Kommentar zu möglichem Raketenbau in Leipzig: Wir rasen mit Vollgas in die kalte Vergangenheit
Leipzig - In Leipzig soll eine Fabrik für Mittelstreckenwaffen entstehen. Aufrüstung als neuer Wirtschaftsfaktor? Für TAG24-Redakteur Alexander Bischoff eine Horrorvorstellung, ein Flashback aus der selbst erlebten Zeit des Kalten Krieges. Haben wir aus der Geschichte wirklich nichts gelernt, fragt er in seinem Kommentar.
Wir sind also wieder so weit. Aufrüstung allerorten. Marschflugkörper sollen Diplomatie ersetzen. Droh- und Angst-Rhetorik beherrschen unseren Alltag.
Hatten wir alles schon mal. Ich war 15, als Ost- und Westblock bis an die Zähne bewaffnet waren und jeder Angst vor dem großen Knall hatte. Im Westen gingen damals Abertausende unter dem Peace-Zeichen auf die Straße.
Bei uns im Osten gab es staatlich gelenkte Friedensdemos mit dem Motto "Frieden schaffen gegen NATO-Waffen". Wer was auf sich hielt, hatte damals das "NATO" auf dem gelben Aufkleber weggekratzt oder übermalt.
Frieden schaffen ohne Waffen. Das hat dann irgendwann auch geklappt. Perestroika, Solidarnosc, INF-Abrüstungsvertrag, Herbst '89 haben den Kalten Krieg beendet und die Völker einander nähergebracht.
Und nun die Rolle rückwärts? Politiker und ihre Hofberichterstatter fordern eine neue Wehrhaftigkeit, betreiben und beklatschen die permanente Aufrüstung. Nun also auch in meiner Heimatstadt Leipzig. Eine Fabrik für Mittelstreckenwaffen soll hier aufgezogen werden - gleich neben BMW.
Ob der US-Rüstungskonzern Covenant wohl auch aus Brüssel aufgefordert wird, die Marschflugkörper "klimaneutral" mit E-Antrieb auszustatten?
Schaut Euch die Luftbilder des letzten Weltkrieges an!
Bleibt ernüchtert festzuhalten: Eine Generation regierender Politiker, die ein Land mit irrwitzig hohen Energiepreisen und einem Wust an ideologischen Vorgaben an die Wand gefahren haben, die nicht in der Lage sind, geopolitische Konflikte mit diplomatischen Mitteln zu befrieden, setzt nun auf die Rüstungsindustrie als neuen Wirtschaftsfaktor. Wie bitter ist das.
Wer das gutheißt, der sollte sich in amerikanischen, britischen und sowjetischen Militärarchiven die alten Luftbilder jener deutschen Städte anschauen, die im Zweiten Weltkrieg Zentren der Rüstungsindustrie waren. Sie waren die ersten Ziele.
Titelfoto: Bildmontage: IMAGO/Sven Simon ; Eric Münch
