Kommentar zur Causa Jens Spahn: Leihmutter im Ausland, Moral im Inland
Berlin - Maskenaffäre überstanden. Schlagzeilen ausgesessen. Politische Angriffe abgewehrt. Erst über seinen Kinderwunsch stolperte Jens Spahn (46, CDU). Ein Kommentar.
Sein Rücktritt als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion auf Wunsch von Kanzler Friedrich Merz (70, CDU) kommt dabei überraschend. Ausgerechnet eine private Entscheidung wurde ihm nun Verhängnis: weil er gemeinsam mit seinem Mann Daniel Funke (44) mithilfe einer Leihmutter in den USA Vater wurde. Aus einem Familienglück wurde eine Glaubwürdigkeitskrise.
Klar: Für die beiden ist die Geburt ihres Sohnes ein Grund zur Freude. Daran gibt es nichts zu kritisieren. Politisch sieht die Sache anders aus.
Die CDU hält am Verbot der Leihmutterschaft fest. Erst im Februar bekannten sich die Christdemokraten auf ihrem Bundesparteitag erneut dazu - da war die Leihmutter längst schwanger.
Auch Spahn hat diese Linie nie infrage gestellt. "Als schwuler Mann und Christ kann ich mich persönlich nur sehr schwer mit der Idee eines gemieteten Mutterbauchs anfreunden", sagte er 2015 dem Männermagazin "GQ".
Gleichzeitig nutzte er privat genau den Weg zur Familiengründung, den seine Partei anderen Menschen in Deutschland verwehren will.
Der Fall legt einen grundsätzlichen Widerspruch offen. In Deutschland ist die Eizellspende verboten. Leihmutterschaft ebenfalls. Selbst der Schwangerschaftsabbruch steht noch immer im Strafgesetzbuch.
Gleichzeitig können Menschen mit genügend Geld, den richtigen Kontakten und internationalen Möglichkeiten viele dieser Grenzen im Ausland umgehen. Wer diese Privilegien nicht hat, bekommt vom Staat vor allem eines: eine Lektion über Moral.
Causa Jens Spahn: Deutschlands Familienpolitik misst mit zweierlei Maß
Dabei geht es längst nicht nur um homosexuelle Paare. Auch viele heterosexuelle Paare mit unerfülltem Kinderwunsch stoßen an enge gesetzliche Grenzen. Wer es sich leisten kann, reist ins Ausland. Wer das nicht kann, hat oft keine Alternative.
Spahns Vaterschaft ist deshalb nicht das eigentliche Problem. Sein politischer Widerspruch ist es. Wer persönlich von Möglichkeiten profitiert, die anderen im eigenen Land auch aus dem eigenen Antrieb heraus verwehrt bleiben, muss erklären, warum genau dieses Verbot richtig sein soll.
Der Fall zeigt aber noch etwas anderes: Reproduktive Selbstbestimmung scheint in Deutschland erstaunlich flexibel zu sein. Sie wirkt akzeptabel, wenn privilegierte Menschen ihre Wünsche im Ausland verwirklichen.
Sie stößt auf enge Grenzen, sobald Frauen über ihren eigenen Körper oder Menschen ohne entsprechende Mittel über ihren Kinderwunsch entscheiden wollen. Selbstbestimmung sollte jedoch kein Privileg sein. Und erst recht kein VIP-Service.
Titelfoto: Michael Kappeler/dpa

