Bodenseeklinik/dpa

"Ich gehe ganz sicher davon aus, dass diese Anfragen wieder ansteigen." Schließlich seien Jugendliche während der Pandemie noch häufiger im digitalen Raum unterwegs als zuvor. "Die Leute sehen dort nur noch schön gemorphte Vorbilder", betont er. "Und wenn man Tänze auf TikTok nachmacht, möchte man oft auch so aussehen."

Der Ende vergangenen Jahres vorgestellten JIM-Studie zufolge haben Jugendliche im Pandemie-Jahr 2020 Instagram, Snapchat, TikTok und Co. gegenüber dem Vorjahr häufiger genutzt.

Am deutlichsten war der Anstieg demnach bei TikTok: Die Zahl der Jugendlichen, die angaben, die App mindestens mehrmals wöchentlich zu nutzen, stieg um stolze 19 Prozent. Besonders beliebt war die bekannte App bei 12- bis 15-Jährigen.

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Wer Vorbildern dort oder seinem eigenen Filter-Selfie ähnlicher werden wolle, schicke man wieder weg, betonen Mang und Hilpert jedoch deutlich.

"Es ist aber klar, dass die dann woanders hingehen", sagt Mang. "Oft kommen sie dann leider wieder zu mir, wenn der Schaden schon entstanden ist." Mang fordert deshalb strengere Kriterien bei der Ausbildung von ästhetisch-plastischen Chirurgen. "Das ist ein Wildwuchs", sagt Mang.

"Es ist möglich, dass jemand eine Nase operiert, ohne das vorher jemals in der Ausbildungszeit getan zu haben." Bei der Suche nach einem Arzt solle man auf den Titel "plastische Chirurgie" oder "plastische Operationen" achten.

Fachärzte können durch Schönheitseingriffe Geld dazuverdienen

Größere Augen, glattere Wangen oder ein "hübscheres" Lächeln? Mit Fotofiltern ist das in sozialen Medien kein Problem. (Symbolbild)
Größere Augen, glattere Wangen oder ein "hübscheres" Lächeln? Mit Fotofiltern ist das in sozialen Medien kein Problem. (Symbolbild)  © Friso Gentsch/dpa

Abseits dessen gebe es viele Fachärzte aus anderen Bereichen, die sich durch Schönheitseingriffe entsprechend Geld dazuverdienten, sagt Hilpert.

Sie dürften sich Schönheitschirurgen nennen, weil dies keine geschützte Berufsbezeichnung sei. "Sogar Heilpraktiker dürfen dem Gesetz nach Falten unterspritzen, die Ausbildung kann man auch online machen", sagt Hilpert. "Dabei muss man da schon Ahnung von Anatomie haben, um zum Beispiel nicht wichtige Blutgefäße zu treffen."

Um Eingriffe durch unqualifizierte Anbieter zu vermeiden, empfehle er Patienten oft, einfach ein paar Jahre später wiederzukommen, sagt Hilpert. "Dann kriegt man auch einen kleinen Rabatt."

Doch auch Erwachsene sehen sich wegen der Coronavirus-Pandemie immer öfter selbst auf dem eigenen Bildschirm: Videokonferenzen gehören für viele Arbeitnehmer im Homeoffice inzwischen längst zum Alltag. Nach Angaben der DGÄPC ging es bei Schönheitseingriffen im Jahr 2020 auffällig häufig um Veränderungen im Gesicht.

"Viele haben sich in der Corona-Zeit ständig selbst bei Zoom gesehen", sagt Hilpert. "Viele kommen deshalb und sagen, sie hätten gern eine Augenlid-Operation." Videokonferenzen zeigten das Alter der Teilnehmer eben "schonungslos", sagt Mang.

Angaben der DGÄPC deuten darauf hin, dass das auch im Fernunterricht der Fall war: 27 Prozent der Mitglieder gaben an, dass Lehrer im Frühjahr 2020 häufiger als üblich in ihre Praxis kamen. "Schönheitspapst" Mang bleibt auch bei diesen Eingriffen zurückhaltend. Er selbst habe sich nie unters Messer gelegt. "Ich bin stolz auf meine Tränensäcke."

Titelfoto: --/Bodenseeklinik/dpa

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