Wird Vinted für Handel mit Kindern missbraucht? Was wirklich hinter den Vorwürfen steckt
Litauen - Verkaufen Eltern ihren Nachwuchs auf der Secondhand-Plattform "Vinted"? Wenn es nach einigen Internet-Usern geht, dann auf jeden Fall. TikTok-Nutzer brachten den Stein ins Rollen. Die Behauptung: Spezielle Inserate der Klamotten-Seite deuten auf den Schmuggel von Minderjährigen hin. Doch was genau steckt hinter den Gerüchten?
Auslöser waren mysteriöse Annoncen für Plüschtiere und Kinderspielzeug. Die angebotenen Produkte wiesen dabei horrende Verkaufspreise auf, die bis in den fünfstelligen Bereich gingen.
Stutzig wurden Verbraucher spätestens dann, als sie einen Blick auf die Beschreibungen der Artikel warfen. Dort wurden neben Alter und Geschlecht auch die Größe des "Produktes" genannt.
Zahlreiche Vinted-User machten die Fälle publik und verlangten vom Unternehmen eine Stellungnahme. Gegenüber der TAG24-Redaktion wies Vinted die Vorwürfe zurück.
"Wir haben die derzeit online geteilten Angebote eingehend untersucht und keine belastbaren Hinweise darauf gefunden, dass diese mit Kinderhandel in Verbindung stehen", teilte eine Sprecherin mit. Ein Faktencheck seitens der Firma habe keine belastbaren Beweise geliefert.
Die in den Annoncen angegeben Altersangaben sowie Körpergrößen hätten laut Vinted eine plausible Erklärung: "Die in den Angeboten angegebene Altersangabe bezieht sich auf die Altersgruppe, für die das Spielzeug bestimmt ist – ähnlich wie die Altersangabe auf einer Spielzeugverpackung – und nicht auf ein Kind."
Aufgerufene Preise von bis zu 30.000 Euro, die in den TikTok-Videos gezeigt wurden, könne sich Vinted nur durch einen "tatsächlichen Sammlerwert, Verhandlungstaktiken, Trolling oder Angebote" erklären.
Vinted appelliert an Nutzer, keine Selbstjustiz zu üben
Aufgrund der Schlagzeilen und dem Vorwurf des Kinderhandels auf der Plattform ergriff Vinted harte Maßnahmen gegen die absichtliche Verbreitung "gefälschter Angebote". Nutzerkonten wurden gesperrt, zudem arbeite das Unternehmen unentwegt mit Strafverfolgungsbehörden zusammen.
"Wir nehmen dieses Thema sehr ernst und fordern jeden, der auf verdächtige Anzeigen stößt, dazu auf, diese sofort zu melden, damit unser Sicherheitsteam sie prüfen und entsprechende Maßnahmen ergreifen kann", betonte die Sprecherin.
Illegale Aktivitäten seien auf der Secondhand-Seite weder erwünscht noch erlaubt. Zugleich warnte das Unternehmen vor Selbstjustiz im Netz: "Obwohl wir die Sorge hinter diesen Aktionen verstehen, kann dieses Verhalten zur Belästigung von legitimen Nutzern führen".
Das eigenständige Eingreifen könne außerdem zur Behinderung "echter Ermittlungen" führen.
Kinderhandel über Online-Plattformen kein unbekanntes Phänomen
Der Handel mit Minderjährigen in öffentlichen Foren ist für das Bundeskriminalamt in Deutschland schon längst kein unbekanntes Terrain mehr.
Ermittlungen konzentrierten sich auf Unternehmen wie "Etsy, SHEIN, eBay, Amazon und Wayfair.com." Dort angebotene Spielzeuge, die zu enorm hohen Preisen inseriert wurden, untermauerten den Verdacht.
"In der Vergangenheit wurden bereits mehrfach Hinweise zu vermeintlichem Kinderhandel über Online-Kleinanzeigen mitgeteilt. Diese Hinweise haben sich seinerzeit nicht bestätigt", erklärte das BKA gegenüber TAG24.
Seit fast zwei Wochen häufen sich nun bundesweit Anzeigen rund um die Plattform Vinted.
Behörden raten zur Vorsicht: Screenshots sollten nicht unmittelbar geteilt werden
Sollte sich der Verdacht des Kinderhandels bestätigen, so trete "§ 236 StGB" in Kraft. Laut BKA erfolgt eine rechtliche Einordnung stets im Einzelfall. Vergehen können mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe sanktioniert werden.
Um den Handel mit Kindern in digitalen Foren zu verhindern, arbeiten deutsche Strafverfolgungsbehörden eng mit Plattformbetreibern zusammen. Verkäuferdaten können so schneller erworben und rechtswidrige Inhalte gelöscht werden.
Im Zuge des Vinted-Skandals rät das BKA zur Vorsicht: "Screenshots oder Links zu derartigen Verkaufsanzeigen sollten nicht ungeprüft in sozialen Medien weitergeleitet oder geteilt werden."
Sollten Nutzer auf der Plattform ein für sie seltsames Inserat entdecken, empfiehlt sie die Nutzung der Melde-Funktion. "Die Plattformbetreiber sind verpflichtet, solche Inhalte unverzüglich zu prüfen und die entsprechenden Accounts im Verdachtsfall zu sperren."
Ob es sich bei den durch TikTok verbreiteten Bildaufnahmen nun um ernst zunehmende Inserate oder Fake-Darstellungen handelt, ist nicht klar.
Titelfoto: Collage/ 123RF/liudmilachernetska/STEPHANE DE SAKUTIN / AFP
