Ja oder nein zur Antibabypille? Das sagt eine Gynäkologin zu Risiken und Nebenwirkungen

Deutschland - Die Antibabypille sorgt für reine Haut, tolle Haare oder einen prallen Busen. So oder ähnlich bewerben manche Pharmaunternehmen ihre Präparate regelrecht als Lifestyle-Produkte, die doch vor allem eins sollen: sicher verhüten! Was ist dran an den Beauty-Versprechen? Wie hoch sind die Risiken durch die eingenommenen Hormone? Und weshalb äußern sich so viele Influencerinnen kritisch zur Pille? TAG24 fragte bei einer Frauenärztin nach.

Viele Antibabypille-Präparate sind riskant für junge Frauen, vor allem im Hinblick auf Thrombose-Gefahr!
Viele Antibabypille-Präparate sind riskant für junge Frauen, vor allem im Hinblick auf Thrombose-Gefahr!  © 123rf.com/belchonock

Als die Pille in den 1960er-Jahren auf den Markt kam, war die kleine Tablette "der größte Beschleuniger der sexuellen Revolution. Frauen jeden Alters und junge Paare erlebten ein neues Freiheitsgefühl", erfährt man im Gesundheitsmagazin der AOK. Doch heute ist sie als Verhütungsmittel umstritten und gerade für junge Frauen ziemlich riskant im Hinblick auf Embolie- und Thrombose-Gefahr!

Trotzdem "verhütet ein Drittel der gesetzlich versicherten Mädchen und Frauen unter 23 Jahren in Deutschland mit der Pille", klärt der "AOK PLUS"-Blog auf. Bestürzend ist, dass davon 52 Prozent eher risikoreiche Pillenpräparate schlucken, obwohl es durchaus weniger gefährliche Alternativen gibt.

Die Zahlen gehen aus einer aktuellen Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) hervor.

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Doch weshalb werden diese Präparate jungen Frauen überhaupt verschrieben? TAG24 sprach dazu mit der Gynäkologin und Psychotherapeutin Dr. med. Claudia Schumann-Doermer (70) aus Northeim in Niedersachsen.

"Die Einführung der Pille befreite Frauen von der Angst, ungewollt schwanger zu werden. Ein Abbruch war damals ein Tabu. Jedoch durften Ärzte zunächst nur verheirateten Frauen die Antibabypille verschreiben. Trotzdem war sie ein großer Schritt für Emanzipation der Frau", sagt Dr. Schumann-Doermer.

Doch bis heute sind es die Frauen, die Hormone einnehmen, um zu verhüten! "Wir sind damit groß geworden: Alle haben es geschluckt." Dabei sollte man die Antibabypille nur nehmen, wenn man sie wirklich braucht!

Pillen-Diskussion in sozialen Netzwerken

Die Gynäkologin und Psychotherapeutin Dr. med. Claudia Schumann-Doermer (70).
Die Gynäkologin und Psychotherapeutin Dr. med. Claudia Schumann-Doermer (70).  © privat

Klar, außer der sehr sicheren Verhütung liegen noch einige andere Vorteile auf der Hand: Die Periode kann regelmäßiger oder weniger schmerzhaft ausfallen, auch ihr Zeitpunkt kann gesteuert werden. Und im Einzelfall hat sich auch schon mal die Haut verbessert.

Fakt ist aber: Wer mit der Antibabypille verhütet, führt seinem Körper, je nach Sorte, ein Hormon oder eine Kombination mehrerer Hormone zu. Sie sollen den Eisprung verhindern oder das Einnisten einer befruchteten Eizelle in der Gebärmutter. Nutzerinnen greifen damit auf künstliche Weise in ihren natürlichen Hormonhaushalt ein und bringen ihn womöglich aus dem Gleichgewicht.

Dass viele ihrer Kolleginnen und Kollegen jungen Patientinnen ohne Weiteres auch gefährlichere Pillen-Präparate verschreiben, findet Dr. Schumann-Doermer erschreckend. Bis heute sei Verhütung kein Thema bei der gynäkologischen Ausbildung in der Klinik, kritisiert die Ärztin. In den Praxen müsse das Thema dann nachgelernt werden.

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Deshalb wirkte sie am Leitfaden "Hormonelle Empfängnisverhütung" mit. Darin werden die Wirkung verschiedener Pillen und Risiken durch die Inhaltsstoffe erklärt. Das Werk wurde 2020 veröffentlicht und gilt als Empfehlung für Frauenärzte und -ärztinnen.

Aktuell werden die Risiken durch die Antibabypille auch in sozialen Medien diskutiert. Es gibt Userinnen, die behaupten, die Pille würde ihren Körper kaputt oder den Sex nicht mehr schön machen. Oder sie erklären sie als "komplett aus der Mode".

"Man muss nichts verteufeln. Aufklärung ist wichtig. Vor allem von jungen Frauen, die noch in der Entwicklung sind und sich möglicherweise noch nie mit ihrem eigenen Körper befasst haben", sagt Dr. Schumann-Doermer dazu. Kommen weitere Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht hinzu, sei eine Beratung ebenfalls dringlich.

"Paare müssen miteinander über Verhütung reden"

Seit rund 60 Jahren ist die Antibabypille auf dem Markt, in Deutschland gibt es derzeit 50 verschiedene Präparate.
Seit rund 60 Jahren ist die Antibabypille auf dem Markt, in Deutschland gibt es derzeit 50 verschiedene Präparate.  © 123rf.com/areeya

"Für die Pille muss man sich ganz bewusst entscheiden. Frauen und Mädchen müssen die Vorteile und Risiken kennen und letztere in Kauf nehmen", betont Dr. Schumann-Doermer und rät, sich auch über andere Verhütungsmethoden, zum Beispiel Kondome, zu informieren. "Wichtig ist, dass Paare darüber miteinander reden und die Verhütungsmethode finden, die am besten zu ihrer Lebenssituation passt."

Vorsicht sollte geboten sein, wenn sich jemand durch die Pilleneinnahme unwohl oder "komisch" fühlt. Dann hilft möglicherweise, das Mittel zu wechseln oder es ganz abzusetzen.

Und wenn ohne Pille doch mal etwas "schiefgeht"? In dem Fall empfiehlt die Medizinerin die sogenannte "Pille danach". Aber nur in einer Notsituation! "Das ist besser, als ungewollt schwanger zu sein." Die hochdosierten Hormonpräparate bekommt man in der Apotheke. Ohne Rezept, mit Beratung!

Von einer längeren Pillenpause, etwa um den Körper zu "reinigen", rät Dr. Schumann-Doermer übrigens ab. "Das ist sogar gefährlich, weil das Thromboserisiko danach am größten ist", denn der Körper muss sich erneut auf die Hormone einstellen.

Wer die Pille hingegen länger einnehmen möchte, um die Periode zu verschieben, könne das - bei guter Verträglichkeit - auch drei bis sechs Monate lang machen.

Titelfoto: Montage: 123rf.com/areeya, 123rf.com/belchonock

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